Deutschland AG im Umbruch | Julia Jäkel erinnert an Michael Jürgs
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
08.07.2019
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Guten Morgen,
es tut sich was in der Deutschland AG: BMW wechselt den Chef, die Deutsche Bank gleich die Strategie.

BMW-CEO Harald Krüger war am Steuer eingeschlafen und als er aufwachte, um hektisch eine Offensive der Elektromobilität zu verkünden, war es bereits zu spät. Nicht für die E-Autos, nur für ihn. Die Eigentümerfamilie hatte das Vertrauen verloren. Bilanziert man seine vier Jahre an der Spitze von BMW (siehe Grafik) wird man nüchtern feststellen: Krüger, der Teamspieler, war als Mensch ein Gewinn, aber als Nr. 1 ein Irrtum.
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Der Kapitalismus hat die fatale Neigung, sich immer wieder selbst Verletzungen zuzufügen. Bei der Deutschen Bank ist es gerade wieder passiert. Nur zehn Monate nach seiner Vertragsverlängerung wird der Chef der Investmentbanker, Garth Ritchie, das Frankfurter Geldhaus mit einer Millionenabfindung verlassen. Er hat Gewinne in Verluste verwandelt. Er hat die Reputation der Bank beschädigt und das einzige, was in Erinnerung bleibt, ist der Brexit-Aufschlag von drei Millionen Euro, den er sich als eine Art Schmutzzulage für die Mehrarbeit in London hat zahlen lassen.
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Doch angesichts der 7,4 Milliarden Euro, die nun für die Restrukturierung der größten deutschen Privatbank fällig werden, sind diese Summen nur eine Fußnote. Wenn auch die Fußnote zu einer verrückten Geschichte: Die begann vor dreißig Jahren mit dem Kauf der Londoner Investmentbank Morgan Grenfell, führte zunächst kometenhaft in den Himmel des internationalen Geldgeschäfts – und von dort direkt in die Verglühung.
 
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dpa
 
Heute Morgen wird Konzernchef Christian Sewing 1) in London und 2) in einer neuen Welt aufwachen. Der Aufsichtsrat folgte gestern Abend seiner Strategie, die das Institut zurück zu den Wurzeln führt. Man will wieder die führende deutsche Bank der Firmen- und Privatkunden sein. Alles Spekulative soll weichen, auch weil diese Wette auf die Welt nicht aufgegangen ist. Die neue Bescheidenheit muss Sewing heute früh wichtigen Investoren in der Londoner City so verkaufen, dass es nach strategischem Rückzug und nicht nach Kapitulation aussieht.

Sewing ist das, was Historiker einen „Helden des Rückzugs“ nennen. Zu allen Zeiten gab es Persönlichkeiten, die die übersteigerten Ambitionen ihrer Vorgänger beerdigen mussten. Michail Gorbatschow blieb nichts anderes übrig, als die UdSSR aufzulösen, was ihm unter dem Banner der Freiheit gut gelang. US-Präsident Gerald Ford führte die USA aus dem Debakel des Vietnamkrieges: Die militärische Niederlage wurde als Sieg der Humanität gefeiert. Dieter Zetsche musste nach dem Scheitern der Fusion von Daimler und Chrysler zur Welt AG die Stuttgarter zurück in die Normalität führen. Die Bayer AG wartet noch auf ihren Helden des Rückzugs.
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Der Kern des Rückzugs ist im Fall der Deutschen Bank die Verkleinerung der Investmentbank um 40 Prozent. Das Geldhaus will sich aus dem weltweiten Aktiengeschäft zurückziehen und damit ein Gesundschrumpfen der risikobelasteten Aktiva einleiten. Das Handelsgeschäft, vor allem das mit Zinsprodukten, will man deutlich verkleinern.

Künftig dreht sich das Geschäft nicht mehr um die eigenen Investmentbanker – alias Gordon Gekko alias Michael Douglas aus dem Kultfilm „Wall Street“ –, sondern um global aktive Kunden wie Nicola Leibinger-Kammüller, die den Laserspezialisten Trumpf leitet, wie den Tunnelbohrer Martin Herrenknecht oder wie Simone Bagel-Trah aus der Henkel-Dynastie. Diesen Typus von Kunden will Sewing künftig glücklich machen, nicht die Trader und Derivate-Händler aus London, zu deren Bespaßung man einst bei der Führungskräftetagung Elefanten-Polo besucht hatte. Das hielt man in der Ära Ackermann für den richtigen Incentive.

Die Helden des Rückzugs sind keinesfalls vor Niederlagen gefeit. Ihre Organisationen folgen oft nur widerwillig. Die Außenwelt applaudiert nicht, sondern badet sie in Schadenfreude. Das Geschichtsbuch hat für sie ein Extrakapitel eröffnet – das über tragische Helden. Möge Christian Sewing dieser Eintrag erspart bleiben.
 
Alle Welt spricht über Ursula von der Leyen und die Besetzung der EU-Kommission. Doch der für den Wohlstand, die Börsenentwicklung und die Arbeitsplätze in Europa wichtigere Posten scheint der an der Spitze der EZB in Frankfurt. Ist Christine Lagarde dafür die Richtige? Welche Möglichkeiten hat sie eigentlich noch, nachdem ihr Vorgänger die Zinsen in den Minusbereich trieb und Anleihen in Billionenhöhe aufkaufte?
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Diese Fragen habe ich für den Morning Briefing Podcast  mit Prof. Isabel Schnabel und Prof. Thomas Mayer erörtert. Sie ist eine von fünf Wirtschaftsweisen und die führende Expertin in Sachen Finanzmarktökonomie. Er ist der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank und heutige Leiter des Research Institute des Vermögensverwalters Flossbach von Storch.

Sie sagt:
Ich würde davor warnen, jetzt erneut massiv aufs Gaspedal zu treten in der Geldpolitik. Denn aufgrund der Geldpolitik der letzten Jahre haben sich Risiken aufgebaut – im Finanzsektor und auch bei den Staatsfinanzen. Ich glaube diese Nebenwirkung der lockeren Geldpolitik muss man berücksichtigen.“
Manchmal wird ja gesagt: Die EZB hat ihr Pulver verschossen. Das ist meines Erachtens nicht richtig.“
Bestimmte Probleme, die wir im Euroraum haben, lassen sich weder durch eine expansive Geldpolitik, noch durch eine expansive Fiskalpolitik lösen.“
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Er sagt:
Die Euro-Staaten sind so verschuldet, dass sie ohne geldpolitische Unterstützung diese Schulden nicht mehr refinanzieren könnten. Jens Weidmann würde gar nicht mehr passen.“
Jeder EZB-Präsident ist gefangen durch die Situation, die in den letzten Jahren geschaffen wurde. Die Niedrigzinsen sind die Voraussetzung dafür, dass diese Schuldentürme nicht umfallen.“
Diese Zinspolitik führt dazu, dass vermögende Kreise profitieren, andere nicht.“
Fazit: Europa hat keinen Grund zur Verzweiflung, aber zur Ernsthaftigkeit schon. Die Geschichte des Euro ist noch nicht zu Ende erzählt. Wir alle sind Teilnehmer eines großen währungspolitischen Menschenexperiments. Und Christine Lagarde ist für den Versuchsaufbau zuständig.
 
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Die politische Klasse befindet sich in einem bemitleidenswerten Zustand. Und das aus drei Gründen:

►Erstens: Die meisten Politiker hat das Zappelphilipp-Syndrom befallen. Tausend Themen, kein Projekt. Sie sind immer beschäftigt, jedoch ohne Konzentration. 

► Zweitens: Wenn aus der Mitte der Gesellschaft die Zurufe erfolgen – der eine ruft „Vorsicht Flüchtlinge“, der andere „Hilfe Klimakatastrophe“ – sitzt auf der Regierungsbank das Kabinett der erschrockenen Gesichter. Hastig versichern uns CDU und SPD, dass die Anliegen des Volkes auch die ihrigen seien, unbedingt und sowieso. Ödön von Horváth sagte schon: „Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“

►Drittens: Die Mehrzahl der Politiker hält den Bürger nicht für einen Partner, sondern für einen geistig und finanziell Minderbemittelten. Deshalb braucht er permanent beides: Anleitung und Almosen. Er muss zum richtigen Verhalten gestupst und gedrängt werden. Ist er uneinsichtig, folgt die Gerte, zeigt er sich gelehrig, lockt das Leckerli.
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Womit wir bei der CO2-Steuer sind. Deren Einführung soll beweisen, wie ernst es der Regierung mit dem Klimaschutz ist. Deshalb wird alles, was raucht und brennt, verteuert. Die Regierung will aber auch zeigen, wie sozial sie ist, weshalb Menschen, die ihr Haus dämmen oder die mit Elektroautos fahren, belohnt werden.

Der „Lenkungscharakter“ der neuen Steuer wird, diese Prognose sei hier gewagt, so niemals eintreten. Zu hektisch und unkonzentriert erfolgt dieser Schritt, Widersprüche gibt es dutzendfach:

►Die Verteuerungen sind sozial, das heißt minimal, weshalb sie niemanden vom Kauf eines SUV oder der Buchung einer Fernreise abhalten werden. Die Politik simuliert den Klimaschutz.

►Die CO2-Steuer kommt, aber die Kerosinsteuer bleibt bei null. Ausgerechnet das schmutzigste aller Verkehrsmittel wird nicht behelligt. Denn: Wir sollen zwar nicht fliegen, aber falls doch, dann unbedingt mit der Lufthansa und nicht mit Emirates oder Singapore Airlines, die keine Kerosinbesteuerung kennen.

►Das Elektroauto ist jetzt steuerlich begünstigt, auch wenn der Strom aus dem Kohlekraftwerk stammt. Derselbe Sachverhalt würde in der Lebensmittelindustrie, etwa wenn das Hähnchen aus der Massentierhaltung als Bioprodukt mit Tierwohl-Label vertrieben würde, den Staatsanwalt auf dem Plan rufen.

►Wir bekommen Kaufanreize für das elektrifizierte Auto, nur Strom an der Autobahn bekommen wir nicht. 

►Der Diesel wird geschmäht und mit Fahrverboten belegt, zugleich aber finanziell gefördert: An der Zapfsäule wird er mit einer geringeren Mineralölsteuer bevorteilt.

Fazit: Die Politik des Hü und des Hott will beides – den grünen Wählern imponieren, aber zugleich der Autoindustrie nicht schaden. Gewinner sind die Staatskasse und die Umverteilungsbürokratie. Die politische Klasse aber wird verlieren, weil sie Hoffnungen weckt, die sie vorsätzlich nicht erfüllt.
 
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Während Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen als designierte EU-Kommissionspräsidentin in Brüssel für sich wirbt, wurde in ihrem Ministerium mit routinierter Gleichgültigkeit festgestellt, dass neuer Ärger droht. Über eine eigene Plattform bringt die Truppe regelmäßig ausgemustertes Inventar unters Volk. Ein Förster fand auf einem erstandenen Laptop nun die Anleitung für einen Raketenwerfer vom Typ MARS – ein Dokument, das als „Verschlusssache“ gilt. Wir lernen: Der Wechsel der Ministerin nach Brüssel sollte ohne Zeitverzug erfolgen. Denn zu Hause droht friendly fire.
 
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„Eine freie Welt braucht freien Journalismus. Wir müssen ihn retten und können es auch“, schrieb Michael Jürgs im Juli des vergangenen Jahres. Journalisten sollten neugierig, fair, aber auch „unberechenbar“ sein. So sein Diktum. Mit seinem Essay „Deadline“ – veröffentlicht im „Handelsblatt“ im Sommer 2018 – hinterließ der Bestseller-Autor und ehemalige Chefredakteur des „Stern“, der vergangene Woche verstarb, sein Vermächtnis. Die Überschrift war so ironisch-provokant wie seine Persönlichkeit.
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Für den Morning Briefing Podcast  erinnert sich Julia Jäkel, die Vorstandsvorsitzende von Gruner+Jahr und langjährige Weggefährtin von Michael Jürgs:
Michael Jürgs war einer der herausragenden Journalisten des Landes: Witzig, gebildet und einfach rotzfrech.“
Die Unbeugsamkeit des Journalisten, die er vorgelebt hat, ist das, was uns auch heute noch leiten kann. Diese innere Unabhängigkeit ist sein Vermächtnis.“
Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in diese neue Woche. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor