Tesla gibt Gas | Trump lässt Panzer auffahren
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
04.07.2019
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Guten Morgen,
im Frankfurter Bankenviertel und bei der Bundesbank steht man seit der Bekanntgabe der neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde unter Schockstarre. Der Grund: Die heutige Chefin des Internationalen Weltwährungsfonds ist eine erklärte Freundin der Politik des billigen Geldes und steht damit in der gedanklichen Nachfolge von EZB-Chef Mario Draghi.

Mit Lagarde schwindet die Hoffnung auf höhere Zinsen. Die Fortsetzung der Null- und Negativzinspolitik sowie die Neuauflage des Aufkaufprogramms für Staatsanleihen werden immer wahrscheinlicher. Drei Folgen sind es, die die verantwortlichen Manager der deutschen Notenbank und der Frankfurter Privatinstitute deshalb fürchten:

►Das Geld bleibt weiterhin ohne Preis. Damit wird das Geschäftsmodell der Banken empfindlich gestört. Ihre Zinseinnahmen schrumpfen schneller als die Kostensenkungsprogramme der Institute wirken können. Das Risiko feindlicher Übernahmen, unfreiwilliger Fusionen und von Bankpleiten wächst. 

►Das billige Geld hilft jenen Kreditinstituten, in deren Bilanz ein hoher Prozentsatz an faulen Krediten schlummert. Sie können sich und ihre klamme Kundschaft leichter über Wasser halten. Wenn die Konjunktur aber abkühlt, werden diese faulen Kredite – im Bankerjargon „non-performing loans“ genannt – zur Bedrohung für das Finanzsystem.
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►Die EZB-Bilanzsumme, inklusive aufgekaufter Staatsanleihen, ist auf 4,5 Billionen Euro (siehe Grafik) angeschwollen. Das sichert die Finanzierung der Schuldenstaaten, allen voran Italien. Denn selbst wenn kein privater Investor die italienische oder griechische Staatsanleihe mehr in sein Depot nehmen würde, steht die Notenbank als Aufkäufer und „lender of last resort“ bereit. Das verhindert den Kollaps dieser Staaten, führt aber nachweislich zu keiner Verhaltensänderung.
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Die globalen Finanzmärkte am Tag danach verstärkten die Frankfurter Befürchtungen. Weltweit stiegen die Aktienkurse und auch die Notierungen an den Anleihemärkten. Die „Financial Times“ spricht von einer Rally. Der Grund sei die Erwartung der Investoren, die unter Lagarde von einer „Verlängerung der ultralockeren Geldpolitik“ ausgehen. Diese starke Nachfrage wiederum trieb die Renditen der Staatsanleihen kräftig nach unten:

► Die zehnjährige Bundesanleihe erreichte ein Rekordtief von minus 0,397 Prozent und lag damit nur knapp über dem Einlagensatz der EZB von minus 0,4 Prozent.

Frankreichs Zehnjahres-Rendite sank auf minus 0,09 Prozent.

► Für zehnjährige italienische Staatsanleihen gibt es nicht einmal 1,7 Prozent.

► Die Zweijahres-Renditen in der gesamten Eurozone liegen mittlerweile unter null.
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Christine Lagarde, deren Expertise niemand ernsthaft bestreitet, passt womöglich besser zur heutigen EZB als Jens Weidmann, was nicht als Lob, sondern als Feststellung zu verstehen ist. Sie verkörpert als ehemalige Finanzministerin den stärkeren Schulterschluss von Währungshütern und Politik, der in der früheren Welt als inakzeptabel galt und auch heute noch unsere Skepsis verdient hat.
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Regierungschefs von Shinzō Abe bis Donald Trump versuchen bereits seit längerem, die Geldpolitik unter ihre Kontrolle zu bringen. Dann können sie, wenn ihre Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik in den Portemonnaies der Wähler keine Früchte trägt, jenen magischen Stoff namens Kredit nachbestellen, der die Lücke zwischen Sein und Schein füllt. 

Einmal unter politischer Kontrolle, lassen sich die Geldkontore allerdings auch mühelos in moderne Waffenfabriken umrüsten, die für internationale Währungs- und Handelskriege die Munition liefern. Man muss Amerika nicht überfallen, nur den Dollar unterbieten. Man muss Italien nicht retten, sondern lediglich die Gläubiger in Schach halten. Man braucht in Paris keine Steuern erhöhen, wenn man in Frankfurt dafür sorgt, dass französische Staatsanleihen aufgekauft werden. 

Lagarde ist als Finanzexpertin kundig und als Ex-Politikerin willig genug, diese Hebel zu bedienen. Sie ist die charmante Schwester des Zeitgeistes und Jens Weidmann der Vollwaise einer anderen Ära. Einst war die Bundesbank seine Festung, heute ist sie sein Gefängnis.
 
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Die Deutschen Familienunternehmen zeigen wie es geht: Sie zahlen Geld in eine gemeinsame Kasse, um sich gemeinsam an Start-ups zu beteiligen. 400 Millionen Dollar haben Unternehmen wie die Otto Group, Dr. Oetker, Lidl, Bosch, Deichmann, Porsche und Family-Office, die Verlegerfamilie Jahr sowie die Rehm-Familie (Jägermeister) in einen Fonds der Risikokapitalgesellschaft Eventures eingezahlt. Eine europäische Aufholjagd (siehe Grafik) ist in Gang gekommen.
 
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Tesla hat 2018 fast 250.000 Elektroautos verkauft und damit deutlich mehr als BMW (140.000) und Volkswagen (50.000) zusammen – bei den deutschen Herstellern sind Plug-in-Hybride sogar noch mitgezählt. Gestern verkündete das US-amerikanische Unternehmen, von April bis Juni 95.200 Stromer verkauft zu haben, so viele wie nie zuvor. Die Börse honorierte diesen Verkaufserfolg mit einem Kurssprung von sechs Prozent im nachbörslichen Handel.

Tesla ist kein normales Unternehmen, sondern vor allem eine Wette auf die Zukunft. 2018 meldete Tesla eine Milliarde Dollar Verlust, 2017 waren es zwei. Insgesamt summieren sich die Schulden von Tesla jetzt auf mehr als elf Milliarden US-Dollar. Im Moment interessiert sich die Börse nicht für die Schuldenzahlen. Aber es kommt der Tag, an dem sie sich für nichts anderes interessieren wird. Elon Musk wird dann kein Star, sondern womöglich ein Schuldiger sein.
 
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Der heutige Unabhängigkeitstag der USA polarisiert das Land. US-Präsident Donald Trump nämlich will am Independence Day in Washington Panzer bei einer Parade anrollen lassen. Die Washingtoner Bürgermeisterin ist dagegen und protestiert gegen diese „Glorifizierung militärischer Macht“. Außerdem macht sie sich Sorgen um den Straßenbelag, der durch die Panzerketten Schaden nehmen könnte.

Trump ist das egal. Er ließ Dutzende Abrams-Kampfpanzer auf Züge in Richtung der Hauptstadt verladen. Vergnügt twitterte er:
Das Pentagon und unsere großen Militärführer sind begeistert, dem amerikanischen Volk das stärkste und fortschrittlichste Militär der Welt zu zeigen. Unglaubliche Flugshows & das größte Feuerwerk aller Zeiten!“
So feiert Trump vor allem seine eigene Unabhängigkeit, die von den Medien und seinen übrigen Kritikern. Vielleicht sollte er sich als Ehrengäste Wladimir Putin, Xi Jinping und Kim Jong-un auf die Ehrentribüne einladen. Sie alle lieben Militärparaden.

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor