Zetsche hinterm Zenit | Commerzbank vor DAX-Rausschmiss
 
DAS MORNING BRIEFING
07.08.2018
 
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Guten Morgen,

wir Europäer leben weiter in einer Alice-im-Wunderland-Ökonomie: Die uns umgebende Stabilität ist teuer erkauft. Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank sind auf annähernd 2,5 Billionen Euro gestiegen. Im Juli erwarben die EZB und die nationalen Notenbanken Papiere für 29,9 Milliarden Euro, wie das Team von Geldmagier Mario Draghi in Frankfurt mitteilte. Diese Summe entspricht ungefähr dem Doppelten des Bundesbildungsetats. Das meiste Geld, rund 25 Milliarden Euro, wurde für Staatsanleihen ausgegeben, die ansonsten unverkäuflich wären. Wir lernen: Alles kann man für Geld kaufen – Autos, Handys und auch die Stabilität in Südeuropa.

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Trump hat eine für Europa wichtige Kurskorrektur vorgenommen: Die Drohungen mit Strafzöllen gegenüber den DAX-Konzernen und der praktizierte Liebesentzug gegenüber EU, NATO und Merkel wurden fürs Erste eingestellt. Der wichtigste Grund: Ausweislich der Meinungsumfragen war den Trumpwählern nicht mehr klar zu machen, warum Freunde wie Feinde (Merkel) und Feinde wie Freunde (Putin) behandelt werden. So kommt es zum vorläufigen Freispruch für Europa.

Die Kehrseite dieser Kurskorrektur: Die Feinde müssen nun doppelt hart rangenommen werden. Niemand in den USA darf auf die Idee kommen, aus Donald Trump wäre ein normaler Politiker geworden. Als Vorbild dient die zentrale Wahlkampfaussage des langjährigen New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg: „Vote for me. I’m not a politician.“
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Feind Nr. 1 ist nun also wieder China: Die Strafzölle werden ausgeweitet, was im Reich der Mitte bereits zu Währungsverfall und Kursrutsch führt. Noch können Dienstleistungsdefizit und Kapitalabfluss in der Leistungsbilanz des Landes durch den Warenexport (Grafik unten) ausgeglichen werden. Aber wie lange noch, wenn Amerika diese Waren nicht mehr kaufen will?
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Die große Exportnation ist in eine gefährliche Zangenbewegung geraten, die auch das politische System unter Stress setzt. Trump führt gegen China einen Krieg ohne Kriegserklärung. Er trifft, ohne zu schießen.
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Staatsfeind Nr. 2 ist der Iran: Nach dem amerikanischen Rückzug aus der Nuklearvereinbarung werden nun auf breiter Front Sanktionen gegen das ökonomisch labile Land verhängt. Seit Mitternacht sind sie in Kraft. Hier allerdings ist durch die Hintertür auch Europa betroffen. Denn wer sich nicht dem amerikanischen Sanktionsregime anschließt, gilt im Weißen Haus als Sanktionsbrecher. Das Ergebnis: Großinvestoren aus Europa packen in Teheran ihre Koffer. Die iranische Währung taumelt. Die Arbeitslosigkeit wächst. Auf den Straßen entlädt sich der Frust gegen eine Regierung, die selbst den bescheidenen Wohlstand nicht mehr garantieren kann. So wird das Pulverfass Nahost weiter aufgeheizt. Trump hält die Streichhölzer in der Hand.
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Die von Ökonomen befürchteten Rückwirkungen auf die US-Wirtschaft sind bislang ausgeblieben. Der Präsident brüstet sich mit den Höchstständen an der Wall Street – der Dow Jones schloss heute Nacht erneut positiv – und den erfreulichen Wachstumsraten im zweiten Quartal 2018. Es handele sich um eine „wirtschaftliche Wende historischen Ausmaßes“, sagt Trump. Die Republikaner sekundieren: „America is back.“
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Doch die Rhetorik eilt den Tatsachen voraus. Nach der Finanzkrise war es Präsident Obama, der die Wirtschaft ankurbelte und dem Aktienmarkt wieder Schwung verlieh (Grafik oben). Und: Betrachtet man die langen Linien der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung seit 1945, stellt man fest: Die US-Wirtschaftsgeschichte nach 1945 ist eine Geschichte der Wachstumsverlangsamung, wie in allen reiferen Volkswirtschaften (Grafik unten). Es kommt zum tendenziellen Fall der Wachstumsraten, was wir in Europa ebenfalls kennen. Fazit: Trump feiert einen Sieg, der keiner ist. Er berichtet von Heldentaten, die er nie vollbracht hat. Im normalen Leben würde man solche Menschen Hochstapler nennen.
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In Kürze dürfte es soweit sein: Die traditionsreiche Commerzbank muss den Deutschen Aktienindex (DAX) voraussichtlich im Herbst verlassen: Die Eigenkapitalrendite lag im Geschäftsjahr 2017 bei mikroskopischen 0,6 Prozent. Das Vorsteuerergebnis im wichtigen Firmenkunden-Geschäft brach im ersten Quartal um 46 Prozent ein, was auch für das zweite Quartal nichts Gutes verheißt. Die neuen Zahlen werden heute präsentiert. Ein Master of the Universe ist die Bank schon lange nicht mehr, eher der Sozialfall des Finanzgewerbes. Wer eine der gelben Filialen betritt, spürt nicht Macht, sondern empfindet Mitleid. Etwas Schlimmeres kann einem Geldhaus nicht passieren.
 
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Auch beim einstigen Vorzeigeunternehmen der Deutschland AG läuft es nicht rund: Mercedes-Benz verkaufte im Juli weltweit nur noch 167.500 Fahrzeuge – ein Minus von fast acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Deutschland sackte der Absatz um 16,5 Prozent nach unten, in den USA um fast 23 Prozent. Mercedes-Benz Cars, die Kernsparte von Daimler, meldet für das erste Halbjahr 2018 einen Gewinneinbruch von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Verdienste von Vorstandschef Dieter Zetsche sind groß, die Erwartungen an die ihm verbleibende Restlaufzeit eher gering. Rainer Maria Rilke kommt einem in den Sinn: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren.“

Ich wünsche Ihnen einen erquicklichen Start in den neuen Sommertag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor