Gold auf dem Weg nach Moskau? | Gerald Hüther im Podcast-Interview
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
31.01.2019
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dpa
Guten Morgen,
großer Mann, ganz klein: Gestern verweigerte der Regierungsflieger A340 „Theodor Heuss“ den Start in Addis Abeba. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine 55-köpfige Delegation saßen in der Hauptstadt Äthiopiens fest – wegen „Druckluftproblemen“.Die Kanzlerin kennt das Thema der technologisch bedingten Schrumpfung. Im Dezember musste die „Konrad Adenauer“ auf dem Weg zum G20-Gipfel über dem Ärmelkanal umkehren – Angela Merkel blieb nur ein Linienflug mit Iberia nach Buenos Aires. Der Spott der Weltlenker war gesichert: Murks made in Germany. Und im Oktober legten angeblich Nagetiere den Flieger von Olaf Scholz auf Bali lahm. Auch Entwicklungsminister Gerd Müller blieb neulich auf der Strecke. Die Düsen im Regierungsjet hatten auf seinem Afrikatrip versagt. Müller war gezwungen, sein Einsatzgebiet, den afrikanischen Kontinent, gründlicher zu studieren als ihm recht war. Steinmeier selbst aber hat seine eigene Pannenhistorie, die ihn zum Primus inter pares erhebt: 2014 – damals als Außenminister in Äthiopien – platzte ein Reifen, 2016 auf dem Weg zum G7-Gipfel wartete er in der chinesischen Provinz auf Ersatzteile, in Lettland kam plötzlich ein Cockpitfenster zu Schaden und 2006 musste seine Maschine auf dem Weg zum EU-Lateinamerikagipfel wegen eines Druckabfalls in Wien notlanden. Die von der Bundeswehr bereitgestellte Untauglichkeit ist inzwischen die neue Normalität. Die deutsche Staatlichkeit, das ist die Nachricht hinter der Meldung, führt der politischen Führung vor aller Welt ihre Dysfunktionalität vor. Die nur bedingt einsatzfähige Regierungsflotte wird so zum Symbol eines politischen Abstieges, der mit dem Boom der Privatwirtschaft auf das Schmerzlichste kontrastiert. Ihre einstigen Privilegien wirken als Selbstbezichtigung auf die politische Klasse zurück. Der Regierungsflieger, früher ein Flagship Store der Macht, ist zur Ruine des Parteienstaates geworden.
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Womit wir bei Ursula von der Leyen wären. Das Versagen unterhält in ihrem Verteidigungsministerium seine Zentrale. Am 14. Februar muss sich die Ministerin vor einem Untersuchungsausschuss verantworten, weil es für sie offenbar kein Leben mehr ohne externe Berater gibt. McKinsey benutzt das Ministerium mittlerweile wie einen Geldautomaten. Die Berater sind vor allem dann erfindungsreich, wenn es um das Ersinnen von Folgeprojekten geht. Kein Rat darf so gut sein, dass er tatsächlich wirkt. „Der Einfluss der Berater im Verteidigungsministerium ging so weit, dass sie die Anforderungen für Folgeprojekte definierten – und sich so quasi selbst wieder beauftragen konnten“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Fritz Felgentreu dem „Tagesspiegel“. Folgende Arbeitsteilung hatte sich offenbar eingebürgert: Die Armee versagt, der Berater berät und der Steuerzahler zahlt. Die Ministerin ist jetzt beweispflichtig.
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dpa
Der Machtkampf in Venezuela hat alle Zutaten einer Netflix-Serie: Russische Militärberater befinden sich im Land, der US-Sicherheitsberater John Bolton vermerkt die Entsendung von 5.000 Soldaten in die Region auf einem Schreibblock, Interimspräsident Juan Guaidó darf das Land nicht verlassen und gestern spekulierte „Bloomberg“, in der Zentralbank in Caracas stünden 20 Tonnen Gold im Wert von 840 Millionen US-Dollar zum Abtransport durch eine russische Boeing 777 bereit. Am Nachmittag trieb Nicolás Maduro dann den Handlungsstrang in Richtung Höhepunkt. Vor stramm stehenden Offizieren warnte der Machthaber die USA vor einer Intervention: „Wir lassen kein Vietnam in Venezuela zu.“ Darin allerdings besteht der Unterschied zu einer Serie. In der internationalen Politik gibt es einen nur schwer zu stoppenden Automatismus zur Gewalt. Bei Netflix kann man ausschalten.
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Würde ist ein altmodisches Wort, das im Internetzeitalter wie ein Fremdwort aus prähistorischer Zeit klingt. Dabei ist Würde nur ein anderes Wort für Mensch. Würde ist der Kern vom Kern unserer Existenz. Sie ist unantastbar, sagt deshalb auch das Grundgesetz. Für den Morning Briefing Podcast  habe ich mit dem Gehirnforscher und Bestsellerautor Gerald Hüther über „Würde“ im Zeitalter ökonomischer Hyperkomplexität und persönlicher Überforderung gesprochen.
Wer die Vorstellung von einem würdevollen Leben in sein Bewusstsein gehoben hat, kann nicht mehr anders als würdevoll leben.
Der Mensch braucht die Komplexitätsreduktion. Sonst würden wir im Chaos unserer Wahrnehmungen versinken.
Jemand, der Macht über andere gewinnen muss und diese dann als Objekte benutzt, ist kein freier Mensch. Er ist ein Opfer seiner eigenen ungestillten Bedürfnisse nach Anerkennung und Macht.
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Die Anleger, die 2018 ihr Geld in die 30 Aktien des DAX gesteckt hatten, haben damit in einem Jahr fast 19 Prozent verloren. Die Dividende wirkt da wie ein Schmerzensgeld. Zusammen mit den Firmen aus M- und S-Dax könnten 2019 einer Schätzung der Dekabank zufolge fast 52,4 Milliarden Euro an die Anleger fließen – das wäre ein neuer Rekord. Daimler-Aktionäre erhalten derzeit die mit 7,7 Prozent höchste Dividendenrendite. Im Schnitt bieten die DAX-Konzerne 3,7 Prozent. Das ist mehr als 18-mal so viel wie zehnjährige Bundesanleihen einbringen. Angesichts der Nullzinspolitik hat der Bürger keine andere Chance: Er muss zum Investoren und manchmal auch zum Spekulanten werden.
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Gestern lud Siemens zur Hauptversammlung. Auch wenn CEO Joe Kaeser den Aktionären Rosen streute und die Veranstaltung als „eine Art Familientreffen“ bezeichnete – bei den von ihm vorgestellten Quartalszahlen gab es wenig zu lachen. Neben der Kraftwerkssparte enttäuschte auch das Energiemanagement mit einem stark reduzierten Gewinn. Der gesamte Konzern erwirtschaftete einen Nettogewinn von 2,1 Milliarden Euro, knapp sechs Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch die Gewinnmarge entsprach nicht den Erwartungen. Der Aktienkurs von Siemens reagierte negativ. So haben sich die Anleger das mit dem „inklusiven Kapitalismus“ (Kaeser), der alle Teile der Gesellschaft gleichermaßen beglückt, nicht vorgestellt. Punkten allerdings konnte der Siemens-Chef bei den Auftragseingängen, die ein Plus von zwölf Prozent aufwiesen. Joe Kaeser ist sein fleißigster Akquisiteur. Wer nicht aufpasst, ist nach einem Gespräch mit ihm stolzer Besitzer eines neuen Kraftwerkes. Der Mann gilt als bekennender Praktiker, ganz im Sinne von Industrie-Ikone Henry Ford: „Einen guten Ruf erwirbt man sich nicht mit Dingen, die man erst noch tun wird.“ Ich wünsche Ihnen einen unbeschwerten Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor