Land der Schuldner | Macron versus Trump
 
DAS MORNING BRIEFING
14.11.2018
 
…
imago
Guten Morgen,
Kanzlerin Angela Merkel hat sich vor dem Europäischen Parlament in Straßburg für die Idee einer europäischen Armee erwärmt. „Wir sollten an der Vision arbeiten, eines Tages auch eine echte europäische Armee zu schaffen“, sagte sie. Als Grund nannte sie die Unzuverlässigkeit des Nato-Partners USA. „Alte Verbündete stellen bewährte Verbindungen infrage“, so Merkel.
…
 
Dazu muss man wissen: Die europäische Armee ist eine Art Geisterarmee, die immer dann auftaucht, wenn sich Europa wichtig machen und die Amerikaner erschrecken will. Diese Armee hat keine Panzer, kein Budget und keinen Oberbefehlshaber. Sie wohnt seit vielen Jahren schon in den Redemanuskripten der europäischen Regierungschefs. Ab und zu schießen ihre Gardisten Macron und Merkel eine fröhliche PR-Salve in die Runde, so wie gestern in Straßburg. Danach macht es puff.
…
imago
 
Das heißt nicht, dass die Europäer – nachdem sie schon das Geld und die Schulden miteinander teilen – nicht auch eine gemeinsame Verteidigung gut gebrauchen könnten. Aber soll diese Streitmacht wirklich gegen Amerika gegründet werden? Wird damit nicht der Kern der Nato gesprengt? Und stehen am Ende des Weges womöglich eigene europäische Atomwaffen? Darüber sprach ich mit dem Luftwaffengeneral a.D. und ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat. In diesem Interview mit dem Morning Briefing Podcast  bläst er „der fußkranken Politik” gehörig den Marsch. Politiker, hört die Signale! Das Lodenmantel-Geschwader greift an.
…
dpa
 
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Donald Trump liefern sich derweil ein bizarres Fernduell. Der Franzose stichelt, der Amerikaner holzt. Macron zeigt sich selbstbewusst, Trump säuerlich. Die von Macron aufgebrachte Idee einer Europa-Armee trieb den Twitterer Trump auf die Palme: Nach der Besetzung Frankreichs durch Hitler, so teilte er aus, hätten die Franzosen doch schon angefangen, deutsch zu lernen, bevor die Amerikaner kamen. „Zahlt endlich für die Nato oder lasst es bleiben“, zürnte Trump.
…
 
Macron sagt, nachdem Trump sich selbst als Nationalisten bezeichnet hatte, dass Nationalismus das Gegenteil von Patriotismus sei. Trump erwidert: Kein Land auf der Welt sei nationalistischer als Frankreich. Macron sagt, Europa müsse sich notfalls auch gegen die USA verteidigen. Trump giftet: Macron wolle doch nur von seiner lausigen 26-prozentigen Zustimmungsrate und der fast zehnprozentigen Arbeitslosenquote ablenken. Trumps Empfehlung an den Rivalen: „MAKE FRANCE GREAT AGAIN!" Das Verhältnis der beiden Präsidenten darf nunmehr als ramponiert gelten. Zwischen den USA und Frankreich herrscht kalter Friede.
 
 
…
dpa
 
Brexit und ein Ende? Am 23. Juni 2016 votierten die Briten für den Abschied aus der Europäischen Union. Am 29. März 2019 soll der Vorhang sich schließen. Ein Kapitel europäisch-britischer Geschichte wäre beendet, bevor es so richtig begonnen hat. Das Kabinett der Theresa May hat einen fertigen Brexit-Vertrag vorliegen und wird heute Nachmittag darüber befinden. Doch die Brexit-Revolution, die die Aufständischen um Boris Johnson fortwährend verkünden, ist nicht die Lokomotive der britischen Geschichte, sondern ihre Entgleisung.
 
…
dpa
 
Die deutsche Wirtschaft verliert an Schwung und das liegt vor allem an der Autoindustrie. Die ist dabei, auf den internationalen Standard der Abgasmessung umzurüsten – und das dauert länger als gedacht, weshalb allein im August rund 310.000 Pkws weniger von den Bändern rollten. Die gute Nachricht: Das Interesse echter Kunden an echten Autos ist keineswegs eingebrochen. Die Experten rechnen mit einem Produktionsanstieg in 2019. Wäre die Volkswirtschaft eine finnische Sauna, wäre diese Abkühlung demnach nur die Pause zwischen zwei Aufgüssen.
 
…
Financial Times
 
Die Steuerreform der US-Regierung begünstigt nicht die Arbeiter, sondern die Aktionäre, wie die „Financial Times“ heute vorrechnet. Demnach hätten allein die großen Technologie-Unternehmen Apple, Alphabet, Cisco, Microsoft and Oracle in den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres eigene Aktien im Wert von 115 Milliarden US-Dollar zurückgekauft, was den Anlegern schöne Kursgewinne bescherte. Die Rückkaufsumme sei – befeuert durch die Steuerreform – doppelt so hoch ausgefallen wie die gesamten gleichartigen Programme des Jahres 2017. Es gilt das Motto: Wer hat, dem wird gegeben. Und wer viel hat, dem wird mehr gegeben.
 
…
 
Womit wir bei den armen Teufeln wären – den privaten Schuldnern. Jeder zehnte Erwachsene in Deutschland kann seine Schulden nicht zurückbezahlen. Sieben Millionen Menschen sind betroffen, knapp 20.000 mehr als in 2017.
…
dpa
 
Aber warum steigt mitten im Aufschwung die Zahl der Überschuldeten? Darüber sprach ich für den Morning Briefing Podcast  mit Michael Bretz, dem Leiter der Wirtschaftsforschung beim Inkassodienstleister Creditreform. Sichtbar wird ein Land, das wie zwei aussieht.

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor