Trump vergrößert Handelsdefizit | Kampf dem Gender-Unfug
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
08.03.2019
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Guten Morgen,
Mario Draghi ist der erste Chef der Europäischen Zentralbank, der noch nie eine Zinserhöhung durchgeführt hat. In seiner nunmehr fast achtjährigen Amtszeit machte er – gewissermaßen als erste Amtshandlung – die Zinserhöhung des Vorgängers Jean-Claude Trichet rückgängig, um von dort die Leihgebühr für das europäische Notenbankgeld bis unter die Nulllinie zu senken.

Dass die Kollegen von der amerikanischen Notenbank längst dazu übergegangen sind, dem Geld wieder einen Preis zu geben, kann Draghi nicht beirren. „Der Rat geht inzwischen davon aus, dass die EZB-Leitzinsen mindestens über das Ende 2019 auf dem aktuellen Niveau bleiben“, sagte er gestern in Frankfurt.
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Das bedeutet: Alle Schuldner werden zu Gewinnern, alle Sparer bleiben Verlierer. Ihr Geld ist am Ende des Jahres weniger Wert, als auf den Scheinen steht, denn die allgemeine Geldentwertung, im Februar lag sie bei 1,6 Prozent, arbeitet gegen sie. Auch das trägt zur sozialen Spaltung der Gesellschaft bei: Die Kapitalrenditen stiegen in den Draghi-Jahren deutlich an. Die normalen Haushalte der Sparer aber erzielen Minusrenditen von durchschnittlich 0,8 Prozent.

Die Wirtschaft wird durch eine zusätzliche Injektion billigen Geldes stimuliert, bis auch die klapprigste italienische Bank zu halluzinieren beginnt. Draghi lässt die Anleihen und Aktien jener Firmen, Banken und Staaten aufkaufen, die am freien Markt für herkömmliche Geldanleger nicht mehr attraktiv sind. Der Aufschwung, den wir in Europa erleben, ist der beste Aufschwung, den man für Geld kaufen kann.
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Die Bilanz der EZB stieg allein wegen der Wertpapier- und Anleihekäufe zwischen 2014 und 2017 um mehr als zwei Billionen Euro – auf insgesamt 4,5 Billionen. Das entspricht dem addierten Sozialprodukt von Frankreich und Italien. Es gibt kein ökonomisches Lehrbuch auf der Welt, das eine derartige Therapie empfiehlt. Wir sind – ohne dass darüber in irgendeinem europäischen Parlament jemals abgestimmt worden wäre – Teilnehmer eines welthistorisch einmaligen Experiments. Das geht genau so lange gut, bis es schiefgeht.
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In der sich abzeichnenden Rezessionen steht die europäische Notenbank mit leeren Händen da. Die Fed – darüber berichtet unsere Börsenreporterin Sophie Schimansky im Morning Briefing Podcast  – hob ihren Leitzins behutsam auf zuletzt 2,5 Prozent an, und kann damit bei Bedarf wieder gegensteuern. Der Arztkoffer aber, den Mario Draghi hinterlässt, wenn er am 31. Oktober den Chefposten räumt, ist leer. Er hat Europa nicht geheilt, nur betäubt.
 
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Das Defizit der amerikanischen Handelsbilanz ist laut US-Handelsministerium in 2018 um rund 12,5 Prozent auf insgesamt 621 Milliarden Dollar gestiegen. Das ist der höchste Stand seit zehn Jahren. Ein zentrales Versprechen der „Amerika Zuerst“-Politik von Donald Trump blieb damit bisher unerfüllt, was den Zustimmungswerten des US-Präsidenten (siehe Grafik) allerdings nichts anhaben kann.

Auch die heute Nacht erfolgte Verurteilung von Trumps ehemaligen Kampagnenmanager Paul Manafort, den ein Gericht in Alexandria wegen Steuerbetrug und Korruption für 48 Monate hinter Gittern schickt, dürfte daran nichts ändern. Seine Wähler sehen es so: Trump ist ein Schuft, aber er ist ihr Schuft. Hinzu kommt ja: Seine bisherigen demokratischen Herausforderer wie Bernie Sanders und Elizabeth Warren begeistern die „New York Times“, aber nicht die Menschen im Land.
 
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In Berlin wird heute eine Deutschland-Premiere gefeiert: Während man im übrigen Land arbeitet, haben die Hauptstädter frei. Grund dafür ist der Internationale Frauentag, der nach dem Vorbild der untergegangenen DDR nun auch im gesamten Stadtgebiet als gesetzlicher Feiertag eingeführt wurde.
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Dabei gibt es zum Feiern keinen erkennbaren Grund. Frauen verdienen im Durchschnitt immer noch 21 Prozent weniger als Männer und ihr Karriereweg führt sie selten in Top-Positionen: In den hundert größten deutschen Unternehmen sind sieben Prozent der Vorstände weiblich, unter den Aufsichtsratsmitgliedern sind es immerhin knapp über dreißig Prozent, hauchdünn mehr als es die gesetzlich verordnete Frauenquote vorsieht.
 
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Einen Erfolg gibt es pünktlich zum Frauentag zu verkünden: Erstmals wird der Wirtschaftsrat der CDU eine Frau an seine Spitze berufen. Mit Astrid Hamker, der ehemaligen Managerin und heutigen Gesellschafterin der Piepenbrock-Gruppe, soll der traditionsreichen Vereinigung eine streitbare und ökonomisch kompetente Persönlichkeit vorstehen. Wenn man über sie nur ein Wort verlieren dürfte, dann wäre es wohl dieses: gradlinig. Das Wort Opportunismus kann sie nicht buchstabieren. Eine CDU-Vorsitzende AKK erhält mit ihr keine Gegenspielerin, wohl aber ein Gegengewicht.
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Über das, was erreicht wurde und über das, was noch zu tun bleibt, habe ich für den Morning Briefing Podcast  mit zwei Vertreterinnen der Frauenbewegung 4.0 gesprochen: Nora-Vanessa Wohlert und Susann Hoffmann sind die Gründerinnen von „Edition F“, einem Onlineportal für Frauen. Und: Sie bieten mit der „Female Future Force“ ein digitales Coaching zur beruflichen Weiterbildung an.

Wir haben gesprochen über ihre Forderungen an die Gesellschaft der Gegenwart, als da wären: Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, eine wirksame Frauenquote auch für die Vorstände und deutliche Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zugleich stehen die beiden Gründerinnen nicht nur fürs Fordern, sondern auch fürs Ertüchtigen und Bessermachen. Bei ihrem jährlich stattfindenden Female Future Force Day versammeln sie über 4.000 Frauen, um sie zu vernetzen und zu unterstützen. Noras Rat an alle Frauen:
Stellt euch auf die Bühnen und redet. Positioniert euch da draußen in der Welt. Das Wasser wird nicht wärmer, wenn man später springt.
Angela Merkel ist für die Frauen eine beeindruckende Persönlichkeit, aber kein feministisches Vorbild:
Sie hat sehr viele Dinge immer noch wie die Männer gemacht und sich damit einer gewissen Tradition untergeordnet. Es mag aber sein, dass sie ein Stück weit eine Brückenfunktion hat und wir erst im nächsten Schritt nochmal weiterkommen können.
 
In Deutschland wird wieder über Sprache gestritten. Grund sind staatliche und halbstaatliche Eingriffe in den bisherigen Sprachgebrauch. Nach Studenten und Studentinnen, Bürgern und Bürgerinnen, will man die Sprache jetzt vom Geschlecht befreien. Statt Studenten sind es geschlechtsneutral formuliert Studierende, statt Radfahrern und Radfahrerinnen sind es jetzt RadFAHRENDE und im Unternehmen arbeiten jetzt die ArbeitNEHMENDEN.
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100 Autoren, Wissenschaftlern, Journalisten und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geht dieser – so nennen sie es – „Gender-Unfug“ so sehr gegen den Strich, dass sie einen Aufruf dagegen gestartet haben. Unter anderem haben die Autorin Cora Stephan, der TV-Journalist Peter Hahne, aber auch der Intellektuelle Rüdiger Safranski, die deutsche Erfolgsautorin Judith Hermann und der Sprachpapst der Journalisten, Wolf Schneider, den Aufruf unterschrieben.

Initiiert hat ihn die Schriftstellerin Monika Maron. Die allgemein und auch von mir sehr geschätzte Autorin – Flugasche, Endmoränen, Bitterfelder Bogen – wurde unter anderem mit dem Kleist-Preis und dem Lessing-Preis geehrt. Ich habe sie angerufen und mit ihr für den Morning Briefing Podcast  über unsere Sprache gesprochen – so wie sie ist und so wie sie niemals werden soll.
Es passiert etwas, was ich nur aus der DDR kenne. Sprache wird von oben verordnet. Das ist reine Ideologie und nicht nur nebenbei eine grobe Verhunzung der Sprache.
Ich kenne gar keine Frauen, die sich durch die alte Grammatik gekränkt fühlten. Mit dem Gender-Unfug bringen wir das ganze grammatische Gebilde durcheinander. Das ist Verrat an der Sprache.
Ich wünsche Ihnen einen gut gelaunten Start in das Wochenende. Wenn Sie mögen, hören wir uns morgen Früh, beim Morning Briefing Special  mit Drogeriekönig Dirk Roßmann, der uns verrät, was ihn – den Milliardär – von Anton Schlecker – dem Pleitier – unterscheidet.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor