Nackenschlag für Deutsche Bank / Schulden-Ungeheuer USA
 
DAS MORNING BRIEFING
29.06.2018
 
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Guten Morgen,
Am frühen Freitagmorgen haben sich die EU-Staaten auf ihrem Asyl-Gipfel geeinigt, zumindest auf ein gemeinsames Papier. Dieses sieht Sammelstellen für Bootsflüchtlinge außerhalb der EU vor. Auch eine stärkere Steuerung der Wanderungsbewegungen wurde vor dem Zubettgehen vereinbart. Flüchtlinge sollen sich nicht selbst einen EU-Staat ihrer Wahl aussuchen dürfen. Unklar ist nur: Wie konkret sind die Beschlüsse? Folgen den Worten auch Taten? Spielt Afrika mit, wenn es darum geht, Sammellager zu errichten? Wird der CSU-Innenminister nun seine Absicht, an der deutschen Grenze Asylbewerber abzuweisen, fallenlassen? Sind die Gipfelbeschlüsse für Seehofer die Heilige Schrift oder wertet er sie als Verpackungsschwindel? Hat die EU gestern eine Einigung erzielt oder tatsächlich einen Durchbruch?
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Die zwei Lokomotiven CDU und CSU rasten am Donnerstag weiter mit Hochgeschwindigkeit aufeinander zu. Unklar ist, wer eigentlich am Steuer steht. Sind es noch Merkel und Seehofer, oder haben beide bereits in eigener Sache einen Kontrollverlust erlitten?

Die Kanzlerin sprach vorm Bundestag wieder von einer europäischen Lösung, die sie nun, siehe oben, in der Schriftform auch erreicht hat. CSU-Scharfschütze Dobrindt versagte ihr den Applaus und redete in aufreizender Weise vom „Europa der Vaterländer“, also dem Konservatorium des Nationalstaates. Innenminister Seehofer hatte die Bildfläche gar nicht erst betreten. So fährt denn die konservative Schicksalsgemeinschaft ihrem Schicksal entgegen. Wenn die Brüsseler Weichenstellung von heute Nacht nicht von allen als Weichenstellung interpretiert wird, erlebt Deutschland den großen Knall. 82 Millionen Passagiere sind die Geiseln einer parteipolitischen Irrfahrt.
 
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Am 17. Juli wollen sich Putin und Trump zum Zweier-Gipfel in Helsinki treffen. Der Vorgang zeigt: Das Jahrhundert der Weltmächte ist keineswegs vorbei. Spätestens jetzt fällt auf, dass es ein deutscher Kardinalfehler war, Putin nach der Krimbesetzung aus dem G8-Format zu werfen. Die Krim ist noch immer besetzt, und nicht Moskau, sondern das westliche Europa steht isoliert da. Dass der US-Präsident beim vergangenen G7-Gipfel später kam und früher ging, fand man im Kanzleramt unhöflich. Dabei war es nur ehrlich.
 
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Alarmstufe rot für den amerikanischen Unternehmenssektor: Die Bonitätsprüfer von Standard & Poor’s warnen vor einem „Schulden-Exzess“, der im Falle steigender Zinsen und sinkender Rentabilität das Risiko einer Kettenreaktion berge. Derzeit sind die US-Firmen mit Schulden von 6,3 Billionen Dollar belastet, einem Anstieg gegenüber der Vor-Lehman-Zeit von 150 Prozent. Das Verhältnis von Schulden zu operativen Gewinnen beträgt 4:1.

Die Geldpolitik der Notenbanken hat Unternehmen und Staaten zur Unvernunft verführt. Jeder Schwindel beginnt als Metaphernschwindel: Diese Politik des billigen Geldes ist eben nicht billig, sondern extra teuer. Sobald der Liquiditätszauber verflogen ist, wird die eigentliche Rechnung zugestellt. Dann erst werden das Publikum und so mancher Finanzchef erkennen, wessen Geistes Kind sie sind: Der aktuelle Aufschwung war das Lockangebot. Der Verzugszins heißt Währungskrise. Was wir „Gegenwart“ nennen, ist womöglich nur die Inkubationszeit eines Ungeheuers.
 
 
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Dazu passt: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing musste heute Nacht in den USA einen weiteren Nackenschlag einstecken. Sein Geldhaus hat als einziges von 34 getesteten Banken den Stresstest der US-Notenbank Federal Reserve nicht bestanden. Die Fed sieht eklatante Schwächen bei den „Kontrollmechanismen, die den Prozess der Kapitalplanung unterstützen“. Das Ergebnis: Das Kapital der Bank darf aus den USA nicht nach Frankfurt transferiert werden. Man wird das düstere Gefühl nicht los: Diese einst stolze Deutsche Bank steht nicht am Abgrund. Sie ist schon einen Schritt weiter.
 
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Derweil wird der Berliner Flughafen immer mehr zum Museum für deutsche Zeitgeschichte. Der stillgelegte Airport soll nun massenhaft unverkäufliche Modelle der Volkswagen AG beherbergen. Das Rollfeld als Stehplatz, die Abflughalle als Ort der Stille. Die mit der Zukunft beauftragten Manager wirken wie verzauberte Friedhofswärter. Bald ziehen die Störche ein. Peter Sloterdijk hat die Melancholie unserer Zeit so gefasst: „Du kennst die Anfänge nicht, die Enden sind dunkel, irgendwo dazwischen hat man dich ausgesetzt. Verzichtest du auf weitere Fragen, bist du vorläufig in Sicherheit.“
 
 
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Überall wird heute in den Zeitungen mit der Nationalelf abgerechnet. Mein ehemaliger „Spiegel“-Kollege Hajo Schumacher aber zeigt nur mit einem Finger auf die Nationalelf – und mit vieren auf uns selbst. Seine Abrechnung in der „Berliner Morgenpost“ ist hart, aber notwendig. 

„Satirehaft illustrierte die TV-Reklame in der Halbzeit des Südkorea-Spiels den Selbstbetrug. Da wurde für ein schnelles Internet geworben, das es so kaum irgendwo gibt, und für Karossen eines Unternehmens, dessen Chef in Untersuchungshaft sitzt. Danke, liebe Nationalmannschaft, für diesen in seiner Wucht nicht mehr zu überhörenden Weckruf. Zeit zum Aufwachen. „Made in Germany“ ist kein Kissen zum Ausruhen, sondern der Auftrag anzupacken. Der beste Tag, dieses Land zu renovieren, war vor 20 Jahren. Der zweitbeste ist heute.“

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende der Gelassenheit, trotz alledem, irgendwie. Wir sprechen uns am Montag wieder. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor