Koalition ohne Mehrheit | Hoeneß tritt nach

 

DAS MORNING BRIEFING
24.07.2018
 

…

Guten Morgen,

der Niedergang der Volksparteien gehört mittlerweile zu Deutschland wie die Fliege zur Kuh. Im aktuellen INSA-Meinungstrend für die „Bild“ kann sich die SPD zwar wieder um 0,5 Prozent vor der AfD platzieren, was in Zeiten der Düsternis bereits als Lichtblick gilt. Aber insgesamt hätte die Große Koalition bei Neuwahlen keine Mehrheit. INSA-Chef Hermann Binkert: „CDU, CSU und SPD verloren seit der Bundestagswahl jeweils jeden achten Wähler.“ Diese Zahlen sind der Sturmvogel, der vom drohenden Unwetter kündet. Wenn alles bleibt wie es ist, bleibt nichts wie es war.

 

…

Die europäische Debatte, wer weitere Flüchtlinge aufnimmt, tritt auf der Stelle. Alle Gremien haben jetzt die so genannten Controlled Center für gestrandete Bootsflüchtlinge beschlossen, aber kein Land will sie einrichten. Deshalb soll heute seitens der EU-Kommission ein Plan veröffentlicht werden, wonach der gastgebende Staat künftig für jeden Neuankömmling 6.000 Euro aus der EU-Kasse bekommt. Doch die unter Druck geratenen Regierungen brauchen Wähler, nicht Geld. So gesehen ist das EU-Geld eine Ausgleichszahlung für Wählerfrust.

 

…

Die Quartalszahlen von Alphabet waren nicht gut, sondern sensationell. Umsatz und Gewinn lagen über den Erwartungen, weshalb die Kurse im nachbörslichen Handel um insgesamt fünf Prozent anzogen. Vor allem die Prognosen von Alphabet-Chef Sundar Pichai besitzen Science-Fiction-Potential. Den Geschäftsplan der Firma hat offenbar nicht der Finanzvorstand, sondern Jules Verne geschrieben.

Schon bis Ende des Jahres will Alphabet demnach amerikaweit einen Fahrservice mit autonomen Fahrzeugen an den Start bringen. Die dafür zuständige Google-Schwester heißt Waymo und hat bereits 62.000 Autos bei Fiat Chrysler und 20.000 bei Jaguar Land Rover bestellt. Zwischen Deutschland und dem Silicon Valley scheint sich damit folgende Arbeitsteilung herauszubilden: Wir fürchten uns vor der Zukunft der Mobilität. In Amerika wird sie gemacht. Uns schlottern die Knie. In Amerika klingelt die Kasse. Später – wenn wir uns beruhigt haben – werden wir die amerikanische Zukunft kopieren, sobald sie dort Vergangenheit heißt.

 

 

…

Wenige Stunden nachdem Trump die Drohungen des iranischen Präsidenten mit einer Gegendrohung vergolten hatte, meldete sich sein nationaler Sicherheitsberater John Bolton mit einer Unterstützungdrohung zu Wort: „Wenn Iran irgendetwas Negatives tut, wird das Land einen Preis dafür zahlen, den bislang noch wenige Länder bezahlt haben.“ So spricht kein Diplomat. So spricht ein Wirtshausschläger.

 

Trotzdem – oder deshalb? – steht der Präsident bei seinen Wählerinnen und Wählern hoch im Kurs. Eine aktuelle Umfrage des Fernsehsenders „CBS“ besagt, dass 70 Prozent aller republikanischen Wähler mit Trump zufrieden sind. In allen drei laufenden Wahl-Auseinandersetzungen – der Nachwahl zum Senat, der Nachwahl zum Kongress und den anstehenden Gouverneurswahlen – liegen die Republikaner vorn.

…

…

…

Man muss kein Geologe sein, um zu erkennen: Eine aus der Tiefe der Gesellschaft kommende Energie treibt den Amtsinhaber an. Trump wäre nicht mehr Trump, würde diese Quelle versiegen. Aber darauf deutet im Moment nichts hin. Womöglich ist Populismus die einzig wirklich regenerative Energie, da sie durch Entladung nur größer wird.

 

Am Freitag werden die offiziellen Wachstumszahlen der USA verkündet. Aber Bloomberg berichtete schon heute Nacht von einer freudigen Überraschung. Demnach wird die amerikanische Volkswirtschaft im zweiten Quartal um vier Prozent gewachsen sein. Das wäre das schnellste Wachstum seit 2014. Amerika erlebt ökonomisch derzeit seine Blütezeit. Alle Probleme des Landes, – von der Drogensucht bis zur sozialen Spaltung – verschwinden zwar nicht, schmerzen aber nicht mehr so. Wirtschaftswachstum ist das einzige Betäubungsmittel, das rezeptfrei verabreicht werden darf.

 

…

Das größte Problem bereitet dem französischen Präsidenten Macron nicht Putin, Trump oder ein kriegswütiger Ayatollah, sondern der eigene Leibwächter. Der sollte ihn eigentlich beschützen und bringt ihn nun in die politische Gefahrenzone. Am 1. Mai 2018 hatte Alexandre Benalla, seit der Wahlkampagne 2017 als privater Sicherheitsmann in Macrons Diensten, am Rande einer Demonstration eine Frau und einen Mann misshandelt. „Le Monde“ legte einen Videobeweis vor, wonach der Personenschützer einer Frau die Beine wegtritt und einen am Boden liegenden Mann schlägt und würgt. Für Macron wird der Fall zum humanitären Stresstest.

 

 

…

Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß hat Mesut Özil nach dessen Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erneut drastisch kritisiert. „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der Spieler habe seit Jahren einen Dreck gespielt“, sagte Hoeneß gestern. In der Nationalelf habe so einer nichts verloren. Die Altvorderen des Fußballs überbieten einander mit Grobheiten: Rücktritt mit Nachtritt. Vielleicht sollte der Fußballplatz doch wieder zur entmilitarisierten Zone erklärt werden.

Ich wünsche Ihnen dennoch einen gut gelaunten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor