Lufttaxi bleibt am Boden | Sahra Wagenknecht tritt ab
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
12.03.2019
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Guten Morgen,
Angela Merkel hat Fehler gemacht, aber sie selbst ist kein Fehler. Ihr moderater Ton, ihre Bescheidenheit, die keine gespielte ist, und eine natürliche Neugier gegenüber jedermann, zeichnen sie aus. Sie hat das Staunen und das Verschmitztsein nicht verlernt, was angesichts einer globalen Apokalypseindustrie, deren Wertschöpfungskette von Washington über Moskau bis nach Istanbul reicht, schon als Rarität gelten darf.

Zugleich aber wirkt ihre persönliche Bescheidenheit als Anspruchslosigkeit auf die politische Arbeit zurück. Die Kanzlerin hat, darin besteht die verstörende Dialektik ihrer Persönlichkeit, früh schon das Wollen eingestellt und sich auf die teilnehmende Beobachtung verlagert.

Ihre nächste Station ist – das hat sie mittlerweile öffentlich gemacht – nicht das Grande Finale, sondern die After-Show-Party. Sie will nicht Reform und Aufruhr, sondern Ruhe und Mittagsschlaf. Und vorher vielleicht noch einen Aperol Spritz.
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Die Einjahresbilanz dieser Großen Koalition, die auf lange Zeit die letzte ihrer Art bleiben dürfte, ist an Ambitionslosigkeit kaum zu überbieten. Mitten in der wirtschaftlichen Hochkonjunktur sind wir Zeitzeugen eines staatlichen Zerfalls, der von bröckliger Infrastruktur über eine dysfunktionale Bundesbahn und das erstarrte Bildungssystem, bis zu einem Rechtsstaat führt, der gegenüber kriminellen Großfamilien und terroristischen Gefährdern mitunter eine Toleranz an den Tag legt, die wie eine Senator Card für Staatsfeinde wirkt.
 
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dpa
 
Das zusätzliche Steuergeld, das die Große Koalition dem Erfolg der deutschen Exportwirtschaft und der Gelddruckmaschine von EZB-Präsident Mario Draghi verdankt, wird von Berlin hemmungslos in alle bestehenden Sozialsysteme gepumpt. Das Gute-Kita-Gesetz (bis 2022 rund 5,5 Milliarden Euro), das im November beschlossene Rentenpaket (bis 2025 rund 50 Milliarden Euro) einschließlich der Erhöhung der Mütterrente (kostet zusätzlich 3,8 Milliarden im Jahr) und das Baukindergeld (bis Ende des Förderungszeitraums 2029 rund zehn Milliarden Euro) addieren sich in einem Festival der Verantwortungslosigkeit. Jeder in Berlin weiß es, auch der SPD-Vizekanzler: Die Wohltat von heute ist der Reformbedarf von morgen.
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Es gibt nur eine Regierung, aber zu der gibt es verschiedene Meinungen. Für den Morning Briefing Podcast  kommentiert heute Morgen der Chefredakteur des „Handelsblatt“ Sven Afhüppe den einjährigen Geburtstag der Großen Koalition.
 
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Kurz vor Mitternacht gab es eine Einigung zwischen EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und der Premierministerin des Vereinigten Königreichs, Theresa May. Demnach bleibt Großbritannien vorerst Mitglied der Zollunion, aber nicht für immer und ewig, wie es die EU bisher wollte: Denn was einerseits dem Frieden zwischen Irland und dem zum Königreich gehörenden Nordirland dient, bedeutet für die EU andererseits einen nach wie vor freien Warenverkehr – der nicht einseitig aufgekündigt werden kann. Die verhandelte Lösung erweitert das Brexit-Abkommen um eine Art Trennungsklausel, wonach Großbritannien auch die EU unter Druck setzen kann, um die Zollunion zu verlassen. Jetzt muss nur noch das Narrenhaus in Westminster zustimmen, das sich fälschlicherweise Unterhaus nennt.
 
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dpa
 
Heute stellt die Volkswagen AG, die endgültigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2018 vor. So viel kann man heute Morgen schon verraten: Trotz krisenhafter Umstände hat VW ein erfolgreiches Jahr hinter sich. Das Unternehmen konnte seinen Absatz von 10,7 Millionen ausgelieferten Autos im Vorjahr auf 10,8 Millionen in 2018 steigern. Maßgeblich dafür verantwortlich: der Verkauf in China.

Bei den Neuzulassungen in Deutschland schaffte Volkswagen die Trendwende: Sank die Zahl in den Vorjahren noch um mehrere Zehntausend, stieg sie nun um rund 9.000 Autos auf 643.518 im Geschäftsjahr 2018. Das ist kein Sprung, aber immerhin ein Anstieg. Die VW-Mitarbeiter sollten nicht jubeln, aber dürfen sich freuen.
 
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dpa
Die guten Ergebnisse sind die Voraussetzungen für eine Zukunft, in die jetzt investiert werden muss. 44 Milliarden Euro sollen bis 2023 in die Erforschung der Elektromobilität fließen. Fazit: Vorstandschef Herbert Diess, der in schwieriger Zeit die Führung übernahm, haucht dem Wolfsburger Autokoloss, der in den Fabriken an Verkrustung und in der Chefetage an Verkalkung litt, neues Leben ein. Jetzt muss er nur noch die eigenen Gewerkschaftsfunktionäre von seiner Verjüngungstherapie überzeugen: Anti-Aging für Automobilisten.
 
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Der Nahe und Mittlere Osten ist eine Schicksalsregion für den Weltfrieden, was die dort Regierenden offenbar so nicht sehen. Das durch Ölverkäufe verdiente Geld wird nicht zum Aufbau zukunftsfähiger Volkswirtschaften benutzt, sondern zur Aufrüstung. Amerika ist gerne behilflich.

Laut aktuellen Daten des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) sind die USA mit 36 Prozent aller Rüstungsexporte der mit Abstand größte Waffenhändler der Welt. Die Importe durch Staaten im Nahen Osten stiegen um 87 Prozent an – auch, weil mittlerweile jede zweite aus den Vereinigten Staaten exportierte Waffe an Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten oder den Irak geliefert wird. Der alte Spontispruch wird in dieser Weltregion gerne missverstanden und in sein Gegenteil verkehrt: Stellt euch vor, es ist Frieden und keiner will, dass es so bleibt.
 
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dpa
 
Es sollte eine große Show werden. Doch als Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am Montag bei der Vorstellung des CityAirbus, das erste Lufttaxi des europäischen Flugzeugherstellers Airbus, in Ingolstadt auf einen roten Knopf drückte, passierte: nicht viel. Das Fluggerät blieb am Boden. Das lakonische Fazit des Ministers: „Schaut ziemlich cool aus, jetzt muss er nur noch fliegen.“
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Angesichts dieser Enttäuschung hatte ich das Bedürfnis, mit einem der echten Pioniere der neuen Zeit zu sprechen. Frank Thelen, der im Fernsehen durch „Die Höhle des Löwen“ bekannt wurde und im Wirtschaftsleben als einer der erfolgreichsten Start-up-Finanzierer des Landes reüssiert, hat bei Lilium investiert. Das Münchner Unternehmen produziert Flugtaxis, die elektrisch betrieben deutsche Städte miteinander verbinden sollen.

Im Morning Briefing Podcast  berichtet Thelen vom Stand einer Entwicklung, die den Personentransport in einem Land mit wenig Fläche und hoher Bevölkerungsdichte revolutionieren wird. Die technischen Eckdaten des „vertikalen Jets“ für zunächst fünf Personen klingen beeindruckend:
Wenn das Flugtaxi einmal in den Gleitflug eingetreten ist, schafft es eine Reichweite von 300 Kilometern bei einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde.
Der flinke Flug über die Dächer der Stadt wird allerdings nur dann profitabel, wenn einerseits Piloten und andererseits Regulierungen wegfallen:
Mittelfristig planen alle Anbieter ein autonomes Flugtaxi, weil es sich in der Luft deutlich einfacher selbst fliegen lässt als im Straßenverkehr fahren. Den Luftraum kann man besser überblicken und es ist leichter, dort auszuweichen.
Fazit: Natürlich lassen sich unsere Verkehrsprobleme auch mit konzentrierter Enthaltsamkeit lösen. Aber als Alternative zum Stubenhockertum könnten die fliegenden Beförderungsmittel dienen. Was heute das iPhone in der Hand, dürfte morgen das Flugtaxi in der Luft sein.
 
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Sahra Wagenknecht nimmt Abschied von Berlin und zieht sich ins Saarland zurück. Sie wird nicht mehr für den Vorsitz der Linken-Fraktion kandidieren, aus gesundheitlichen Gründen. Einen Tag zuvor hatte sie ihre Funktion bei der außerparlamentarischen Bewegung „Aufstehen“ niedergelegt.

Wir erleben die Schlussszene im politischen Leben einer Ausnahmebegabung. Wagenknecht war für viele in Ostdeutschland der lebende Beweis, dass man der DDR-Vergangenheit auch ohne Opportunismus und damit in Würde entkommen kann. Sie entfernte sich von der DDR, ohne ihre Biografie zu denunzieren.
 
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Einen weiten Weg ist sie gegangen – von der SED-Sympathisantin zur Kommunistin in der wiedervereinigten Bundesrepublik. Und in den vergangenen Jahren schließlich reifte sie zur linken Intellektuellen, die sich der Philosophie von Ludwig Erhard näherte – ohne Karl Marx die Freundschaft zu kündigen. Sie ist eine Elitistin, was man schon daran erkennt, dass Gegensätze sie nicht abstoßen, sondern anziehen. Sie verbindet die Sprache einer Rosa Luxemburg mit dem Design der französischen Modemacher. Sie liebt Oskar Lafontaine und debattiert mit Peter Gauweiler.

Sie kämpft für die kleinen Leute, ohne deren Leben zu imitieren. Sie denkt wie Karl Max und lebt wie Friedrich Engels. Sie schwört auf das Kollektiv und ist im Berliner Politikbetrieb doch die große Individualistin. Sie ist eine Sozialistin mit liberalem Antlitz, was sie wahrscheinlich gar nicht als Lob, sondern als Verrat empfindet.

Ich wünsche Ihnen und Ihr einen zuversichtlichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor