Linde-Deal unter Feuer | Zwangsrekrutierung für alle
 
DAS MORNING BRIEFING
06.08.2018
 
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Guten Morgen,
deutsche Zukunftsangst trifft zu Beginn dieser Woche amerikanischen Superoptimismus: Bei uns überwiegt die Furcht vor amerikanischem Irrationalismus und einer globalen Konjunkturflaute, weshalb der ifo Geschäftsklimaindex (siehe Grafik links) zuletzt absackte. Die US-Investoren hingegen befinden sich laut „Bloomberg“-Barometer (siehe Grafik rechts) am Fuße der neuen Börsenwoche in euphorischer Stimmung. Sie haben dafür drei gute Argumente:

1. Rund 80 Prozent aller bisherigen Quartalsergebnisse 2018 aus dem „Standard & Poor’s 500“ übertrafen die Erwartungen der Analysten. Und die waren nicht gering angesetzt.
2. Die realen Gewinne der Firmen stiegen gegenüber dem vergleichbaren Vorjahresquartal um durchschnittlich 23 Prozent. Die US-amerikanische Firmenlandschaft erlebt derzeit ihre Blütezeit.
3. Die Trump-Administration tat bisher (fast) alles, um es der Wirtschaft recht zu machen, in Form von Steuersenkung oder Deregulierung. Und die wüsten Ankündigungen von Strafzöllen gegenüber den westlichen Partnerländern blieben eben dies: Ankündigungen.
 
In der vergangenen Woche sorgten vor allem die Zahlen von Apple für Aufsehen. Wir alle wissen: Das Unternehmen ist an der Börse seither eine Billion US-Dollar wert. Interessant ist hier, wie unterschiedlich die Nationen auf dieses Ereignis reagierten.

Auf Deutschlands Industrieetagen wird gestaunt und geschwiegen. In der Politik ebenfalls kein Wort: Der Vorgang löst Beklemmung oder Bewunderung aus, aber keine Ambition.
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Anders die Reaktion der chinesischen Wirtschaft. In Shanghai meldet sich die Führung von Huawei Technologies zu Wort. Sie gibt das Ziel aus, Apple schon im vierten Quartal 2019 überholen zu wollen. Und siehe da: Betrachtet man nicht die Börsenwerte, sondern reale Verkäufe, fahren Samsung aus Korea und Huawei aus China schon heute auf der Überholspur. Die westlichen Börsen feiern, aber im wahren Leben wird die Vorherrschaft Amerikas auch im Handygeschäft vor unser aller Augen gebrochen. Die Geschichte Apples ist groß, aber sie ist nicht singulär.
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Wer die chinesischen Pläne ernst nimmt und dem Geschwader von Kommunisten und Kapitalisten zutraut, den unter Deng Xiaoping begonnen Aufstieg des roten Reiches fortzusetzen, sollte sich anschnallen. Heute sieht die Welt der großen Wirtschaftsmächte noch so aus: Amerika führt, China folgt. Deutschland hält sich im Windschatten der USA auf.
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Und so dürfte die Welt in naher Zukunft aussehen. Erzielt Chinas Bevölkerung auch nur die Hälfte der US-amerikanischen Produktivität, kommt es zur Umkehrung der Verhältnisse. Erreicht der durchschnittliche chinesische Arbeiter sogar die Produktivität seines US-amerikanischen Kollegen, steht unsere heutige Welt Kopf. Es geht zu dieser frühen Morgenstunde nicht darum, diese Entwicklung zu fürchten. Es geht darum, sie überhaupt erstmal zu sehen.
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Die Bundesregierung lebt in in ihrer eigenen und zuweilen auch eigenartigen Wirklichkeit. Seehofer kündigte in einer Bierzeltrede an, Ende August mit dem Twittern zu beginnen. Andrea Nahles denkt aus heiterem Himmel über die Haltbarkeit der Regierung nach. Man hat das Gefühl, die Hitzeschäden haben nun auch Berlin erreicht.
 
 
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Dazu passt: Innerhalb von CDU und CSU hat eine Diskussion darüber begonnen, ob man die Wehrpflicht wieder einführt, die Verteidigungsminister Theodor von und zu Guttenberg einst abgeschafft hatte. Im Zeitalter der Hightech-Armee und einem allgemeinen Arbeitskräftemangel im Lande wäre die Wehrpflicht doppelt ungesund. Der Wirtschaft schadet, was der Armee nicht nutzt.

An keinem einzigen Küchentisch des Landes wünscht man sich die Zwangsrekrutierung der Kinder. Dass die Debatte von CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer befeuert wurde, zeigt den Ablenkungscharakter der Angelegenheit. Jedes Thema ist recht, bei dem es nicht um Flüchtlinge und Seehofer geht. Die „FAZ“ lobt heute auf Seite eins das vermeintliche „Gespür der CDU-Generalsekretärin“, die hier „ein gesellschaftliches Großthema identifiziert“ habe. Dieser Kommentar ist dem journalistischen Opportunismus geschuldet. In Berlin gilt: 3 Schmeicheleinheiten = 1 Interview. Bei Dauerlob lockt – ähnlich dem Prämienprogramm der Lufthansa – sogar ein Business-Class-Sitz im Regierungsflieger der Kanzlerin. Die „ZEIT“-Chefredaktion weiß, wie das funktioniert.
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Kurz nach Mitternacht verschickte die Linde AG in der Nacht zum Sonntag eine Pflichtmitteilung der Börse. Es gebe plötzlich „erhöhte Anforderungen an die kartellrechtlichen Freigaben“ für den doch im Grunde fest verabredeten Zusammenschluss mit dem US-Rivalen Praxair.
 
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Die neuen Auflagen, wonach der entstehende Global Champion im Geschäft der Industriegase plötzliche wichtige Vermögensteile in den USA und Europa zuerst verkaufen soll, stellen den ganzen Deal in Frage. Der Riese soll amputiert werden, bevor er das Haus verlassen darf. Plötzlich wird deutlich: Die von Donald Trump neu bestückte Federal Trade Commission – vier von fünf Kommissaren wurden auf seinen Vorschlag hin im Mai dieses Jahres inthronisiert – setzt die Amerika-First-Politik des Präsidenten buchstabengetreu um. Der Zusammenschluss, bei dem der Name Praxair verschwinden soll und das neue Gemeinschaftsunternehmen von Europa aus gesteuert würde, bedeutet eben nicht den Ausverkauf deutscher Interessen, wie Gewerkschaften und „Süddeutsche Zeitung“ immer wieder behauptet hatten. Neben Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle, der die europäisch geprägte Dealstruktur erfunden und intern durchgesetzt hatte, haben es nun auch andere verstanden: zum Beispiel Donald Trump und sein Team aus der Federal Trade Commission.
 
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Es klingt wie Realsatire und ist doch nichts als die Wahrheit: Da man sich bei VW weiterhin schwerpunktmäßig mit dem Dieselskandal beschäftigt, ist der Konzern nicht in der Lage, bereits bestellte Elektro- und Hybridfahrzeuge in diesem Jahr auszuliefern. Das bundeseigene Unternehmen Deutsche Bahn und die teilstaatliche Volkswagen AG teilen offenbar die Leidenschaft für Verspätungen.
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Insgesamt hat die Aufarbeitung des Dieselskandals 23 Milliarden Euro gekostet. Die permanente Rufschädigung noch gar nicht mitgerechnet. Die vielen goldenen Lenkräder, die bei Martin Winterkorn in der Schrankwand stehen, sollte man schleunigst zugunsten der Konzernkasse einschmelzen. Dabei allerdings würde man feststellen, dass die Trophäen so unecht sind wie so mancher der geehrten Erfolge. Kratzt man an der Goldglasur, stößt man auf Messing, wie wir es von der Trinkwasserleitung kennen. „BILD“ und „Auto-BILD“ haben alles richtig gemacht: Die Täuscher wurden getäuscht. Das einzig Echte bei den jährlichen Preisverleihungen war die Moderatorin Barbara Schöneberger.

Ich wünsche Ihnen einen gut gelaunten Start in die neue Woche. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor