Füllhorn in den Chefetagen | Auto-Industrie vor weltweiten Problemen
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
11.01.2019
 
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Guten Morgen,
die SPD befindet sich heute erneut in ihrer Jahresauftaktklausur. Sie wird die vorbereiteten Beschlüsse zur Kindergrundsicherung und zur EU-Reform verabschieden und sich Geschlossenheit verordnen. „Die Vorsitzende Andrea Nahles wurde gestärkt“ – das wäre die Schlagzeile, die man sich bei der SPD für die morgigen Zeitungen wünscht.

Dabei braucht die SPD jetzt nicht Geschlossenheit, sondern frische Luft und eine Debatte über die Gründe ihres nun schon seit Jahren andauernden Siechtums. Die Partei hat von der Ära Gerhard Schröder bis zur Bundestagswahl im Herbst 2017 zehn Millionen Wählerinnen und Wähler verloren, um von dieser Basis aus weiter zu schrumpfen. Deutschlands älteste Partei ist auf dem Weg zum Hinterausgang der Politik, wenn das so weitergeht. In dieser Situation ist Geschlossenheit nur ein anderes Wort für Selbstmord.
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Will die SPD außerhalb der geschlossenen Räume ihrer Klausur wieder eine Rolle spielen, muss sie die wahren Probleme ihrer Wähler verstehen und für sich akzeptieren.

Erstens: Es ist ein neues Dienstleistungsproletariat entstanden, das ein Leben zwischen Hartz IV und Mindestlohn lebt. Wer diese Menschen aus ihrer misslichen Lage befreien will, muss mehr tun als Geld überweisen. Er muss Chancen organisieren, nicht nur die monatliche Befüllung von leeren Konten. Die SPD-Politik zementiert Zustände, die ihre Wähler als Zustände für sich nicht akzeptieren können.

Zweitens: Nirgendwo sind die Verteilungskämpfe, die ökonomischen und die kulturellen, zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Flüchtlingen so spürbar wie in der Wählerklientel der SPD. Die größte Wählerwanderung bei der letzten NRW-Wahl war die von der SPD zur AfD. Der SPD-Wähler ruft nach Sicherheit und die SPD versteht immer nur internationale Solidarität. Der „Lehrer-Sozialismus“ (Ralf Dahrendorf) hat sich gegen das Arbeitermilieu verschworen. Die Nahles-SPD ist politisch korrekt, die Wirklichkeit ist es nicht.

Drittens: In Deutschland leben drei Millionen Kinder in ökonomisch prekären Zuständen, obwohl der Staat jährlich 200 Milliarden Euro für die Familien ausgibt. Warum also Kinderarmut? Weil das Geld bei den Kindern nicht ankommt. Weil Geld da, wo die Familienverhältnisse prekär sind, vielfach ein Transfermittel für Konsum ist, aber nicht für Chancen. Kinder brauchen liebevolle Lehrer, Sprachreisen, Malkurse, Computercamps und damit eine Injektion von Bildung, die gerade diese Elternhäuser so nicht leisten können. Die SPD übersetzt das „S“ in ihrem Parteinamen aber wieder nur mit „Staatsknete“. Eine Kindergrundsicherung soll neues Geld in eine Eltern-Kind-Beziehung umverteilen, die sich als das Zentrum des Problems und nicht als Lösung erwiesen hat.

Fazit: Die SPD versäumt sich selbst, wenn sie nicht die Fenster öffnet. Die Sozialdemokratie braucht die Sauerstoffzufuhr einer zeitgemäßen Debatte über die Neudefinition dessen, was „Sozialstaat“ in der Ära von Digitalisierung und Globalisierung bedeutet. Die Geschlossenheit, die Andrea Nahles anstrebt, schafft nur einen Erstickungsraum der SPD. Die Partei braucht nichts so dringend wie die Provokation. Oder um es mit Nicolás Gómez Dávila zu sagen: „Was uns aus der Fassung bringt, heilt für einen Moment unsere Dummheit.“
 
 
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Es könnte der Auftakt der größten Entlassungswelle seit der Finanzkrise sein – und der Vorbote einer neuen Epoche der Mobilität. Gestern verkündete der US-Autohersteller Ford, im zweiten und dritten Quartal 2018 in Europa mehr als 300 Millionen US-Dollar Verlust gemacht zu haben. Als Sanierungskurs will Ford-Konzernchef Jim Hackett daher jetzt eine vierstellige Anzahl von Jobs streichen. Der Vorstand sieht ein Sparpotenzial bis 2022 von rund 25 Milliarden US-Dollar. Die Interessen von Aktionären und Arbeitern stehen sich wie feindliche Heere gegenüber.
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Auch Jaguar Land Rover hat gestern angekündigt, 4.500 Stellen von der Payroll zu nehmen. Und im November kündigte bereits General Motors die sukzessive Kündigung von 15.000 Mitarbeitern an. Die Gewinnspannen der Autokonzerne weltweit sind auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise gesunken.

Im globalen Dorf zieht ein Unwetter auf. Die Schönwetter-Kapitäne sollten spätestens jetzt an ihre sturmerprobten Kollegen übergeben. Die Warnlampe leuchtet nicht nur, sie hat zu blinken begonnen.
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In Deutschland verdienten die DAX-Vorstände zuletzt inklusive Boni im Schnitt 52 Mal so viel wie ein durchschnittlicher Angestellter der Firma. Daimler-Chef Dieter Zetsche bezog sogar mehr als hundertmal so viel wie seine Mitarbeiter.
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Er hatte deren Durchschnittsjahresgehalt schon am 4. Januar um 13:48 Uhr in der Tasche. SAP-Chef Bill McDermott, mit 12,9 Millionen Euro Gesamtvergütung unangefochtener Spitzenverdiener unter den DAX-CEOs, musste nur eine Stunde länger arbeiten, um auf das durchschnittliche Jahressalär seiner Belegschaft von 131.000 Euro zu kommen. Schlusslicht ist Infineon-Chef Reinhard Ploss, er musste für den Jahresverdienst seiner Angestellten (59.000 Euro) sogar bis vorgestern Abend um 18 Uhr schuften. Armer Kerl!
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Ist die Bezahlung unserer Top-Manager wirklich angemessen? Passt die Spreizung der Gehälter zu einer sozialen Marktwirtschaft, die Ludwig Erhard nicht nur nostalgisch erinnert, sondern auch zeitgemäß interpretiert? Fabian Kienbaum, der Chef und Mitgesellschafter der renommierten und traditionsreichen deutschen Personalberatung Kienbaum, sagt eindeutig: Nein. Im Morning Briefing Podcast  skizziert er die Grundzüge einer leistungsgerechten und dennoch maßvollen Bezahlung an der Spitze unserer Firmen. Und er sagt Dinge, die viele Spitzenmanager als Zumutung empfinden werden:
Diese Debatten bergen Sprengstoff. Und es ist insgesamt – das muss man konstatieren – ein ungesundes Verhältnis entstanden.
Diese Schere ist auseinandergelaufen und wir müssen aufpassen, dass sie nicht weiter auseinandergeht. Sonst geht der gesellschaftliche Rückhalt verloren.
Wir müssen wieder ethisch-moralische Ansprüche an die Unternehmenslenker stellen.
Der gesellschaftliche Beitrag eines Unternehmens wird eine Relevanz bekommen. Das Thema Corporate Social Responsibility war bisher ein Nice-to-have-Thema. Ich würde sagen: Heute ist es ein Must-Have.
 
 
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dpa
Diese Woche legte sich Alibaba für 90 Millionen Euro das Berliner Startup Data Artisans in den Warenkorb. Es war nicht der erste Deal dieser Art. Investor und Risikokapitalgeber Klaus Hommels brachte der Kauf auf die Palme: „Es kann doch nicht sein, dass wir die Firmen erst hochpäppeln – auch mit staatlicher Unterstützung – und sie dann zum Ausverkauf stellen.“

Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mahnte gestern in einem Grundsatzpapier, dass die deutsche Marktwirtschaft „widerstandsfähiger“ gemacht werden müsse: „Zwischen unserem Modell einer liberalen, offenen und sozialen Marktwirtschaft und Chinas staatlich geprägter Wirtschaft entsteht ein Systemwettbewerb“, heißt es darin. Der BDI legt insgesamt 54 Forderungen vor, damit Europa und Deutschland konkurrenzfähiger gegenüber dem chinesischen Staatskapitalismus werden können. Wir lernen: China ist vom Partner zum Rivalen geworden.
 
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Obwohl die 5G-Initiative der Regierung vorsieht, weitestgehend bestehende „Trägerstrukturen“ (Beamtenjargon) – also Ampeln und Straßenlaternen – für die neuen Sendeanlagen zu nutzen, wird ungefähr die zehnfache Menge der heutigen Sendemasten für den Ausbau benötigt. Mit 750.000 neuen Sendeanlagen rechnet das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikation. Mit bis zu 900.000 Anlagen rechnet sogar Professor Torsten Gerpott, Leiter des Fachbereichs Technologieplanung der Universität Duisburg-Essen. Allein im ländlichen Raum werden es rund 12.500 neue Basisstationen sein, so eine Studie des 5G Lab Germany in Dresden. 

Vielleicht erbarmt sich ja noch ein Politiker, das Thema von der ästhetischen Seite zu beleuchten. Oder muss sich erst wieder der Schriftsteller Botho Strauß der Sache annehmen? In nostalgischer Überspitzung hatte er sich zuletzt die Ästhetik der Windkrafträder vorgeknöpft:
Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht. Es ist die Auslöschung aller Dichter-Blicke der deutschen Literatur von Hölderlin bis Bobrowski. Eine schonungslosere Ausbeute der Natur lässt sich kaum denken, sie vernichtet nicht nur Lebens-, sondern auch tiefreichende Erinnerungsräume.
Ich wünsche Ihnen einen unbekümmerten Start in das Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor