Deutsche Bank in Turbulenzen | Medikament für Reiche
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
24.05.2019
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Guten Morgen,

Aufruhr in Parteigremien, Konzernzentralen und Pressehäusern: Wenige Tage vor der Europawahl ist den traditionellen Zeremonienmeistern der öffentlichen Meinung das Agenda-Setting entglitten.

Die Stimme des Umweltschutzes in Deutschland gehört nicht etwa Umweltministerin Svenja Schulze, sondern der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg. Der Umweltministerin folgen 10.500 Menschen auf Twitter, bei Thunberg sind es 633.000. Die eine spricht, die andere dringt durch. Die eine hat ein Amt, die andere besitzt die Deutungshoheit.

Das Video des YouTubers Rezo („Die Zerstörung der CDU“) zählt mittlerweile über sieben Millionen Aufrufe und provozierte – anders als ein Kommentar in der „FAZ“ oder im „Spiegel“ – die unmittelbare Reaktion der CDU-Vorsitzenden und ihres Generalsekretärs. Erst attackierte das Adenauer-Haus den 26-Jährigen, schließlich lud man ihn kleinlaut zum Dialog ein. Eine zehnseitige Stellungnahme  wurde veröffentlicht.

Politische Polemiken wie die von Rezo, LeFloid oder Tilo Jung (siehe Foto) entfalten auf YouTube eine publizistische Wirkung, wie sie früher nur Rudolf Augstein, Alice Schwarzer und Sebastian Haffner erreichten. „Rezo hat ein Land ratlos gemacht. Vielen Dank“, kommentiert heute Morgen die „taz“.

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Alle etablierten Mächte spüren den Gezeitenwechsel: Die klassischen TV-Talkshows werden von der Jugend nicht boykottiert, sie bleiben nur ausgeschaltet. Die etablierten Politiker werden nicht bekämpft, nur ignoriert. Reklame wirkt, aber oft abstoßend. Die Verbandsfürsten senden weiter ihre Botschaften, aber es fehlt an willigen Empfängern.

Das Epizentrum der politischen Veränderung befindet sich inmitten der jüngeren Generation und ist mittlerweile demoskopisch gut erforscht. Interessierten sich 2002 laut der Shell-Jugendstudie nur 34 Prozent der zwischen 12- und 25-Jährigen für Politik, waren es 2015 bereits 46 Prozent. Aber: Dieses Interesse kommt den etablierten Parteien nicht zugute. Laut Forsa würden Union und SPD bei Schülern und Studenten derzeit nur jeweils elf Prozent der Stimmen erhalten.

Diese politische Revolution hat keinen Namen, aber viele Gesichter. Sie ist machtvoll, auch deshalb, weil sie kein Machtzentrum unterhält. Wir erleben einen Umbruch ohne Bruch – und ohne Gewalt. Der moderne Revolutionär unserer Tage trinkt Sancerre oder Red Bull, aber nicht das Blut der anderen.
 
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dpa
 

Die Deutsche Bank erlebte gestern eine Hauptversammlung, die keiner der Beteiligten so schnell vergessen wird. „Die Bank ist ein einziger Sauladen, an der Spitze sitzen ausschließlich Gangster“, wütete Kleinaktionär Wolf-Erich Jung, der fast die Hälfte seines Investments verloren hat. „Wenn sogar Papst Benedikt zurücktreten kann, warum dann nicht auch Paul Achleitner?“, fragte der Kleinanleger Jannes Englisch. Knapp 30 Prozent der Anteilseigner verweigerten dem Aufsichtsratschef die Entlastung.

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CEO Christian Sewing gab sich demütig: „Niemand ist enttäuschter als ich darüber, wie wir an der Börse abschneiden.“ Dabei fiel die Aktie auf zeitweise unter 6,40 Euro. Am Ende wurde Aufsichtsratschef Paul Achleitner mit nur noch 71 Prozent (Vorjahr: 84 Prozent) entlastet. Sewing kam auf 75 Prozent (Vorjahr: 94 Prozent) und Investmentbanker Garth Ritchie auf nur 61 Prozent der Stimmen.

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Der Unmut der Anleger richtet sich vor allem gegen die Vergütungspolitik des Aufsichtsrats für seine Vorstände: Aus Sicht der Anleger bekommen die Vorstände zu viele Millionen überwiesen, obwohl sich die Bank im Abwind befindet. Investmentbanking-Chef Ritchie etwa erhält jährlich drei Millionen Euro fix und eine Funktionszulage obendrauf, nur weil er sich um den Brexit kümmert.

Aktionärsvertreter Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) griff Ritchie und Achleitner auf der Hauptversammlung direkt an: „Die Deutsche Bank ist aktuell ein Sanierungsfall.“ In solchen Zeiten müsse man darüber sprechen, die Gehälter der Chefetage zu senken. Bei einem Fixgehalt von mehreren Millionen Euro sei es nicht notwendig, Funktionszulagen zu zahlen, sagte Kienle. „Wir haben offenbar ein anderes Verständnis von Kulturwandel als Sie, Herr Achleitner.“

Für den Morning Briefing Podcast  habe ich gestern kurz nach dem Abstimmungsergebnis mit Aktionärsschützer Markus Kienle gesprochen. Er sagt:
Es ist heute deutlich geworden, dass die Geduld am Ende ist.“
Fakt ist: Auf Dauer kann kein Unternehmen in Unfrieden mit seinen Eigentümern leben. Die Bank muss ihr Leben ändern.
 
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Die Beziehung zwischen den USA und Europa ist erkaltet, während gleichzeitig China die technologische und wirtschaftliche Führungsrolle in der Welt anstrebt. Der Nahe Osten gleicht einem Pulverfass.

Einer, der das Weltgeschehen seit Jahrzehnten beobachtet, ist der Diplomat Wolfgang Ischinger. Er war Botschafter in Washington und London sowie Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Ischinger arbeitet seit jeher nicht nur vom Schreibtisch aus, sondern war dabei, als Weltgeschichte geschrieben wurde: Er begleitete im Zug die DDR-Flüchtlinge aus der deutschen Botschaft in Prag auf ihrem Weg in die Freiheit. Er verhandelte das Abkommen von Dayton, das 1995 Frieden auf dem Balkan brachte. Seit 2008 leitet er die Münchner Sicherheitskonferenz und lädt die Mächtigen der Welt zur geostrategischen Debatte ein.

Im heutigen Morning Briefing Podcast  sortiert Wolfgang Ischinger eine Welt in Unordnung entlang der Einflussgebiete und Interessen. Seine Besorgnis:
Die Welt hat erhöhte Temperatur mit Potenzial des explosionsartigen Heißlaufens an verschiedenen Krisenherden.“

Über die konfliktreiche Lage im Nahen Osten sagt er:

Iran gegen Israel, Iran gegen Saudi-Arabien, natürlich die Palästinenser gegen Israel. Dann steht Katar gegen Saudi-Arabien, außerdem die Türkei gegen Ägypten und Ägypten mit Saudi-Arabien gegen Katar und die Türkei. Und dahinter die Großmächte, die sich um Einfluss streiten.“

Russland hält Ischinger für überschätzt:

Mir kommt die russische Außenpolitik vor wie ein Silvesterfeuerwerk, das sehr eindrucksvoll brennt. Alles leuchtet, um nach zwei Minuten wieder in Dunkelheit zu versinken.“

Mit US-Präsident Donald Trump geht er hart ins Gericht:

Trump setzt die Welt seinen Heiß-Kalt-Bädern aus: Einmal propagiert er Rückzug, dann folgen militärische Drohungen. Trump ist der Präsident der Verunsicherung.“

Europa hingegen ist für Ischinger nur ein Statist:

Die Europäische Union hat in außenpolitischen Fragen eine Bankrotterklärung hingelegt, etwa beim Syrien-Krieg: Millionen von Flüchtlingen kommen zu uns, doch bei der Frage der Konfliktbeilegung sitzen wir am Spielfeldrand. Das ist unerträglich.“
Um in der Welt ernstgenommen zu werden, brauche es das richtige Personal, so Ischinger. Er macht auch einen konkreten Vorschlag, wer Europa in Zukunft als EU-Kommissionspräsident führen sollte. Nur soviel sei verraten: Manfred Weber, CSU, ist es nicht.
 
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dpa
 

Noch in diesem Monat wird Pharmakonzern Novartis in den USA das teuerste Medikament aller Zeiten auf den Markt bringen. Die Gentherapie Zolgensma soll mittels einer einzigen Spritze zum Preis zwischen 1,6 und fünf Millionen US-Dollar die Folgen des genetisch bedingten Muskelschwunds SMA lindern.

Bei dieser Krankheit sind fast alle Muskeln des Körpers stark geschwächt, und die Zellen würden ohne Behandlung absterben. Jedes Jahr erkranken in den USA rund 400 Kinder an der Krankheit. Novartis ist sich schon vor der Zulassung im Klaren, dass das neue Präparat für die Superreichen einen Proteststurm auslösen wird. Dieser Fortschritt der Pharmaindustrie ist beeindruckend und beängstigend zugleich. Er heilt und er spaltet. Die Würde des unversorgten Menschen wird antastbar.
 
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Die deutsch-britische Schriftstellerin Judith Kerr ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Unsterblich allerdings bleibt ihr literarisches Werk, insbesondere der 1974 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

Judith Kerr erzählt, wie eine Neunjährige mit ihrer jüdischen Familie kurz vor der Machtergreifung Hitlers aus Berlin flüchtet – und dabei ihr geliebtes rosa Stofftier zurücklassen muss. Anrührende Dialoge zeugen von der Hoffnung der Geschwister, dass der Spuk bald vorbei sei:

„Ich möchte wissen, wie es mit den Wahlen geht“, sagte Mama. „Glaubst du wirklich, dass die Deutschen in der Mehrzahl für Hitler stimmen werden?“
„Ich fürchte ja,“ sagte Papa.
„Vielleicht auch nicht,“ sagte Max. „Viele Jungen in der Klasse waren gegen ihn. Vielleicht stellt sich morgen heraus, dass fast niemand Hitler gewählt hat, und dann können wir wieder nach Hause fahren.“

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in das Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor