Weidmanns Comeback | Karstadt und Kaufhof fusionieren | Russland probt den Kampf
 
DAS MORNING BRIEFING
[12.09.2018]
 
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Guten Morgen,
in Deutschland wird darüber diskutiert, wie man diskutiert. Der Vorschlag von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble gestern im Bundestag lautete: leidenschaftlich, aber gewaltfrei. Kritisch, aber nicht hasserfüllt. Mit Respekt vor dem besorgten Bürger, aber ohne Nachsicht gegenüber Neonazis.
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Die SPD in Gestalt von Finanzminister Olaf Scholz will am liebsten gar nicht diskutieren, und schon gar nicht über Migration. Sie bietet ihrer Klientel im Haushalt 2019 zusätzliche Sozialleistungen an, gewissermaßen als Narkotikum. Die SPD-Spitze glaubt, dass der Sozialstaat wirkt – auch als Methadon gegen Migrationsängste.

Doch im Volk, und nun auch in den Medien, rumort es. Was als medialer Willkommensgruß begann, hat sich zu einer nationalen Therapiestunde entwickelt, bei der jeder den anderen gern auf die Couch legen möchte. Die einen sind empört, dass die andern empört sind. Wenn man das Deutschland der Gegenwart auf nur eine Formel bringen wollte, dann wäre es diese: Wut zum Quadrat minus Gelassenheit.
 
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Bernd Ulrich von der „Zeit“ ist längst genervt. Er schreibt: „Überall ein Du sollst, Du darfst nicht, Du musst. Zehn Gebote? Tausende!“ Deutschland, so Ulrich weiter, sei zurzeit ein moralisch aufgedunsenes Land. Er wünscht sich „weniger Moral, mehr Politik“

Innerhalb des „Spiegel“ ist ein Kulturkampf ausgebrochen über den richtigen Umgang mit dem Andersdenkenden, also dem Kollegen im Zimmer nebenan. Jan Fleischhauer findet viele Journalisten „zimperlich“, weil sie bei jedem Hitlergruß Weimarer Verhältnisse heraufbeschwören. Es sei bemerkenswert, schreibt er, „wie sehr die Maßlosigkeit der Empörung mit der Maßlosigkeit der Proteste korrespondiert“. Sein Wunsch an die Kollegen: „Mehr Coolness“.
 
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Doch sein Kollege Nils Minkmar will jetzt nicht cool sein, sondern wünscht sich eine ganz andere Debatte. Er glaubt, die Medien haben das falsche Thema am Wickel: „Dieses älter werdende Land baut längst keine Computer und keine Mobiltelefone mehr, die Banken machen keinen sehr guten Eindruck und die Automobilindustrie vergeudete Jahre mit Tricks und Absprachen. Der Burnout ist zur symptomatischen Krankheit der Epoche geworden. Während wir darüber streiten, ob es den Islam geben sollte oder alle Sachsen braun sind, vergeht die beste Chance auf eine Neuordnung, eine Demokratisierung Europas.

Was ist los mit uns? Falsches Thema, falscher Ton? Oder berechtigte Ungeduld im Land der politischen Schwerhörigkeit? Darüber habe ich für den Morning Briefing Podcast (ab 7:15 Uhr) mit der Literaturwissenschaftlerin Prof. Gertrud Höhler gesprochen.
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Sie ist besorgt, weil sie spürt, dass es da „eine Aufgeregtheit gibt, von der man sich nicht mehr trennen möchte“. Es sei zur „Absenkung aller Schwellen des natürlichen Respekts von Menschen zu Menschen“ gekommen – auch unter Journalisten: „Hier ist eine Unversöhnlichkeit zur Grundverhaltensweise geworden, die den Journalisten als einen inquisitorisch beharrenden Gesprächspartner zeigt.” 

Sie rät den Zornigen zu mehr Versöhnlichkeit und empfiehlt eine gesellschaftliche Sehnsucht, die über das Materielle hinausreicht: „Ich weiß, dass Menschen – siehe Sigmund Freud – das Glück suchen. Die suchen nicht etwas Kleineres.“
 
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Russland sucht sein Glück derzeit in militärischer Großspurigkeit. Das größte Militärmanöver seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde in Sibirien und im Osten des Landes gestartet: 300.000 russische Soldaten, 36.000 Militärfahrzeuge, mehr als 1000 Flugzeuge und Hubschrauber und 80 Schiffe der Pazifik- und Nordmeerflotte sind im Einsatz. Stalin wäre stolz gewesen. Trump wird vor Neid erblassen.
 
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Jens Weidmann ist zurück im Spiel: Nach vertraulichen Informationen von „Bloomberg“ aus dem Umfeld der Kanzlerin wird der Bundesbank-Präsident erneut als deutscher Kandidat für die Nachfolge von Mario Draghi gehandelt. Der Grund: Schon wenige Tage nach der Benennung von Manfred Weber als denkbaren EU-Kommissionspräsidenten sei man im Kanzleramt nicht mehr sicher, ob man diesen Kandidaten tatsächlich werde durchsetzen können. So funktioniert Politikpoker: Weber ist der Wackelkandidat, Weidmann das Ass im Ärmel der Kanzlerin.
 
 
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Apropos Merkel: Im Morning Briefing Podcast erklärt uns Michael Hüther, Präsident des Instituts der deutschen Wirtschaft, warum Deutschland mehr Innovation und ein Ende der Ära Merkel braucht. Prädikat: bemerkenswert.
 
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Das „Handelsblatt“ berichtet von Fusionsgerüchten in Frankfurt. Die Deutsche Bank und die Commerzbank könnten es demnach gemeinsam versuchen. Commerzbank-Chef Martin Zielke will „lieber heute als morgen“, hat er gesagt. Die Deutsche Bank ziert sich noch, deren Chef Christian Sewing sagt: frühestens in 18 Monaten. Man hat das Gefühl, zwei Fußlahme wollen sich aufeinander abstützen.
 
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Karstadt und Kaufhof sind da schon einen Schritt weiter. Sie besiegelten ihre Fusion unter dem Druck schwindender Marktanteile. Der Arbeitstitel des neuen Konzerns lautet „Deutsche Warenhaus Holding“. Das klingt wie die Zusammenlegung der Miederwarenabteilung mit dem nächstgelegenen Laden für Stützstrümpfe.
 
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Jährlich pilgern tausende Apple-Jünger in die große Aula des Steve-Jobs-Centers nach Cupertino im Silicon Valley. Sie alle kommen, um eines zu erleben: die Vorstellung des „one more thing“. Morgen soll es wieder soweit sein. Drei neue iPhone-Modelle dürften präsentiert werden. 800 Millionen iPhone-Nutzer weltweit fiebern der Entwertung ihrer Geräte entgegen.

Ich wünsche Ihnen einen beschwingten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor