Fed trotzt Trump | EU graut vor Brexit
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
20.12.2018
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Guten Morgen,
die Leser und Leserinnen bezahlen den „Spiegel“ dafür, dass er den Mächtigen in Politik und Wirtschaft auf die Finger schaut. Doch das Hamburger Nachrichtenmagazin, für das ich selbst zwanzig Jahre in Bonn, Berlin, Hamburg und Washington gearbeitet habe, wird nun von einem Skandal in eigener Sache erschüttert. Die internen „Checks and Balances“ haben nicht funktioniert. Ein junger Reporter, der 33-jährige Claas Relotius, hat seine Geschichten zunächst leicht, dann freihändig erfunden. Gedruckt wurden sie trotzdem. 
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European Press Prize
Eine hochkarätige Jury hatte ihm gerade erst den Deutschen Reporterpreis 2018 überreicht. Für die beste Reportage des Jahres. Sie handelt von einem syrischen Jungen, der angeblich in dem Glauben lebt, dass er durch einen Kinderstreich den Bürgerkrieg im Land mitausgelöst habe. Dieser – wie man heute weiß – in weiten Teilen frei erfundene Text wurde von der Jury überschwänglich gelobt. Der Artikel sei „von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offen lässt, auf welchen Quellen er basiert“, hieß es anerkennend. Heute – schreibt der „Spiegel“-Co-Chefredakteur Ullrich Fichtner – müsste man zu einer deutlich anderen Bewertung kommen: „Alle Quellen sind trüb. Vieles ist wohl erdacht, erfunden, gelogen. Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake.“
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Der Autor selbst hat in der Vergangenheit durchaus Auskunft gegeben, auch über sich und seine Art zu erzählen. Im Morning Briefing Podcast  hören Sie Claas Relotius auf einer Versammlung im Mai 2015 in Hamburg sprechen, wie er von seiner Abneigung gegenüber allzu konkreten Quellenangaben („Ich vertraue darauf, dass der Leser darauf vertraut, dass das vernünftig recherchiert ist.“) berichtet, aber auch von seiner Neigung zum Geschichtenerzählen. Er lasse die Texte gerne noch ein paar Tage oder eine Woche liegen: „Dann fällt einem so unglaublich viel auf, was ganz anders sein muss und was man irgendwie weglassen kann.“
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Bei allen großen Enthüllungsgeschichten der vergangenen Jahrzehnte hat sich der „Spiegel“ nie damit zufrieden gegeben, den Einzeltäter zu entlarven. Immer wurde nach dem System gefragt. Nach den Paten im Hintergrund. Nach den löchrigen Kontrollinstanzen. Nach einer Kultur des Betrügens. Der Aufsatz von Ullrich Fichtner war so gesehen ein hoffnungsfroher Beginn der Aufklärung. Und trotz aller gekonnt formulierter Reumütigkeit eben doch nur das: ein Beginn.
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Der Vorstoß von Friedrich Merz, sich selbst als Minister zu nominieren, hat die Kanzlerin nicht amüsiert, sondern erbost. So wörtlich hatten Merkel und ihre Parteivorsitzende sich die Umsetzung des Parteitagsmottos „Zusammenführen und zusammen führen“ nicht vorgestellt. Der Mann soll reden, aber doch nicht regieren. Er soll da sein, aber nicht stören. Man will ihn als dekorativen Stuck, aber um Gottes Willen nicht als tragende Säule. Die Kanzlerin plane keine Kabinettsumbildung, teilte ihr Sprecher kühl mit. In Merkels Verständnis ist die Debatte damit beendet. Doch die Lästigkeit der Demokratie besteht darin, dass neben der Hauptmacht und ihrem Derivat diverse Nebenmächte aktiv sind, zum Beispiel der CDU-Wirtschaftsrat mit seinen 12.000 Mitgliedern. Viele Unternehmer haben die vergangenen Merkel-Jahre als lustfrei und inhaltlich leer empfunden. Merz ist ihr Aphrodisiakum.
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Astrid Hamker beispielsweise ist Unternehmerin, CDU-Mitglied und Schatzmeisterin des CDU-Wirtschaftsrats. Sie adressiert an die Parteiführung keine Wünsche, sondern Forderungen. Im Interview für den Morning Briefing Podcast  sagt sie:
„48 Prozent der Delegierten haben Merz gewählt. Wenn man sich den Zuspruch an der Parteibasis anschaut, stellt man fest, dass der mindestens genauso groß war, wenn nicht größer. Damit hat dieses Wahlergebnis eine Signalwirkung, die von der Parteivorsitzenden nicht ignoriert werden kann.“
Die Tatsache, dass hier ein Politiker antritt, der sich auch außerhalb der Parteigremien als überlebensfähig erwies, empfindet sie nicht als Makel, sondern als Ritterschlag:
„Wir haben heute zu viele Berufspolitiker, die weder unabhängig sind, noch jemals über den Tellerrand geschaut haben, um zu verstehen, was in der Wirtschaft los ist.“
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Auch Siemens-Chef Joe Kaeser zählt zu den Fürsprechern von Friedrich Merz. Gestern Abend war er bei der „Augsburger Allgemeinen“ zu Gast. Auf die Frage von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz nach dem Ringen um die Zukunft von Merz antwortete er: „Unser Land wäre gut beraten, zu überlegen, welches Bild wir in der Welt abgeben“. Und dafür müsse man die besten Kräfte für die wichtigsten Aufgaben holen: „Der Friedrich Merz ist in jedem Fall eine Bereicherung für eine Regierung.“
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dpa
Donald Trump denkt, dass er nicht nur Präsident der USA, sondern auch Eigentümer des Landes sei. Demnach würden ihm die Rechtsordnung, die Geheimdienste und auch die Notenbank unterstehen. Letztere sendete – trotz oder wegen der anhaltenden Interventionen des Präsidenten in die Zinspolitik – am Mittwoch erneut ein Signal ihrer Unabhängigkeit. Man überhörte die Twitter-Attacken des Präsidenten, ignorierte auch die Kommentare des „Wall Street Journals“ („Zeit für eine Fed-Pause“) und hob zum vierten Mal in diesem Jahr den Leitzins an.
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Die gute Nachricht: Damit kehrt die westliche Führungsmacht zur geldpolitischen Normalität zurück. Die schlechte Nachricht: Diese Rückkehr wird mit einer Flucht aus der Aktie bezahlt, weil nun wieder Anlageformen mit weniger Risikopotenzial zur Verfügung stehen. Der Patient, der jahrelang mit geldpolitischen Injektionen gepäppelt wurde, leidet erkennbar am Entzug. Die US-Aktien endeten heute Nacht tief im Minus. Der Dezember 2018 ist nun der schwächste Dezember seit 1931.
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Der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline trennt sich von seinen rezeptfreien Gesundheitsprodukten und vermählt sie mit dem US-Rivalen Pfizer. Das neue Unternehmen soll in drei Jahren an die Börse gehen. Zwar müssen die Kartellwächter den Deal noch abwinken, die Glaxo-Aktionäre aber freuten sich gestern schon über eine Mitgift von über sechs Prozent an der Börse. Überall im Westen grassiert die Lust an der Fusion und der Übernahme. Es gilt das Motto: Go big or go home!
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Apropos home: Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat heute um kurz nach sechs seine Dienstreise ins All beendet. Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt auf der internationalen Raumstation ISS landete er in der Steppe von Kasachstan und wird nun selbst zum Forschungsobjekt. Heerscharen von Ärzten wollen seinen Körper untersuchen, um herauszufinden, ob der Mensch unbeschadet im Weltraum überleben kann. Wir gratulieren zur erfolgreichen Mission und der geglückten Heimkehr. Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor