Winterkorn schwer belastet | Enders schwebt
 
DAS MORNING BRIEFING
27.07.2018
 
…
Guten Morgen,
die Kollegen der „Süddeutschen Zeitung“ haben Neues zum Fall Winterkorn zu berichten. Das Autorenteam – mit dabei die Top-Enthüller Georg Mascolo und Klaus Ott – hat ein 160-seitiges Verhörprotokoll einsehen können, in dem ein führender technischer Mitarbeiter des VW-Konzerns gegen seinen Ex-Chef detailfreudig aussagt. Der VW-Chef habe die Techniker als „Antriebsfritzen“ begrüßt und sei dann von ihnen über die Abgasmanipulation bei den US-Fahrzeugen informiert worden. Das Treffen habe bereits im Frühjahr 2015 stattgefunden. Nicht auszuschließen, dass Winterkorn bald schon seinem Vorstandskollegen Stadler in die Untersuchungshaft folgt. Den Profi erkennt man daran, dass er die Reisetasche rechtzeitig packt.
 
…
Die Zuhör-Tour von CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und der gestrige Ausflug von SPD-Chefin Andrea Nahles in den hessischen Landtagswahlkampf zeigen: Deutschland erlebt die Rückkehr der sozialen Frage. Mietsteigerungen, Digitalisierungsängste und der Verdrängungswettbewerb im unteren Bereich des Arbeitsmarktes beschäftigen die Bürger zum Teil mehr als die Flüchtlingsfrage.

Was Politiker aller Parteien irritiert, ist die Tatsache, dass diese Abstiegsängste mitten in der Hochkonjunktur auftauchen. Doch schon Tucholsky wusste: „Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.“ So auch in diesem Fall.
…
…
Wer sich die Entwicklung der Gewinnquote (siehe Grafik 1) anschaut, stellt fest, dass sich die Kapitalseite einen immer größeren Teil des Bruttosozialprodukts sichert. Betrachten wir hingegen die Lohnquote (siehe Grafik 2) sehen wir, dass Arbeiter und Angestellte einen immer geringeren Anteil am Sozialprodukt ergattern können. Wir erleben also den tendenziellen Fall der Lohnquote bei einem tendenziellen Anstieg der Profitrate. Und lernen: Der globale und digitale Kapitalismus ist nützlich, aber eben nicht für alle gleichermaßen. Die neue soziale Frage ist aufgeworfen.
…
Doch die einfache Antwort, hoch mit den Unternehmenssteuern, ist keine seriöse. Denn mehr Sozialstaat, finanziert aus zusätzlichen Unternehmenssteuern, würde Deutschlands ökonomische Basis erodieren lassen. Schon heute ist es so, dass die Steuersenkungen anderer Nationen Deutschland zum Hochsteuerstaat machen. Die soziale Frage hat damit die innenpolitische Bühne verlassen und das Ministerium der Finanzen betreten. Dort muss sie sich nur noch bis zum Büro von Olaf Scholz durchschlagen.
 
…
Wenn Profit eine Religion wäre, stünde die Kathedrale in Seattle und sähe aus wie das Hauptquartier von Amazon. Bei einem Nettoumsatz von rund 53 Milliarden US-Dollar (plus 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr) wurde im zweiten Quartal ein Nettogewinn von 2,5 Milliarden US-Dollar erzielt. Firmengründer Jeff Bezos ist der erste Händler, der ein solches Rekordergebnis außerhalb der Weihnachtszeit schafft. Halleluja!

Die Quartalszahlen liefern uns ein Röntgenbild vom inneren Zustand der Unternehmen. Beim deutschen Premiumhersteller Daimler etwa sind es unübersehbar dunkle Flecken auf der Bilanz, die von einer ungesunden Lebensweise in den vergangenen Jahren berichten.
 
…
So brach der Betriebsgewinn bei Daimler um 30 Prozent auf nur noch 2,6 Milliarden Euro ein, auch wegen der ständigen Software-Updates, der China-Rabatte und nicht zu vergessen der große Posten für Rechtsstreitigkeiten. Jürgen Pieper, Autoexperte vom Bankhaus Metzler, urteilt im heutigen Handelsblatt streng: Er sehe „keinen einzigen guten Grund mehr, sich Daimler-Aktien zu kaufen“.

Auch wenn das angesichts der erfolgreichen Modelloffensive von Dieter Zetsche zu harsch ist, muss man doch nüchtern feststellen: Der Fortschritt wohnt derzeit nicht in Stuttgart, München oder Wolfsburg, sondern in Japan. Dort hat sich vor wenigen Stunden die Automobilindustrie mit der Regierung auf den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor geeinigt. Toyota, Nissan, Honda und Co. wollen spätestens ab 2050 nur noch Pkw mit Batterie-, Wasserstoff- oder Hybridantrieb anbieten. Der CO2-Ausstoß pro Wagen soll um märchenhafte 90 Prozent sinken.
 
…
Und die deutsche Autoindustrie? Steht kollektiv auf dem Bremspedal, wie damals beim Katalysator. Um das zu kaschieren, hat man sich das Wort „Technologieoffenheit“ einfallen lassen. Mit ernster Miene und strengem Blick plädiert man für eine Lizenz zum Weiterbetreiben von Diesel- und Benzinmotoren. Die Dinosaurier der Automobilzeitalters werben für den Erhalt von Jura und Kreidezeit.
 
 
…
Bei Airbus geht die Strategie von Konzernchef Tom Enders wie vermutet auf: Der europäische Konzern verdoppelte das bereinigte Ergebnis vor Steuern und Zinsen im zweiten Quartal auf 1,15 Milliarden Euro. Die Aktie stieg zeitweise auf einen neuen Höchststand von über 111 Euro. Major Tom, wie man Enders bei Airbus nennt, sollte jetzt zwar nicht abheben, aber ein bisschen schweben ist am Wochenende erlaubt.
 
 
…
Auch der neue Chef der Deutschen Börse AG, Theodor Weimer, macht nachweisbar einen guten Job. Sein Nettogewinn lag bei 210,3 Millionen Euro und damit fast 20 Prozent über den Vorjahreswerten von Carsten Kengeter. Vielleicht war der Vorgänger doch zu abgelenkt mit seinen Insidergeschäften.
 
 
…
Beim Lebensmittel-Multi Nestlé verschafft das gute Quartalsergebnis dem Vorstandsvorsitzenden neue Luft zum Atmen. Der Reingewinn erhöhte sich um fast 20 Prozent auf 5 Milliarden Euro. Mark Schneider kann solche Nachrichten gut gebrauchen, denn ihm sitzen aggressive Aktionäre im Nacken. Die Kunden verlangen zwar niedrige Preise und höchste Qualität, die aggressiven Investoren aber wollen vor allem mehr Profit. Die Kunst des CEO besteht darin, in diesem Bermudadreieck der Ansprüche nicht zu versinken.
 
…
Wenn Profit tatsächlich die neue Religion wäre, dann müsste Cristiano Ronaldo das Trikot gegen das Büßergewand tauschen. Erst nach Zahlung einer Strafe von 14 Millionen Euro darf der bekennende Steuerhinterzieher nun von Real Madrid zu Juventus Turin weiterziehen. Hoffentlich wird er dort rückfällig. Der italienische Fiskus könnte eine Strafzahlungen dieser Höhe gut gebrauchen.

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende der Gelassenheit. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor