Hilfe statt Handel | Juncker trifft Trump
 
DAS MORNING BRIEFING
25.07.2018
 
…
Guten Morgen,
die Tragödie in Griechenland geht weiter. Obwohl mittlerweile 500 Feuerwehrleute und 100 Armeeangehörige im Einsatz sind, wütete das Feuer heute Nacht erneut. Die Zahl der Toten beträgt mittlerweile 74. Unsere Gedanken sind heute Morgen bei jenen, die unter Einsatz ihres Lebens versuchen, diese tödlichen Lauffeuer unter Kontrolle zu bringen. Die wichtigsten Dinge im Leben sind eben keine Dinge.
…
„Wer stoppt Google?“ fragt das „Handelsblatt“ in seiner heutigen Ausgabe. Grund für die Besorgnis sind die sensationellen Bilanzzahlen von Alphabet, die für ein neues Allzeithoch an der Technologiebörse Nasdaq sorgen. Doch die eigentliche Frage, welche sich die deutsche Volkswirtschaft stellen muss, lautet: Wer schafft es, zu den digitalen Champions der USA aufzuschließen? Oder wie die Amerikaner sagen würden: If you can’t beat them, join them.
…
Im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert war es für die Nationen wichtig, große Stahlkonzerne zu besitzen. Thyssen, Krupp und Hoesch waren die Helden dieser Zeit. Auf der anderen Seite des Atlantiks thronte majestätisch U.S. Steel zunächst in New York City und dann in Gary, Indiana, der späteren Geburtsstadt von Michael Jackson. 

Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts gehörte die Bühne schließlich der Automobilwirtschaft, weshalb alle bedeutenden Nationen in diese Branche investierten. Sie wollten den heißen, inneren Kern ihrer Volkswirtschaften, dort wo Wertschöpfung und Wohlstand entsteht, befeuern. „Oh Lord, won't you buy me a Mercedes-Benz?“, sang die Hippie-Ikone Janis Joplin.
…
…
…
Diese Zeit verschwindet vor unser aller Augen im Nebel der Geschichte. Der neue ökonomische Kern des 21. Jahrhundert ist die Digitalwirtschaft. Eine Zone höchster wirtschaftlicher Intensität ist entstanden, die weitgehend ohne Stofflichkeit auskommt. Ihr Nukleus strahlt feuerrot. Die industriellen Kerne des 20. Jahrhunderts verlieren ihren Energiegehalt. Opel und ThyssenKrupp glimmen nur noch. Andere, wie Metallgesellschaft AG, Hoesch und Mannesmann sind verglüht.

Wer Gewinn und Mitarbeiterzahlen ins Verhältnis setzt, erkennt den Unterschied zwischen der Volkswirtschaft des 20. und der Ökonomie des 21. Jahrhunderts. Die Digitalwirtschaft liefert ökonomische Energie in höchster Konzentration, was unmittelbar auf die Produktivität der Beschäftigten (siehe Grafiken) von Google, Facebook und Co. durchschlägt. Die deutsche Traditionswirtschaft mit Daimler und Bayer an der Spitze kann da nicht mithalten, weil sie nach anderen Spielregeln spielt. Was ins Politische übersetzt bedeutet: Merkel fährt im Leerlauf, Trump hat den Turbo eingeschaltet.
 
 
…
Jeder ist ersetzbar, heißt es immer. Aber so ganz kann das nicht stimmen. Immer wieder gibt es Unternehmensführer, die ihre Firmen zur Spitzenleistung bringen. Solche Unternehmensführer waren Kasper Rørsted bei Henkel, Wolfgang Reitzle bei der Linde AG und ist bis heute Axel Weber als Verwaltungsratspräsident der UBS, dessen Institut gestern wieder erstklassige Zahlen vorlegte. Plus zwölf Prozent Gewinn vor Steuern. Und das bei sinkenden Kosten.
…
Die Deutsche Bank wird heute ebenfalls ihre Zahlen vorlegen. Bereinigt um Sondereffekte wird es wohl nur ein Ergebnis, das bei steigenden Kosten eher mittelprächtig ausfällt. Kein Durchbruch – nirgends.

Wäre der damalige Aufsichtsrat Ackermanns Idee gefolgt, Axel Weber zur Deutschen Bank zu holen, stünde das Institut heute nicht ganz so windschief in der Frankfurter Innenstadt. Auch Vorstandschef Christian Sewing ist ein Kaliber, aber ein anderes. Sewing spielt nach Noten. Weber komponiert. Der eine macht den Unterschied. Und für den anderen gilt der Satz dann eben doch: Jeder ist ersetzbar.
 
…
Heute trifft EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in Washington ein, um Donald Trump den Marsch zu blasen. Es geht um den Handelskrieg zwischen USA, China und Europa. Als zweite Posaune hat sich bereits Bundesaußenminister Heiko Maas in Stellung gebracht. „Wir werden uns nicht bedrohen lassen“, sagte er im „ZDF-Morgenmagazin“.

Da wird sich Trump aber mächtig erschrocken haben. Maas, das weiß man in Washington, kämpft einen einsamen Kampf. Nicht so sehr gegen die amerikanischen Zölle, sondern vor allem gegen das heimische Nicht-Beachtetwerden. Und Trump? Begrüßt die EU-Delegation vor wenigen Stunden mit einem frechen Tweet: „Die Europäische Union kommt nach Washington. Ich habe eine Idee für sie. Wir beseitigen alle Zölle, Handelshemmnisse und Subventionen! Das nennt man einen freien Markt und einen fairen Handel! Ich hoffe sie werden es tun, wir sind bereit – aber sie nicht!“
 
…
Der Handelsstreit schlägt auf die USA zurück. Die Bauern zahlen mehr für ihre Einfuhren und werden im Gegenzug ihre Produkte in China neuerdings schwerer los. Deshalb stellt die US-Regierung den Landwirten nun zwölf Milliarden US-Dollar bereit. Die Hilfsprogramme seien eine kurzfristige Lösung, um Donald Trump Zeit für die Vereinbarung neuer Handelsabkommen zu verschaffen, sagte der US-Agrarminister Sonny Perdue am Dienstag in Chicago. So entschärft der Präsident die Bombe, die er selbst den Bauern ins Heu gelegt hat.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start, herzlichst Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor