Klassenkeile für Nahles | Amazon knüpft sich Kaufhof vor
 
DAS MORNING BRIEFING
21.09.2018
 
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Guten Morgen,
wenn Jean-Claude Juncker den Vorschlag der britischen Premierministerin als „interessant und höflich“ beschreibt, meint er in Wahrheit: Geht gar nicht, abgelehnt. So kam es dann auch. „Wir waren uns heute alle einig, dass es in Sachen Binnenmarkt keine Kompromisse geben kann", fasste Bundeskanzlerin Merkel den EU-Gipfel in Salzburg in gebotener Strenge zusammen. Theresa May ist in diesen Tagen die einsamste Frau Europas.

Großbritannien will zwar auch in Zukunft am freien Warenverkehr mit der EU teilnehmen. So die kühne Idee, mit der Mrs. May aus London angereist kam. Auf alle anderen Bestandteile des Binnenmarkts – Niederlassungsfreiheit für Arbeitnehmer, Austausch von Dienstleistungen und Kapital – möchte Großbritannien dagegen verzichten. Cherry Picking nennen das die Investmentbanker in der Londoner City.
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Noch bleiben ein paar Wochen Zeit zum Nachverhandeln. Und vielleicht gibt es ihn ja doch, den britischen Politiker, der sich ermannt, seine Nation vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Tony Blair und andere haben bereits eine entsprechende Initiative gestartet. Wo stecken eigentlich David Cameron und George Osborne? Sie hätten noch was gut zu machen.
 
Im Morning Briefing Podcast, der ab 7:15 Uhr verfügbar ist, interessieren uns heute zwei sehr unterschiedliche Sichtweiten auf das eine Ereignis:
 
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Der langjährige Brüsseler ZDF-Korrespondent und heutige Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung Udo van Kampen bewertet den EU-Gipfel und seine politischen Folgen. Er sagt: Das Ausscheiden Großbritanniens sei eine schwere Niederlage für Europa, vielleicht sogar „ein Desaster“. Europa verliert damit einen potenten Nettozahler. Das bedeutet: „Vor allem Deutschland wird zahlen müssen. Der dickste Batzen bleibt bei uns hängen.“
 
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Professorin Ulrike Guérot schaut mit dem Blick der Visionärin nach Brüssel. Sie rät zur Überwindung der Nationalstaaten und ruft die „Republik Europa“ aus. Das Leitmotiv ihres Denkens hat sie bei Albert Einstein entliehen: „Keine Idee ist eine gute, die nicht am Anfang als völlig illusorisch erschien.“
 
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48 Prozent der Deutschen haben nach Absetzung und Beförderung von Hans-Georg Maaßen von der Großen Koalition die Nase voll und wünschen sich Neuwahlen, sagt eine Meinungsumfrage im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Die andere Hälfte der Bevölkerung würde man auch gerne mal kennen lernen.
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Die meisten wünschten sich laut dieser Umfrage eine sogenannte Kenia-Koalition: das heißt eine Regierung aus Union, SPD und Grünen. Dieses Abenteuer geht eigentlich nur, so möchte man den Befürwortern zurufen, wenn Robert Habeck das Kanzleramt übernimmt. Horst Seehofer und Angela Merkel jedenfalls sind derzeit eher Kandidaten für eine Schreitherapie. All das Ungesagte muss raus. „Die Schreitherapie“, heißt es in einem Internet-Lexikon, „wird bei Menschen durchgeführt, die in einem tiefen emotionalen Loch stecken.“ Sie könnte damit auch für Andrea Nahles interessant sein.
 
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Apropos: Bei Nahles kann man sich derzeit nicht sicher sein, ob sie einer neuen Bundesregierung überhaupt noch angehören darf. Ihre Parteibasis begehrt auf. Für Montag haben sich ihre Gegner im SPD-Präsidium zur Klassenkeile verabredet.

In der Causa Maaßen fiel auf, dass ihr strategische Raffinesse fehlt. Das S im Parteinamen übersetzt Andrea Nahles offenbar mit Schlichtheit. Der einstige SPD-Intellektuelle Peter Glotz wälzt sich seit ihrer Wahl zur Parteichefin unruhig im Grab.

Der Kampf gegen die AfD lässt sich so für die SPD nicht gewinnen. Im jüngsten ARD-Deutschlandtrend von heute Morgen liegen die Sozialdemokraten erneut hinter der AfD, die laut dieser Umfrage die zweitstärkste Partei des Landes ist. Um die Argumente der Rechtspopulisten zu widerlegen, muss einem mehr einfallen, als dass es die Argumente von Rechtspopulisten sind.
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Dennoch dürfte der große Aufstand, von dem heute in der Zeitung allenthalben die Rede ist, ausbleiben. Denn: Es gibt derzeit niemanden, der mit Aussicht auf Erfolg gegen sie antreten könnte. Ralf Stegner aus Schleswig-Holstein würde gern, aber ihm fehlt der Rückhalt. Für Manuela Schwesig käme das Amt zu früh. Außerdem: Parteivorsitz und Ministerpräsidenten-Job sind nur schwerlich miteinander vereinbar. Die ehemaligen SPD-Chefs Matthias Platzeck aus Brandenburg und Kurt Beck aus Rheinland-Pfalz wissen, was hier gemeint ist.

Bliebe noch Olaf Scholz. Doch der Hamburger fährt auf Parteitagen seit Jahr und Tag die schlechtesten Ergebnisse ein. Ihm fehlt der sozialdemokratische Wärmestrom. Außerdem will er lieber Kanzlerkandidat als Parteifunktionär werden.
 
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Endlich wieder gute Nachrichten von der Deutschen Bank. In der Rangliste des Informationsdienstes „Coalition“, der in der Investmentbranche als der Goldstandard gilt, behaupten die Frankfurter ihren Platz als Nummer eins in Europa. Für den Morning Briefing Podcast habe ich mit dem Dokumentarfilmer und Deutsche-Bank-Experten Dirk Laabs über das Geldhaus gesprochen. Ich wollte von ihm wissen: Ist die Krise vorbei? Und wie konnte es eigentlich zu einer derartigen Kultur der Manipulation kommen, die zu tausenden Strafverfahren führte?
 
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Vor Jahren hatten Google und Facebook den Markt für Onlinewerbung de facto unter sich aufgeteilt. In den USA entfallen mehr als die Hälfte der Einnahmen im Onlinewerbemarkt auf diese Giganten. Jetzt versucht Amazon, die beiden anzugreifen. Laut einer Studie wird Amazon seinen Umsatz in diesem Sektor 2018 von 2,9 Milliarden auf 4,6 Milliarden US-Dollar erhöhen und damit die Nummer drei auf dem US-Markt werden. Dies entspricht einem Marktanteil von 4,1 Prozent. Damit bezahlt man bei Amazon künftig zweimal: Erst mit seinem Geld und dann mit seinen Daten.

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende der Gelassenheit. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor