Die Mittelschicht erodiert | Deutschlands Autobauer im Vergleich
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
12.04.2019
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Guten Morgen,
die Mittelschicht ist das tragende Bauteil der deutschen Gesellschaft. Ist dieses Bauteil groß und fest, steht das Land stabil. Wird es dünn und porös, beginnt das deutsche Haus zu schwanken.

Wirtschaftshistoriker, die sich mit dem Entstehen des Nationalsozialismus befasst haben, wissen um die geradezu unheimliche Wechselwirkung zwischen ökonomischem Fundament und politischem Überbau. Im Kopf des Einzelnen können Zustände der Verwirrung entstehen. Oder anders gesagt: Schwankt der Boden, beginnt es in der Dachstube zu spuken.

Im aktuellen Regierungsprogramm von CDU und CSU heißt es: „Heute leben wir im schönsten und besten Deutschland, das wir je hatten.“ Das ist mit Blick auf die absoluten Zahlen – Bruttoinlandsprodukt, Lohnsumme, Gewinnhöhe, Börsenentwicklung – eine wahre Aussage. Aber es ist – mit Blick auf die relative Teilhabe der Mittelschicht – ein Märchen.

Die gestern vorgestellte Studie der OECD „Taxing Wages“ erzählt die wahre Geschichte:

► Die deutschen Arbeitnehmer zahlen Sozialabgaben und Steuern auf Rekordniveau. Nur in Belgien ist der Unterschied zwischen Brutto und Netto – der sogenannte Steuer-Keil – noch tiefer.

Mittlere Einkommen stiegen seit 1995 um ein Drittel weniger als das Durchschnittseinkommen der oberen zehn Prozent – bei steigender Steuerbelastung der Arbeitnehmer. Die Gesellschaft driftet auseinander.

► Die Wohnkosten in Deutschland liegen derzeit bei durchschnittlich rund 35 Prozent der Haushaltsausgaben, in den Innenstädten der Metropolen aber bereits bei 46 Prozent (Berlin) oder 55 Prozent (München). Die urbane Mittelschicht erlebt die Vertreibung aus dem Paradies.

► Die Fragilität des Arbeitsmarktes kommt hinzu: „Mittlere Qualifikationen reichen – anders als früher – nicht mehr aus, um zur mittleren Einkommensklasse zu gehören“, bilanziert die OECD. Mittlerweile arbeiten neun Millionen Deutsche in jenem Bereich, den die Soziologen „prekäre Beschäftigung“ nennen.
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In ihrer aktuellen Titelgeschichte „Germany’s Fragile Future“ befasst sich die „Bloomberg Businessweek“ mit der ökonomischen und politischen Lage in Deutschland und kommt zu dem wehmütigen Fazit: „Es scheint, als erlebe Deutschland die letzten Tage einer Ära. Es liegt ein Wandel in der Luft, auf den niemand vorbereitet scheint.“

Das Fazit: Es gibt keinen Grund zu verzweifeln. Aber es gibt gute Gründe, dem Frohsinn der Regierungsparteien zu misstrauen. Die Spitzen der Großen Koalition haben sich mit dem Gute-KiTa-Gesetz, der Respekt-Rente und dem Starke-Familien-Gesetz angewöhnt, was die Amerikaner “happy talk“ nennen. Nach 13 Jahren Ruhe auf der Reformbaustelle wird es Zeit, dass wieder ein Vorarbeiter vorbeischaut.
 
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Deutschlands Autohersteller haben in dieser Woche ihre Verkaufszahlen für das erste Quartal veröffentlicht. Drei Dinge sind auffällig:
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► Als einziger der drei großen Hersteller hat BMW sowohl in China, den USA als auch in Europa mehr Autos verkaufen können als im ersten Quartal des Vorjahres. 519.000 Autos der Stammmarke bedeuten ein Absatzplus von 0,4 Prozent. Den März konnte BMW laut Vertriebsvorstand Pieter Nota sogar als „besten Einzelmonat aller Zeiten“ feiern.
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► Bei Daimler hingegen gingen die Auslieferungszahlen im gleichen Zeitraum um 5,6 Prozent zurück. Und plötzlich fällt auf: Nach 13 Jahren Dieter Zetsche hat Daimler kein Image-, aber ein Effizienzproblem. Bei Mercedes arbeiten etwa 23.400 mehr Mitarbeiter als bei BMW, die fast ebenso viele Autos bauen.
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► Auch der VW-Absatz brach ein, minus 4,5 Prozent im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr. Hier fällt auf, dass vor allem in China – das unter Konzernchef Martin Winterkorn als Absatzmarkt aufblühte – die Zeiten rauer geworden sind. Allein im März sackte die Nachfrage um 9,9 Prozent weg. Die Abhängigkeit der Volkswagen-Bilanz von den Verkäufen in China (40 Prozent aller verkauften Autos 2018) ist so signifikant, dass man nüchtern feststellen muss: Wenn China hustet, droht Wolfsburg der Fieberschub.
 
 
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dpa
Hans-Georg Maaßen kann es nicht lassen. Nachdem er im Herbst aus seinem Amt des Verfassungsschutzpräsidenten gefegt wurde, schießt er jetzt erneut Giftpfeile in Richtung Kanzleramt. Er warnte zuletzt in einem Interview vor dem großen „Einwanderungsdruck“ nach Europa und Deutschland: „Die Schleuse ist immer noch offen.“

Diese mahnenden Worte drangen aus einem Gespräch mit dem Orban-treuen, ungarischen Staatssender an unser Ohr. Bei dieser TV-Anstalt bekam Maaßen die Sendezeit, die ARD und ZDF ihm nun nicht mehr bieten. So gesehen ist er selbst ein politischer Flüchtling geworden. Nur, dass er die Balkanroute in die entgegengesetzte Richtung nutzt. Der Vorteil: deutlich weniger Verkehr.
 
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dpa
 
Gestern um 10:15 Uhr Ortszeit wurde ein bärtiger Mann aus der ecuadorianischen Botschaft in London gezerrt: Julian Assange, der Gründer der Enthüllungsplattform „WikiLeaks“, ist nach sieben Jahren Versteckspiel verhaftet worden.

Minuten später stellten die USA einen Auslieferungsantrag. Assange wird Verschwörung vorgeworfen, er hat – womit er sich in besseren Zeiten brüstete – Geheimdokumente des amerikanischen Geheimdienstes, des Militärs, des State Department und des Weißen Hauses ins Netz gestellt. Das sei Aufklärungsarbeit, fand er. Spionage und Geheimnisverrat, nennen es die USA.

Fakt ist: Mit seinen Enthüllungen hat Assange versucht, die Vereinigten Staaten zu diskreditieren und das Leben vieler Geheimdienstmitarbeiter gefährdet.
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Über Assanges Schicksal sprach meine Kollegin Chelsea Spieker aus dem Morning-Briefing-Team mit dem US-amerikanischen Whistleblower und Enthüller der Pentagon-Papiere, Daniel Ellsberg. In den Siebzigern hatte Ellsberg aufgedeckt, wie die Nixon-Regierung die Bevölkerung über den Vietnamkrieg belog. Es war der erste große Coup der „Washington Post“, noch vor Watergate. Über Assange sagt er:
Ich bin ganz eindeutig gegen eine Auslieferung von Julian Assange an die Vereinigten Staaten. Ich glaube, so wie es dort momentan läuft, würde er falsch verurteilt und für den Rest seines Lebens ins Gefängnis gesteckt werden.
Alle Präsidenten hassen Enthüllungen, die auf internen Quellen ihrer Administration beruhen. Sie wollen gern alle Informationen über sich kontrollieren. Aber der Art. 1 unserer Verfassung, der die Presse und Meinungsfreiheit garantiert, wurde geschaffen, um ihrem Verlangen entgegenzuwirken.
 
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Gute Nachrichten aus Afrika: Die junge Generation nimmt ihr Schicksal in die eigene Hand. Proteste im Sudan sorgten nun für ein Ende der fast 30 Jahre andauernden Diktatur von Umar al-Baschir. Zur Ikone des Umsturzes wurde die 22-jährige Studentin der Ingenieurswissenschaften Alaa Salah, die auf einem Foto zu sehen ist, wie sie eingehüllt in die weiße Landestracht von einem Autodach spricht. Die Symbolik ist eindeutig: Denn besonders Frauen hatten unter Machthaber al-Baschir gelitten. Aus Leid wurde Widerstandskraft.

In Algerien die gleiche positive Bilanz: Demonstranten zwangen in der vergangenen Woche den greisen Präsidenten Abd al-Aziz Bouteflika ebenfalls zum Rücktritt. Die Protestler auch hier: junge Menschen. Wir lernen: Afrika ist nicht mehr nur der verlorene, sondern auch der wehrhafte Kontinent. Wichtiger als die seltenen Rohstoffe unter der Erde ist die revolutionäre Ungeduld einer neuen Generation.


 
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Geschäfte später, Gelassenheit jetzt: Pünktlich zur Osterzeit habe ich für den Morning Briefing Podcast  mit der Theologin und ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, über Zuversicht, die oft quälenden Prozesse der Politik und die österliche Entschleunigung gesprochen. Sie sagt:
Wir könnten unwahrscheinlich glücklich sein, in diesem Land zu leben. Wir haben keine Tsunamis, keine Erdbeben. Wir müssen nicht hungern. Wir starren in Deutschland immer auf das, was nicht gelingt und sind nicht dankbar für das, was wir haben.
Nicht das Bruttosozialprodukt ist entscheidend, sondern das Glück in diesem Land. Es ist eine schöne Idee, zu sagen: Lasst uns doch mal fragen, worüber wir glücklich sein können. Vielleicht wäre die Haltung dann eine andere.
Die Leute bezahlen viel Geld für Entschleunigungs-Seminare. Meine Antwort ist: Du kannst jeden Sonntag um 10 Uhr in der Kirche entschleunigen. Diese Unterbrechung tut dem Menschen ganz bestimmt gut.
Dieser Aufforderung zur Entschleunigung wird das Morning-Briefing-Team geschlossen folgen, nicht nur am Ostersonntag. Wir melden uns ab in Richtung Osterpause. Ich bedanke mich – auch im Namen der mich unterstützenden Kolleginnen und Kollegen – für Ihre Treue und Ihre Leidenschaft. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen eine gute, eine entschleunigte Zeit.

Morgen und übermorgen früh biete ich Ihnen noch meine Gespräche mit dem Deutsche-Post-Chef Frank Appel über Europa und dem BASF-Vorstandsvorsitzenden Martin Brudermüller über seine Konzernstrategie an. Am Dienstagmorgen nach Ostern sprechen wir uns wieder. Bleiben Sie mir gewogen.

Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor