Gabor Steingart. Das Morning Briefing.
Graue Panther bei den "Dems" | Schöne Bescherung durch Onlinehandel
DAS MORNING BRIEFING
29.11.2018
…
teamLab
Guten Morgen,
manche Ereignisse werden dadurch erträglicher, wenn man eine Nacht darüber schläft. Das Aus für die weltgrößte Computermesse Cebit gehört nicht dazu.

Nach 33 Jahren wird dieser einst wichtigste Marktplatz der Moderne sang- und klanglos geschlossen. Schuld seien rückläufige Zuschauerzahlen, meldet das Fernsehen. Die Deutsche Messe AG trifft demnach keine Schuld, sie testierte lediglich wie ein braver Notar das digitale Desinteresse der Deutschen.

Doch die Wahrheit sieht anders aus. Es steht Messe drauf, aber es steckt Politik drin. Das Ende der Cebit ist Teil eines großen Versagens. Eigentümerin der Cebit ist die Deutsche Messe AG, eine hundertprozentige Staatsfirma, die der Stadt Hannover und dem Land Niedersachsen gehört. Und die war unfähig, den Markenkern der Cebit in die neue Zeit zu transformieren. Stellt euch vor, das Digitalzeitalter klopft an die Tür und niemand ist zu Hause.
…
Deutsche Messe AG
 
Die Unerreichbarkeit ist strukturell bedingt. In den Führungsgremien der Deutschen Messe AG sitzt nicht ein einziger Digitalexperte, dafür Politiker soweit das Auge reicht: Aufsichtsratsvorsitzender ist der SPD-Wirtschaftsminister von Niedersachsen, Bernd Althusmann. Neben ihm im Kontrollgremium haben der CDU-Finanzminister, der SPD-Umweltminister, der SPD-Bürgermeister von Hannover und IG-Metall-Funktionäre ihre Posten bezogen. Niedersachsen wäre nicht Niedersachsen, wenn nicht auch noch Platz wäre für ein Vorstandsmitglied von VW.

Ohnmächtig muss das Bürgertum den Niedergang des einstigen Innovationsweltmeisters Deutschland beobachten. Man revoltiert nicht, aber grummelt. Man hat kein Verständnis, aber man versteht. So sehen politische Delegitimierungsprozesse aus.
…
dpa
 
In den Schulen sind das Digitalste die Pausen. Es lebe die ewige Kreidezeit. Klaus Wowereit hat einen Flughafen gebaut, bei dem nur die Kosten, aber nicht die Flugzeuge abheben. Und das SPD-Biotop in Niedersachsen verschläft vor aller Augen die Morgenröte des Digitalzeitalters. Internet-Ikone Sascha Lobo analysiert im gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast die triste Lage. Das ist kein Interview, sondern ein Nachruf.

Wenn laut Forsa-Umfrage nur noch vier Prozent der Deutschen der SPD die Lösung der Gegenwartsfragen zutrauen, dann dürfen sich 96 Prozent mit dem Blick nach Hannover bestätigt fühlen. Die anderen vier Prozent würde man gerne persönlich kennenlernen.
 
…
 
Der UN-Migrationspakt hat nicht nur Gegner, sondern auch Freunde. Thomas Heilmann, ehemaliger Justizsenator von Berlin und heute Bundestagsabgeordneter für die CDU, ist einer davon. Im Gespräch für den Morning Briefing Podcast erzählt er, warum er den Pakt unterstützt und auf dem CDU-Parteitag dennoch einen Antrag einbringen wird, der Sondergefängnisse für ausreisepflichtige Ausländer vorsieht.
 
 
…
dpa
 
Wer verstehen will, warum die US-Demokraten in der Bevölkerung kein Bein auf den Boden bekommen, muss einen Blick auf die Führungsriege der Partei werfen. Im demografisch jüngsten Land der westlichen Welt werden ausgerechnet die Progressiven von einer Gruppe grauer Panther dominiert. Hillary Clinton, 71, und Bernie Sanders, 77, sind noch immer politisch aktiv. Am Mittwoch nominierten die Kongressabgeordneten der Demokraten die 78-jährige Nancy Pelosi als ihre Anführerin. Als Hymne der Demokraten drängt sich ein Stück aus dem deutschen Kinderliedgut auf: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad.“
 
 
…
dpa
 
Der Streit zwischen Präsident Donald Trump und US-Notenbankchef Jerome Powell eskaliert. Der Präsident wirft Powell vor, mit seiner Leitzinsanhebung auf 2,25 Prozent für den Stellenabbau bei General Motors verantwortlich zu sein. „Die Fed hat total die Bodenhaftung verloren“, zürnte Trump in einem Interview. Die Abberufung des Notenbankchefs kann Trump zwar nicht befehlen, aber betreiben. Die Uhr von Jerome Powell hat zu ticken begonnen.
 
…
 
Vor rund 20 Jahren war Microsoft das wertvollste Unternehmen der Welt. US-Präsident Bill Clinton steckte mitten in der Lewinsky-Affäre und in Moskau regierte Boris Jelzin. Danach gab es nicht mehr viel zu feiern für den Konzern aus Seattle. Apple verdrängte Microsoft, der neue Gott der Internetära hieß Steve Jobs und nicht mehr Bill Gates. Das neue Office-Paket sah aus wie ein iPhone.

Doch der Wind hat sich gedreht: Microsoft drängt zurück an die Spitze. Am Montag lag der Börsenwert kurzfristig sogar über dem von Apple. Die Aktie des Unternehmens aus Cupertino dagegen hat allein seit Oktober einen Wertverlust von 23 Prozent erlitten. Die Götter des Silicon Valley sind groß und mächtig, aber unsterblich sind sie nicht.
 
…
 
Der weihnachtliche Onlinehandel boomt, was auf den Straßen wiederum zu einer schönen Bescherung führt. Die Kuriere der Paketdienste blockieren Standstreifen und Einfahrten, mit ihren gelben und braunen Uniformen hasten sie durch die Treppenhäuser.

So erzeugt das Internet eine Rückkopplung, die in ihrer analogen Absurdität nur schwer zu überbieten ist. Wir klicken mit der Maus und der Kurier flitzt. Wir bestellen, gern auch mehr als wir brauchen. Von der Konsumgesellschaft sind wir übergangslos in die Umtauschgesellschaft gewechselt. Gezahlt wird mit Euro und unseren Daten. Die Händler geben Schnäppchen, wir unsere Intimität. Oder um es mit Mark Twain zu sagen: „Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt.“

Ich wünsche Ihnen einen ausgeruhten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor