Trump im Porzellanladen | Was wird aus der Deutschen Bank?
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
04.06.2019
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Guten Morgen,
Deutschland ist ökonomisch stabil, aber politisch stolpert das Land von einer Ohnmacht zur nächsten. Wenn der Begriff „Ära“ eine Zeitspanne relativer Stabilität und ganzheitlicher Prägung meint, dann muss die Ära Merkel als beendet gelten.

Die Noch-Kanzlerin besitzt keine die Innenpolitik prägende Kraft mehr. Die politische Elementargewalt, die jeder Regierungschef zum Kanzler-Sein benötigt, ist von ihr gewichen. Beginnend mit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen und beschleunigt durch den Verlust des Parteivorsitzes kam es zur Entladung ihrer Kanzlerenergie.

Von den äußerlichen Routinen der Macht darf man sich nicht täuschen lassen: Noch immer fahren im Kanzleramt die Limousinen vor und Personenschützer des BKA springen auf, um Merkel den Fahrstuhl zu rufen. Noch immer begrüßt sie Staatsgäste und hält mit routinierter Interessiertheit Gedenk-, Eröffnungs- und Grabesreden – wie eben erst im Falle der Andrea Nahles.
 
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Doch diese Kanzlerschaft funktioniert nur noch mit Notstromaggregat. Gestern attestierte Merkel sich selbst und der Großen Koalition „Arbeitsfähgigkeit“. Sie habe nicht den Eindruck, dass von den Auflösungserscheinungen der SPD ein Signal der Instabilität für die Regierung ausgehe. Was man eben so sagt, wenn die Kräfte schwinden. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet kommt mit seiner Einschätzung – vorgetragen in der „Rheinischen Post“ – der Wahrheit näher:
Ich glaube, dass die Große Koalition bis zum Herbst dauert. Bis Weihnachten – das kann keiner sagen.“
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Derweil übt sich die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in Demut. Das Parfüm der Siegerin, das sie noch auf dem Parteitag im Dezember umwehte, ist verflogen. Sie wolle künftig „auf echten Dialog und nicht auf einseitige Kommunikation“ setzen, sagte sie im Anschluss an ihre CDU-Sonderklausur, bei der zahlreiche Funktionäre ihr einen Einlauf verpasst hatten.

Innerhalb der Wirtschaft ist die Schonfrist für die CDU-Chefin, die nirgendwo als adäquater Merkel-Ersatz wahrgenommen wird, abgelaufen. In den Vorstandsbüros der Dax-Konzerne wird gegrummelt, seitens der Familienunternehmer bereits scharf geschossen.
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„Das schlechte Wahlergebnis bei der Europawahl kommt nicht aus heiterem Himmel, ist Folge der inhaltlichen Entkernung seit über einem Jahrzehnt“, sagt Familienunternehmerin Astrid Hamker im heutigen „Handelsblatt“. Sie dürfte im Tagesverlauf zur neuen Chefin des CDU-Wirtschaftsrates gewählt werden.
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Schrauben-Milliardär Reinhold Würth (84) bekennt in der heutigen „Bild“, dass die Merkel- und AKK-CDU für ihn nicht mehr wählbar sei und er deshalb bei der Europawahl die Grünen unterstützt hatte:
Die jungen Leute haben mehr als recht, die heute auf die Straße gehen. Wir haben nur dieses eine Raumschiff Erde. Bis 2038 soll Schluss sein mit der Kohleverstromung? Das muss heute passieren, jedes Gramm an CO2, das in die Luft geht, ist eines zu viel.“
Die Rhetorik einer AKK ziehe ihn nicht an, sondern stößt ihn ab:
Sie hat von Wirtschaft nicht viel Ahnung und das elegante, glatte Parteipolitikreden haben wir genug im Land.“
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Auch Martin Richenhagen, Vorstandschef von AGCO in Atlanta, kann sich für die Regierungspartei CDU nicht mehr begeistern. Der erfolgreichste deutsche Manager in den USA ist CEO bei einem der größten Agrartechnik-Konzerne der Welt – der unter seinem Dach auch die Marken Fendt und Massey Ferguson vereint. Im Interview für den Morning Briefing Podcast  redet er Klartext. Den Aufstieg der Grünen begleitet er nicht mit Horrorgefühlen, sondern mit Neugier:
Ich glaube, dass die Grünen sich weiterentwickelt haben und sich auch für Wirtschaft interessieren. Mich würde nicht schocken, wenn es einen grünen Bundeskanzler oder eine grüne Bundeskanzlerin geben würde.“
Die neue CDU-Chefin kann ihn nicht begeistern:
Ich halte Annegret Kramp-Karrenbauer weder für visionär, noch erwarte ich von ihr unglaubliche Impulse. Inhaltlich wird ihr zu wenig einfallen, um Deutschland wirklich nach vorne zu bringen.“
Auch eine persönliche Begegnung mit ihr konnte ihn nicht umstimmen. Im Gegenteil:
Ich hatte nicht den Eindruck, als wollte sie was hören oder was lernen. Sie redet mehr, als dass sie zuhört.“
Die CDU-Funktionäre in Präsidium, Vorstand und Fraktion sollten sich über die Tiefe und Breite dieser Anti-AKK-Bewegung nicht täuschen. Die Frau stößt bei der Jugend auf Ablehnung, im Bürgertum auf Desinteresse und bei der Wirtschaftselite auf Befremden. Auf diesem Fundament lässt sich keine neue Kirche bauen.
 
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US-Präsident Donald Trump ist in Großbritannien und damit ganz bei sich. Der Queen gab er am gestrigen Morgen nur die Hand, anstatt, wie es das Protokoll verlangt, sich zu verbeugen. Für die meisten ein Eklat, für ihn ein anti-feudalistischer Akt amerikanischer Selbstbehauptung.
 
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Schon im Anflug auf London nannte er den Bürgermeister einen „Loser“. Der Mann hat es gewagt, eine überlebensgroße Trump-Karikatur in Ballonform zu genehmigen.

Trump nimmt Rücksicht auf Gefühle, aber vor allem die eigenen. Meghan Markle, Herzogin von Sussex, bezeichnete er kurz vor seinem Besuch als „nasty“, was als „gemein“ oder „zickig“ übersetzt werden kann. Der Hintergrund: Die heutige Ehefrau von Prinz Harry hatte 2016 Trump im Wahlkampf kritisiert.
 
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Heute trifft der Mann aus Washington in Downing Street No. 10 auf Noch-Premierministerin Theresa May. Am liebsten würde er danach noch Boris Johnson treffen. Dessen Brexit-Kampagne imponiert ihm mehr als alles, was Merkel, Macron und May an europäischen Initiativen gestartet haben. Wenn er Johnson sieht – dann sieht er sich in ihm selbst.

Gern würde er heute ein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und den USA unterzeichnen. In seinen Augen handelt es sich um einen Anti-China-Pakt, der auch die Diskriminierung des chinesischen Tech-Konzerns Huawei regelt. Und der Europäischen Union soll auf diese Art eine Lektion erteilen werden. Das Verrückte daran ist nicht Trumps Wollen, sondern das Dulden und Schweigen in den USA. Die transatlantische Freundschaft – einst die prägende Kultur der Nachkriegszeit – hat in Washington ihre strategische Hegemonie verloren. Der amerikanische Transatlantiker ist der Neandertaler der Gegenwart.
 
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Die Börse geht mit der Deutschen Bank hart ins Gericht. Der Kurs sank gestern unter sechs Euro. Die „Börsen-Zeitung“, die traditionell eher wohlwollend auf das Frankfurter Geldhaus blickt, rechnet in einem zuvor erschienen Artikel mit der Bank und ihrem Vorstandsvorsitzenden regelrecht ab. In einem Leitartikel (Überschrift: „Im Morast“) heißt es:

► „Chris­ti­an Sewing hat im In­sti­tut Kos­ten­dis­zi­plin durch­ge­setzt, mehr nicht.“

► „Der einstige Hoff­nungs­trä­ger versinkt im Mo­rast, in den sich die Bank schon lan­ge vor sei­ner Be­ru­fung ver­wan­delt hat.“

► „Sewings Strategie der Ein­schnit­te ins tau­meln­de In­vest­ment-Ban­king greift zu kurz.“

► „Die Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung seit dem Re­kord­hoch 2007 ist schon zu 94 Prozent ver­dampft. Viel mehr Ver­trau­ens­ent­zug geht nicht.“

► „Die Ab­wärts­spi­ra­le be­schleu­nigt sich.“

► „Be­triebs­wirt­schaft­li­ch sind die re­gel­mäßigen Mil­li­ar­den­-Bo­ni Irrsinn.“

Fazit: Das Vertrauenskapital des Chris­ti­an Sewing schrumpft schneller als die Polarkappen. Wer auf seine Zukunft setzt, muss kräftige Risikoaufschläge zahlen. Wäre Sewing kein Mensch, sondern ein Finanzprodukt, würde man ihn wohl als „Junk Bond“ bezeichnen. 

Ich wünsche ihm die Fähigkeit, sich gleich Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Und Ihnen wünsche ich einen unbeschwerten Start in diesen neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor