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DAS MORNING BRIEFING
08.08.2018
 
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Guten Morgen,
wenige Wochen nach dem Auftaktgefecht im amerikanisch-chinesischen Handelskrieg erklärt sich US-Präsident Trump zum Sieger: „Die Zölle wirken“, sagt er. Endlich könne Amerika damit beginnen, sein 21-Billionen-Staatsdefizit zurückzuzahlen. Mission accomplished, hieß das bei George W. Bush.

Wenn Trump recht hätte, sollte Europa zügig in den Handelskrieg einsteigen. Auch in der EU gibt es Billionen Euro Schulden, die auf Rückzahlung warten. Doch Vorsicht! Hier sind vier Gründe, warum die Handelskrieger in Washington irren:
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1. Wer China schädigt, schädigt sich selbst. Das Reich der Mitte steuerte in 2017 zum globalen Wachstum von drei Prozent überproportionale 34 Prozent bei. Der Grund: Das Land wächst deutlich schneller als die reifen Volkswirtschaften. Das bedeutet: Eine Wachstumsverlangsamung in China wirkt auf den gesamten Körper der Weltwirtschaft wie ein Tranquilizer. Minus ein Prozent beim Wachstum der Weltwirtschaft in 2019 sind das Mindeste.
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2. Die USA verteuern mit ihrer Zollpolitik ihre China-Importe (siehe Grafik) und gefährden ausgerechnet das, was sie ankurbeln wollen: ihre Exporte. Denn anders als die Warenbilanz (Autos, Flugzeuge, Weihnachtsmänner) fällt die Dienstleistungsbilanz (Banken, Wirtschaftsprüfer, Software-Entwicklung) mit China positiv für die USA aus. Drei Viertel des Gesamtvolumen in Höhe von rund 120 Milliarden US-Dollar in 2017 flossen allein in US-amerikanische Dienstleistungen. Wer die Exportstrategie der Chinesen zerstört, beschneidet ihre Möglichkeiten zum Import.
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3. Jobs und Steuereinnahmen in den USA dürften leiden: 70 Prozent aller in den USA gefertigten High-End-Chips werden nach China verkauft. Für General Motors ist China der bedeutendste Absatzmarkt, für Apple der zweitgrößte. Undenkbar, dass ein hitzig geführter Handelskrieg die Gewinnmaschinen der USA nicht zum Stottern bringt, was Jobs vernichtet und Steuereinnahmen reduziert.
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4. Handelskriege werden mit Zöllen geführt, aber die Effekte betreffen echte Menschen. Asien ist der Ort, wo die neue Mittelschicht entsteht. Die Studie, die der Grafik zugrunde liegt, zählt all diejenigen Menschen zur Mittelschicht, die über ein kaufkraftbereinigtes Einkommen von zwölf bis 120 US-Dollar pro Tag verfügen. Zur Jahrtausendwende gehörten etwa 1,5 Milliarden Menschen der Mittelschicht an. In 2030 werden es über fünf Milliarden sein. Wer diese Menschen mit Strafzöllen belegt, sägt an dem Ast, auf den er gerade klettern wollte.

Und Deutschland? Schaut zu, aber dabei wird es nicht bleiben. Wenn 40 Prozent der globalen Wohlstandsproduktion – also die Wertschöpfung in China und Nordamerika – nicht miteinander, sondern gegeneinander entstehen, strahlt der Konflikt vom Kern in die Peripherie. Es ist wie bei Massenunruhen im Fußballstadion: Die Provokation verlässt den Kreis der Provokateure. Aus Zuschauern werden Opfer.
 
 
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Nestlé-Chef Ulf Schneider sitzen seit Amtsantritt aggressive Investoren im Nacken. Sie verlangen deutlich mehr Profit. Dem hat Schneider, ein von Hause aus besonnener, eher nachdenklicher Manager, nun nachgegeben. Das Gewinnziel, bei Nestlé die operative Marge, wird auf stolze 18,5 Prozent angehoben. Und die aggressiven Investoren? Sind unzufrieden wie zuvor, genug ist nie genug.
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Der Nestlé-Miteigentümer und Milliardär Daniel Loeb aus New York, der mit seiner Firma Third Point ein Anlagevermögen von 17,5 Milliarden US-Dollar dirigiert, verlangt, was dieser Typus Mensch gern verlangt: runter mit den Kosten, rauf mit den Gewinnen. Die Kuh soll Milch geben, aber nicht grasen. Wenn der Körper der armen Kreatur vor Schwäche zittert, ist die Spezies der Heuschrecken-Investoren längst weitergezogen. Solche Investoren suchen keine Partner, sondern Wirtstiere. Sie wollen in Wahrheit nichts unternehmen, sie wollen nur saugen.
 
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Sprechen deutsche Automanager über Elon Musk, wird gern gespottet. Der Grund: Er verkauft gemessen an VW und Daimler nur Mini-Serien. Sie produzieren Gewinn, er Verlust. Aber: Sie managen, er erfindet. Jetzt hat sich nach Informationen der „Financial Times“ Saudi-Arabiens Staatsfonds PIF heimlich und mit Hilfe der Investment-Bank Morgan Stanley mit drei bis fünf Prozent an Tesla beteiligt. Der Erfinder möchte derweil Tesla am liebsten wieder als private Firma ohne Börsenlisting führen, teilte er heute Nacht via Twitter mit. Die Nasdaq war irritiert und setzte den Börsenhandel aus. Der Tesla-Gründer trägt sich ins Geschichtsbuch der Automobilindustrie ein – wenn auch mit roter Farbe und leicht zittriger Handschrift.
 
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Sinkende Erträge im Brief- und Paketgeschäft lassen den Gewinn der Deutschen Post schrumpfen. Das operative Ergebnis sank im zweiten Quartal bei einem Umsatz von 15 Milliarden Euro um 11,2 Prozent auf 747 Millionen Euro. Doch die Banken lassen Post-Chef Frank Appel nicht fallen. Die Aktie wird weiter zum Kauf empfohlen. Das hat zwei Gründe: Der Post-Chef befreite noch vor Verkündung der Zahlen den verantwortlichen Manager von der Last der Verantwortung. Und: Man vertraut auf das strategische Können von Appel, das er oft unter Beweis gestellt hat. Im Firmenleben gilt wie im richtigen Leben auch: Vertrauen reduziert Komplexität.
 
Die Grünen werden zur neuen Partei der Mitte. Laut Umfragen von Emnid und Forsa liegt die Umweltpartei bei 15 Prozent und damit vor der FDP und knapp hinter der SPD, die gerade einmal 18 Prozent der Wähler hinter sich versammeln kann. Zur Erinnerung: bei der Bundestagswahl im vergangenen September schloss die Umweltpartei mit 8,9 Prozent ab.
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Ihre Attraktivität hat die Partei vor allem dem neuen Bundesvorsitzenden Robert Habeck zu verdanken. Der Kinderbuchautor, Übersetzer englischer Lyrik und Romanschriftsteller verfügt über eine Doppelbegabung, die selten geworden ist: Er kann reden und zuhören. Wenn Joschka Fischer der Mick Jagger seiner Partei war, ist Habeck der Ed Sheeran der Grünen. Die anderen Politiker klingen oft schrill, zuweilen hohl; dieser Mann singt Balladen.

Ich wünsche Ihnen einen harmonischen Start in den Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor