Regierung droht mit Ausgangssperre; Joe Kaeser geht
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Guten Morgen ,
die deutsche Autoindustrie braucht auf keinen Virustest zu warten: Sie hat sich hochgradig infiziert. Es sind vor allem fünf Symptome, die aufgrund ihrer Gleichzeitigkeit das Problem verschärfen. Erstens: Einen derartigen Nachfrageschock hat es in Friedenszeiten noch nie gegeben. Die Kaufnachfrage in allen relevanten Automärkten der Welt befindet sich im freien Fall. Allein der Automarkt in China ist im Februar um knapp 80 Prozent eingebrochen, weshalb die Business-Pläne aller deutschen Hersteller ein Fall für den Altpapierhändler sind. Zweitens: Die globalen Wertschöpfungsketten sind an neuralgischen Punkten zusammengebrochen. Die so dringend auf Zulieferer angewiesen Industrie kann ihre bisherige just-in-time-Produktion nicht aufrechterhalten, weshalb VW, Daimler, Opel und BMW den Großteil ihrer Werke in Europa schließen. Der Produktionsstopp bei VW gilt für den Stammsitz Wolfsburg, die Standorte Emden, Hannover, Osnabrück, Zwickau, Dresden und die Komponentenwerke Braunschweig, Salzgitter, Kassel und Chemnitz, was nichts anderes bedeutet als: Die Angst vor Jobverlust wandert wie ein Gespenst durch Deutschland. Drittens: Der Industrie, die sich im Übergang vom Verbrennungsmotor zum vollständig elektrifizierten Fahrzeug befindet, fehlt nun der Cash Flow für diesen Kraftakt. Bei VW könnte sich der operative Gewinn laut Finanzchef Frank Witter im ersten Quartal auf rund 2,2 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum halbieren. Ferdinand Dudenhöffer geht davon aus, dass der westeuropäische Automobilmarkt zehn Jahre brauchen wird, um wieder die Größe des Jahres 2019 zu erreichen.
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Viertens: Da die G-20-Staaten mit vollem Kraftaufwand die kommende Rezession bekämpfen, ist völlig unklar, ob am Ende ausreichend Finanzmittel und politische Aufmerksamkeit zur Verfügung stehen, um die erfolgskritischen Investitionen in die elektromobile Infrastruktur zu tätigen. Das Wappenentier des Elekrozeitalters ist womöglich die Schnecke. Fünftens: Die Pandemie und die laufende Klimadebatte verändern langfristig das Mobilitätsverhalten. Digitale Kommunikationstechnologien – vom Messenger-Service bis zum Streamingdienst – haben die bisherige Besuchs- und Pendeldiplomatie der McKinsey-Gesellschaft infrage gestellt, was auf die Produzenten von Fahrzeugen nicht ohne Rückkoppelung bleiben dürfte. Die Überschrift für das 20. Jahrhundert lautete: Freie Fahrt für freie Bürger. Die Überschrift des beginnenden 21. Jahrhunderts dagegen: Wende zum Weniger.
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dpa
Am Donnerstag informierte der Verband der deutschen Automobilindustrie über die kritische Lage dieser deutschen Schlüsselindustrie.
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YouTube/VDA
VDA-Präsidentin Hildegard Müller sprach aus ihrer derzeitigen Quarantäne heraus in einer Telefonkonferenz. Sie sagte:
Die Entwicklung der Konjunktur ist dramatisch: sowohl was die Nachfrage als auch was das Angebot angeht.“
Es gehe Müller zufolge nun um zwei Probleme, die die Regierung dringend lösen müsse: ► liquiditätsunterstützende Maßnahmen für in Not geratene klein- und mittelständische Unternehmen wie KfZ-Betriebe und Händler ► ein einheitliches Vorgehen auf nationaler und europäischer Ebene
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dpa
Die EU-Institutionen sind genau wie die Behörden in Bund und Ländern nicht vollständig koordiniert.“
Den Ruf nach milliardenschweren Staatshilfen für die großen Unternehmen schloss Müller zumindest nicht aus:
Nötig sind jetzt Maßnahmen zur Bekämpfung der aktuellen Krise. Über alles weitere sprechen wir, wenn wir die mittel- und langfristigen Auswirkungen absehen können.“
Steuerzahler aufgepasst: Das ist die Nachtigall, die man jetzt schon trapsen hört.
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dpa
Auch der deutsche Politikbetrieb bleibt parteiübergreifend nicht von der Aggressivität des Coronavirus verschont: CDU-Mann Friedrich Merz, Cem Özdemir von den Grünen und der Liberale Alexander Graf Lambsdorff sind betroffen. Letzteren hat „Welt“-Vize Robin Alexander in der Quarantäne angerufen, um über seine Gesundheit und den Umgang der Politik mit Corona zu sprechen. Im Morning Briefing Podcast  berichtet er:
Ich hatte einen vergleichsweise milden Verlauf. Ich weiß aber von Gleichaltrigen, bei denen die Verläufe auch ganz anders und viel schlimmer waren. Wir als FDP rufen alle dazu auf, sich an die Regeln zu halten.”
Über die bei CDU, CSU und SPD aufblühende Idee, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise durch das Ende der Schwarzen Null zu bekämpfen, sagt er:
Wir haben viele gesunde Unternehmen, die in ernsten Schwierigkeiten sind. Hier muss der Staat helfen und da kann die Schwarze Null kein Dogma sein.”
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dpa
Das Verhalten Deutschlands in der Corona-Krise sehen andere Länder kritisch, wie der leidenschaftliche Europapolitiker Lambsdorff zu berichten weiß:
Es gibt viel Unmut über Deutschland in anderen Hauptstädten wegen der Ausfuhrbeschränkungen für Atemschutzmasken, die sehr früh in der Krise verhängt wurden, als in Italien sich die Krise schon verschärfte. Berlin trägt eine Verantwortung, der es aber nicht gerecht geworden ist.”
Aus China starten jetzt Hilfsflüge nach Italien, während wir die Italiener sich selbst überlassen. Das ist nicht in Ordnung.”
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Gesellschaftspolitische Reputationsverluste, eine spürbare Innovationsschwäche und die umstrittene Filetierung des Traditionskonzerns: Das ist die Bilanz des aus Niederbayern stammenden Siemens-Chef Josef Käser, der sich aus Image-Gründen während seiner Amerikazeit in Joe Kaeser umbenannt hat.
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Nun hat sich der Aufsichtsrat zum Schlussstrich entschlossen. Ursprünglich sollte die Personalie erst im Sommer entschieden werden, nun ging alles doch viel schneller: Siemens-Vizechef Roland Busch wird neuer CEO, spätestens bei der Hauptversammlung am 3. Februar 2021 soll er offiziell ernannt werden. Roland Busch wird zuvor allerdings für die Budgetplanung des Geschäftsjahres 2021 und deren Umsetzung verantwortlich sein und ab dem 1. Oktober 2020 alle dazu relevanten Aufgabengebiete im Vorstand übernehmen.
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Kaeser ist damit das, was die Amerikaner einen „man without balls“ nennen. Doch der Aufsichtsrat lässt den Mann nicht ins Bodenlose fallen. Was für ältere Pferde der Gnadenhof, ist bei Kaeser die Siemens-Tochter Energy. Dort darf er den Vorsitz des Aufsichtsrates übernehmen.
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Erstens: Die Bundesregierung hat das eigene Volk auf dem Kieker. Die fröhliche Unbekümmertheit, mit der auch Angela Merkels Appell überhört wurde, stößt im Bundeskanzleramt auf Befremden. Eine Ausgangssperre steht nach wie vor oben auf der Agenda. Kanzleramtsminister Helge Braun im „Spiegel“-Interview:
Wir werden uns das Verhalten der Bevölkerung an diesem Wochenende anschauen. Der Samstag ist ein entscheidender Tag, den haben wir besonders im Blick.“
Zweitens: Die Corona-Krise bedroht viele Selbstständige und Tausende von Kleinstunternehmer in ihrer Existenz. Deshalb  will die Bundesregierung heute ein milliardenschweres Hilfspaket beschließen. Über 40 Milliarden Euro sollen in Form von Zuschüssen und Darlehen an die Unternehmer gezahlt werden. Drittens: Die Zahl der Menschen, die allein aus konjunkturellen Gründen in diesem Jahr Kurzarbeitergeld erhalten, dürfte laut Bundesregierung auf über zwei Millionen steigen. Die Mehrkosten der Bundesagentur für Arbeit werden sich auf rund zehn Milliarden Euro belaufen. Die Lohnnebenkosten in Deutschland werden noch dann Höchststände verzeichnen, wenn das Wort Corona aus den Schlagzeilen verschwunden ist.
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Viertens: China meldet erneut keine lokalen Neuinfektionen mit dem Coronavirus mehr. Die bisherige Bilanz: In China haben sich laut WHO über 81.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, mehr als 3200 sind an den Folgen gestorben . Fünftens: Die größte deutsche Fluggesellschaft Lufthansa streicht ihre Flugpläne zusammen. Bis zum 19. April sollen nur noch fünf Prozent der ursprünglich geplanten Flüge stattfinden, sagte gestern Vorstandschef Carsten Spohr bei der Vorstellung der Geschäftszahlen 2019. Nach einem deutlichen Gewinnrückgang stehen als Ultima Ratio Staatshilfen zur Debatte. Zu Recht: Die Lufthansa ist keine normale Firma, sondern Teil der sicherheitsrelevanten Infrastruktur  in Deutschland.
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Im neuen Podcast-Zyklus „Der achte Tag: Deutschland neu denken“  meldet sich täglich eine wichtige Stimme zu Wort, gestern Abend die preisgekrönte deutsche Journalistin Düzen Tekkal. Als Kriegsberichterstatterin berichtete sie 2014 aus dem von der IS-Terrororganisation besetzten Irak über das Schicksal von Millionen Flüchtlingen. In Deutschland sieht sie die tektonischen Platten der Innenpolitik derzeit in Bewegung:
Die Populisten sind gerade arbeitslos. Nichts von dem was sie jetzt machen ist wirksam, weil es nicht konkret ist. Wenn es darauf ankommt, fokussieren wir uns. Diese Krise macht ehrlich.“
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Das Männermagazin „Playboy“ erscheint in den USA künftig nicht mehr regelmäßig in gedruckter Form. Für den Rest des Jahres sollen Inhalte online veröffentlicht werden, schrieb Geschäftsführer Ben Kohn in einem offenen Brief. Das letzte Heft in diesem Jahr erscheine in den USA noch in dieser Woche. Der Ausstieg aus dem Printprodukt sei innerhalb des Unternehmens lange diskutiert worden. Wegen der weltweiten Corona-Krise werde er nun aber vorgezogen, schrieb Kohn.
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Die Erstausgabe war 1953 auf den Markt gekommen. Im Jahr 1975 erreichte „Playboy“ eine weltweite Auflage in Höhe von 5,6 Millionen Magazinen. Danach ging es bergab, 2018 betrug die Auflage weltweit gerade noch 210.000 Exemplare. Fazit: Die Viruskrise wirkt wie ein Brandbeschleuniger auf die gedruckten Medien. Der klassische Verleger, zumindest wenn er sein Schicksal mit dem der Druckmaschine verbindet, verschwindet im Nebel der Geschichte. Im Museum der ausgestorbenen Arten wird er bald neben dem Dinosaurier stehen: zu viel Panzer, zu wenig Hirn.
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dpa
Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in das Wochenende. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor
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