Neue Studie zur Start-up-Finanzierung | Friedrich Nowottny im Interview
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
16.05.2019
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Guten Morgen,
Stunde der Wahrheit in Nordrhein-Westfalen: In nüchternem Ton offenbarte Innenminister Herbert Reul von der CDU erstmals eine Unglaublichkeit. In Sachen Clan-Kriminalität habe der Staat weggeschaut:
Jahrelang wurden die Hinweise der Bürger, aber auch aus Polizeikreisen geflissentlich ignoriert.“
Nun, da man sich zum Ende der Ignoranz entschlossen hat, ergibt sich ein kriminalistisches Lagebild, das problemlos als Drehbuch für einen AfD-Wahlspot taugen könnte: ► 104 Großfamilien in NRW waren in den vergangenen zwei Jahren für 14.225 Straftaten verantwortlich. ► Den 104 beteiligten Clans werden 6.449 tatverdächtige Personen zugeordnet. Das Alter von 380 Intensivtätern liegt mehrheitlich zwischen 14 und 26 Jahren. ► Über ein Drittel der Straftaten waren Rohheitsdelikte – Bedrohung, Nötigung, Raub oder gefährliche Körperverletzung. Morde gab es auch. Kleinlaut räumte der Minister ein: „Wir haben es hier nicht mit Eierdieben und Tabakschmugglern zu tun.“ Mit dem staatlichen Wegschauen solle jetzt Schluss sein: „Bei uns gilt nicht das Gesetz des Clans, sondern das Gesetz des Staates.“ Doch aus Erfahrung wissen wir: Gefahr erkannt, bedeutet nicht Gefahr gebannt. Nur ungeübte Ohren halten das Stimmen der Instrumente schon für die Musik.
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Es gibt ein deutsches Unternehmen, das gestern zur Hauptversammlung lud, dessen Kennziffern jeder Student der Wirtschaftslehre auswendig kennen sollte: Sie erzählen eine Erfolgsgeschichte, die wie ein Märchen klingt: ► Seit dem Börsengang 1988 stieg der Aktienkurs um mehr als 12.000 Prozent. ► Dieser Konzern ist mit einem Börsenwert von 136,2 Milliarden Euro heute vor Daimler, Siemens und BASF das mit Abstand wertvollste deutsche Unternehmen. ► Weltweit hält diese Firma fast 10.000 Patente. In den Büros tobt seit Jahrzehnten ein Ideengewitter.
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Die Rede ist von dem 1972 im badischen Walldorf bei Karlsruhe gegründeten deutschen Softwareunternehmen SAP. Die gestrige Hauptversammlung geriet zur Krönungsmesse für ein Unternehmen, das ehemalige IBM-Mitarbeiter gegründet haben und das ohne staatliche Industriepolitik – das Wort war in Deutschland noch nicht erfunden – seinen Weg nach oben fand. Doch seither – und das ist die betrübliche Seite – hat es keine weitere Firma von der Existenzgründung in den DAX und von dort in die Klasse der Gorillas mit einem Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Euro geschafft. Die berühmtesten Existenzgründer in Deutschland heißen immer noch Gottlieb Daimler, Robert Bosch, Werner von Siemens und Carl Benz. Die wichtigsten Gründer auf der anderen Seite des Atlantiks sind deutlich jüngeren Datums und stellten und stellen sich auf den Bühnen dieser Welt lässig als Steve, Jeff und Bill vor.
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Warum das so ist, darüber habe ich mit der Wirtschaftswissenschaftlerin und vielfachen Aufsichtsrätin Ann-Kristin Achleitner im Morning Briefing Podcast  gesprochen. Zusammen mit der Deutschen Börse, der KfW und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) hat sie eine Studie erstellt, die erst im Juni offiziell vorgestellt werden soll und deren Ergebnisse den Wirtschaftsminister um den Schlaf bringen sollten: ► Während 2017 in den USA und Asien jeweils mehr als 60 Milliarden Euro in Start-ups investiert wurden, waren es in Europa nur 16 Milliarden.
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► Wir registrieren eine 278-prozentige Steigerung in der Finanzierung von Start-up-Unternehmen in Europa. In Asien betrug die Steigerung im gleichen Zeitraum (2012 bis 2017) unglaubliche 1.452 Prozent. Ann-Kristin Achleitner hält das Interesse ausländischer Investoren für beeindruckend und für gefährlich zugleich:
Zwei Drittel der erfolgreichen, von ausländischen Investoren finanzierten Unternehmen werden entweder ins Ausland verkauft oder gehen dort an die Börse.“
Ihre Schlussfolgerung:
Wir haben uns als Land sehr entwickelt, wenn es darum geht, Start-ups anwachsen zu lassen. Wo wir das große Loch haben, ist bei der Wachstumsfinanzierung.“
Ihre Forderung klingt wie ein Weckruf an die politische Klasse:
Kein Gründer sollte ins Ausland gehen müssen, weil er hier kein Kapital findet.“
Fazit: Wer den deutschen Nachholbedarf verstehen will, muss diese Studie kennen. Deutschland kann nur dann eine führende Rolle in der Weltwirtschaft von morgen spielen, wenn es die Grammatik der Existenzgründer beherrscht. Ann-Kristin Achleitner erteilt uns in diesem Podcast  eine charmant vorgetragene, aber in der Substanz bittere Lektion.
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Sparen ist eine deutsche Tugend und mittlerweile auch eine deutsche Krankheit. 358 Milliarden Euro ihres Geldvermögens haben Deutschlands Sparer seit 2010 durch die Niedrigzinspolitik der EZB verloren, das hat die DZ Bank jetzt errechnet. Der große Profiteur ist der Staat. Allein 2018 haben Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen dank der Niedrigzinsen 55 Milliarden Euro Zinskosten eingespart, zeigen Berechnungen der Deutschen Bundesbank. Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 sind es 368 Milliarden Euro oder mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. So wirkt die europäische Zinspolitik: Sie ist das größte Programm zur Umverteilung und macht mit unsichtbarer Hand aus Sparern Geschädigte. Der Gewinner des Jahrzehnts ist der Schuldner.
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dpa
Dem Spitzenkandidaten für den Posten des EU-Kommissionspräsidenten, CSU-Politiker Manfred Weber, steht seine drohende Niederlage ins Gesicht geschrieben. Die Versuche des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, Webers Kandidatur zu boykottieren, haben seine Nerven angegriffen. Gestern beschwerte er sich erstmals öffentlich:
Warum sagt Macron nicht offen, wen er unterstützt? Das ist doch nicht transparent.“
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Dabei hat Weber den Kampf um den Posten als EU-Kommissionspräsident nicht in Paris, sondern in Berlin verloren. Mit feiner Ironie und in perfektem Diplomatendeutsch sagt sich Angela Merkel im heutigen Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ von Weber los. Auf die Frage „Würden sie lieber Manfred Weber als Kommissionspräsident sehen oder Jens Weidmann als EZB-Präsidenten?“ antwortete sie zunächst ausweichend: „Diese Alternative diskutiere ich nicht.“ Dann aber fügte sie hinzu: „Jetzt setze ich mich für ihn als Kommissionspräsidenten ein. Das schließt nicht aus, dass Deutschland andere herausragende Persönlichkeiten für andere Ämter hat.“ Die Betonung lag auf „jetzt“. Merkel will für den Tag danach beide Hände frei haben. Sie trägt den Dolch unterm Gewande. Weber ist ein tragischer Kandidat.
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„Auf Wiedersehen – das Wetter!“ So lässig pflegte Friedrich Nowottny seinen „Bericht aus Bonn“ zu beenden. 571 mal hat er es getan. Unvergessen sein Interview mit Willy Brandt, bei dem der Bundeskanzler jede Frage nur trocken mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortete. Nowottny war ein politischer Top-Journalist, der sich eben nicht als Mikrofonhalter für Spitzenpolitiker verstand. Seine Waffe war die Ironie, nicht der rhetorische Dampfhammer. In der Jackentasche steckte sein Presseausweis, aber kein Parteibuch. „Zur Loyalität mit einer Regierung war ich nicht fähig“, sagt er. Heute wird dieser Ausnahmejournalist 90 Jahre alt und ich habe ihn vorsichtshalber schon gestern Nachmittag für den Morning Briefing Podcast  angerufen – um die Telefonleitung heute an seinem Ehrentag nicht zu blockieren.
Wenn ich mir die Printmedien anschaue, dann laufen mir Schauer über den Rücken. Das, was sich da zusammenschrumpft, ist erschreckend und mit Sicherheit keine Zukunftssicherung der Meinungsfreiheit.“
Dennoch ist Nowottny nicht der Meinung, das früher alles besser war:
Ich sehe eine junge Generation, die in ihrer Ausdrucksweise unglaublich besser ist als wir. Die sind heute freier und deshalb verbal stärker. Wir sind ja fast mit dem Lineal im Rücken zur Arbeit gegangen.“
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Ein Teil der Bevölkerung träumt von der Enteignung der Immobilienkonzerne – die Anleger von Vonovia gehören nicht dazu. Denn der Wohnungskonzern mit über 400.000 Wohnheinheiten steht glänzend da und beglückt seine Anteilseigner seit jeher mit Superrenditen. 2018 erzielte das Unternehmen unter Führung von CEO Rolf Buch erstmals ein operatives Ergebnis von mehr als einer Milliarde Euro – ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 31 Prozent. Hoffentlich erfährt Kevin Kühnert nichts davon. Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in diesen neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor