Boris plant Tories-Putsch | Bahn verspätet Kunden
 
DAS MORNING BRIEFING
02.10.2018
 
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Guten Morgen,
der Populist geht um. Plötzlich kommt er von überall her, von links und rechts, und aus der Mitte lugt er auch hervor. Gut so, sagt der Journalist und Moderator Claus Strunz: „Populismus ist das Viagra einer erschlafften Demokratie.“

Robert Vehrkamp von der Bertelsmann Stiftung widerspricht. Er hat zusammen mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gestern eine Studie vorgelegt, wonach 30 Prozent der Deutschen zum Populismus neigen. Ein höherer Bildungsgrad und besseres Einkommen immunisieren gegenüber dem Phänomen, sagt der Wissenschaftler (siehe Grafik). Für ihn ist Populismus nicht Viagra, sondern Gift für die Gesellschaft.
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In jedem Fall verändert der politische Populismus die Demokratie. Denn der Populist wendet sich direkt an das Volk, lateinisch: Populus. Er klingt laut und derb, oft anders. Seine Botschaften sind zuweilen schroff und – gemessen an den Ritualen der wohltemperierten Parteipolitik – politisch unkorrekt. Die Populisten sind deutlich, klar, eingängig, zuweilen verzerrt, schrill, polternd, auch verletzend. Ihr da oben, wir da unten.
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Der moderne Populist kommuniziert lieber über Twitter als über die „Deutsche Presse-Agentur“ (dpa). Er füllt die Stadien, aber zunehmend auch die Parlamente. Wenn Aufmerksamkeit die neue Währung des Digitalzeitalters ist, dann ist der Populist ohne Zweifel der Aufsteiger der Saison. Grund genug für den heutigen Morning Briefing Podcast  , beim Schweizer Nationalratsmitglied und Verleger der „Weltwoche“, Roger Köppel, durchzuklingeln, ein bekennender Provokateur und Nonkonformist.

Alle Journalisten, die unter erhöhtem Blutdruck leiden, sollten dieses Interview weiträumig meiden. Denn Köppel diagnostiziert in Deutschland „eine gespenstische Gleichförmigkeit“: Meinungsvielfalt sei durch Meinungseinfalt ersetzt worden. Viele unserer Berufskollegen, meint er, hätten ihren Beruf verfehlt: „Sie sind Partei geworden, denken nicht vor, sondern plappern nach.“ Tapfere vor: Ab 7:15 Uhr auf den üblichen Kanälen: Spotify, App Store, Google Play, iTunes.
 
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Heute Nacht wurden im Koalitionsausschuss zwei Kompromisse gesucht und gefunden.

Erstens: Die Besitzer von Dieselfahrzeugen dürfen umfangreiche staatliche Hilfe erwarten, beim Neukauf und beim Umrüsten.

Zweitens: Flüchtlinge, die im Asylverfahren bereits abgelehnt wurden, dürfen, wenn sie bereits Arbeit gefunden haben und als gut integriert gelten, dennoch bleiben. Industrie und SPD haben auf die Gewinnung qualifizierter Fachkräfte gedrängt. Seehofer und die CDU haben sich fürs Erste wund gestritten und zeigten sich daher einsichtig. Die große Unbeliebtheit der großen Koalition hält die Beteiligten zusammen wie Pech und Schwefel.
 
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Offenbar ist es in der rechtsextremen Szene in Sachsen zur weiteren Radikalisierung gekommen. Bei den Festgenommenen der Gruppe „Revolution Chemnitz“ handelt es sich nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden um gewaltbereite Hooligans, Skinheads und Neonazis, die versucht haben, an halbautomatische Waffen zu gelangen. Man plante symbolträchtige und blutige Anschläge am Tag der Deutschen Einheit. Nach den bitteren Erfahrungen der Siebzigerjahre, als der linke Terror der Roten Armee Fraktion das Land erschütterte, steht der Bundesrepublik nun womöglich das Rückspiel der Rechten bevor.
 
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Heute kommt es auf dem Parteitag der Tories in Birmingham zur Machtprobe. Boris Johnson will seine große Rede halten. Er möchte möglichst viele Delegierte hinter seiner Strategie „Plan A Plus“ für einen harten Brexit versammeln, der nichts weniger bedeutet als einen Angriff auf Theresa May. Das Johnson-Lager hofft: Fällt ihr Brexit-Plan, stolpert die Regierungschefin hinterher. Sein Sieg würde demnach ihre Kapitulation bedeuten.
 
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Die Deutsche Bahn wurde offenbar nicht gegründet, um ihren Kunden das Leben leicht zu machen. Der geräuscharme und pünktliche Transport von A nach B will ihr nicht gelingen (Grafik oben). Nun plant die Bahn AG von Anfang 2019 bis 2023, mehrere wichtige ICE-Strecken der Nord-Süd-Achse wegen Bauarbeiten zu sperren. Betroffen sind die Schnellfahrstrecken Mannheim-Stuttgart und die Verbindung zwischen Hannover und Würzburg: Auf dieser Strecke wird zuerst der Abschnitt Hannover-Göttingen mehrere Monate lang gesperrt (Grafik unten), dann Göttingen-Kassel, danach Fulda-Würzburg und zuletzt Kassel-Fulda.

Alle reden von Kundenzentrierung, die Bahn nicht. Es gibt viele Wege, seine Freunde zu vergraulen. Die Bahn kennt sie alle.
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Es war das kürzeste Missverständnis in der Firmengeschichte von General Electric. Der angeschlagene Elektro- und Mischkonzern entließ gestern nach nur einem Jahr im Amt seinen CEO John Flannery und kündigte gleichzeitig Abschreibungen in Milliardenhöhe an. Die Börse reagierte auf die Berufung des neuen Unternehmenschefs Lawrence Culp mit 14 Prozent Kursanstieg. Aber das Problem ist womöglich nicht der Boss, sondern die angestaubte Produktpalette. Der kluge Rat des legendären ehemaligen GE-Chefs Jack Welch ging verloren: „If you don’t have a competitive advantage, don't compete.“
 
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Die erfreuliche Nachricht zum Schluss. Bei der Bekämpfung von Hautkrebs ist ein wirklicher Durchbruch gelungen, der jetzt auch mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden soll. Die Immunonkologen James Allison und Tasuku Honjo haben eine Methode entwickelt, mit der das Immunsystem von alleine Tumorzellen angreifen und zerstören kann.

Im Morning Briefing Podcast  Gespräch beschreibt Professor Dietger Niederwieser, bis vor wenigen Tagen Chef der Onkologie am Uniklinikum Leipzig, wie diese Entdeckung funktioniert und warum sie vielen Patienten hilft. Wenn die Menschheit ein Gesicht hätte, würde es heute Morgen lächeln.

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor