Seehofer vorm finalen Rettungssprung / Deutsche Bank ohne Plan
 
DAS MORNING BRIEFING
28.06.2018
 
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Guten Morgen,
die Zeit heilt alle Wunden, verspricht der Volksmund. Aber die Zeit von der gestrigen Niederlage bis heute Morgen war dafür definitiv zu kurz. Die Fußballnation bleibt fürs erste traumatisiert. Der 27. Juni wird als Volkstrauertag in die Geschichte des deutschen Sports eingehen: nicht weil die Nationalmannschaft verloren hat, sondern weil sie verloren hat, ohne wirklich zu kämpfen. Leistung ohne Leidenschaft.
 
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„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht satt werden“, sagte gestern Abend Angela Merkel. Sie meinte allerdings nicht unsere Fußballer, sondern die deutsche Industrie. Auf der Veranstaltung „Morals & Machines“ entwarf sie im Gespräch mit WirtschaftsWoche-Herausgeberin Miriam Meckel und dem humanoiden Roboter Sophia ihre Vision einer Fortschrittsgesellschaft. Frage: „Wenn Sie einen Minister durch Künstliche Intelligenz ersetzen würden, wen würden Sie wählen?“ Merkel ohne Zögern: „Wir müssten einen zusätzlichen Stuhl an den Tisch rücken.“ Das nennt man politische Intelligenz.
 
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Womit wir bei Horst Seehofer wären: Im Asylstreit mit der Kanzlerin will er nicht nachgeben. „Es gibt Situationen in der Politik, wo man eine Überzeugung hat, und da ist die Überzeugung wichtiger als das Amt“, sagte er gestern Abend bei Sandra Maischberger. Der Mann ist im Asylstreit so hoch auf den Baum geklettert, dass ihm nur noch der finale Rettungssprung bleibt. Wer A sagt, muss auch Aua sagen.

Der Koalitionsausschuss, der gestern Nacht tagte, hat zur Beruhigung der Lage innerhalb der Unionsparteien keinen Beitrag geleistet. Die CSU steht nach wie vor unter doppeltem Druck. Aus Parteikreisen und auch von den Altvorderen wie Ex-CSU-Chef Theo Waigel wird sie gedrängt, nicht den Bestand der Union zu riskieren. Innerhalb ihrer Wählerschaft allerdings will man eine Kurskorrektur in der Flüchtlingspolitik nicht nur sehen, sondern auch fühlen. Das war ja schon das Problem von Ex-Bayern-Premier Horst Seehofer: Das Publikum bestellte Starkbier und der Mann lieferte Alkoholfrei. Hat Nachfolger Söder dieselben Lieferschwierigkeiten, dürfte ein nennenswerter Teil der Kundschaft das Lokal wechseln.
 
Die Große Koalition hat sich auf ein Steuerentlastungspaket verständigt, das vor allem auf das Sympathiekonto des Finanzministers einzahlen soll. In der Familienkasse aber – da wo in Euro und nicht in Like-Buttons gerechnet wird – dürfte man die Entlastung kaum spüren. Familien mit einem Jahresbruttoeinkommen von 60.000 Euro erhalten 70 Cent pro Tag zusätzlich. Familien mit einem Bruttoeinkommen von 120.000 Euro bekommen einen Euro pro Familie vom Fiskus zugesteckt. Da jeder Steuerzahler diese Gelder vorher eingezahlt hat, sollten wir mit dem Gefühl der Dankbarkeit sparsam umgehen. Olaf Scholz ist nicht der Weihnachtsmann, sondern eher der Mann vom Fundbüro. Er gibt zurück, was wir verloren hatten. Am Wahltag darf er auf Finderlohn hoffen.
 
 
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„Es ist kein Geheimnis, dass wir alle eher der politischen Linken zuneigen. Wir sind eindeutig parteiisch“, hatte Twitter-CEO Jack Dorsey noch am 7. Juni an die Belegschaft geschrieben: „Wir – das heißt ich, unser Vorstand und unsere ganze Firma“. Nun die Kehrtwende: Trump wird noch immer nicht verehrt, aber hofiert. Bei einem vertraulichen Abendessen im Café Milano, einem In-Treff von Senatoren, Journalisten und Regierungsmitgliedern in Washington-Georgetown, traf die Twitter-Führung mit Vorstandsmitgliedern der Republikaner zusammen. Wie andere Tech-Firmen sucht man neuerdings die Nähe der Konservativen. Wir lernen: Die Tech-Giganten betrachten Trump nicht mehr als Betriebsunfall, sondern als das neue Betriebssystem des Landes.
 
 
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Die Aktie der Deutschen Bank ist auf einem neuen Tiefpunkt angekommen. Zwischenzeitlich war sie nur noch 8,76 Euro wert. Analysen prophezeien auch ein Durchbrechen der Acht-Euro-Marke. Seit dem Amtsantritt von Christian Sewing als neuem Vorstandsvorsitzenden ist der Aktienkurs damit um noch einmal 20 Prozent nach unten getrudelt. Dieser Vorstand, das ist die bittere Erkenntnis, besitzt keine Vision, nur Sparpläne. Erneut stehen 7000 Stellen zur Disposition. Die Bank wird damit schlanker, aber nicht attraktiver. Muskeln kann man sich nicht anhungern.
 
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Wenn es darum geht, das Image der eigenen Unternehmung möglichst zügig zu ruinieren, dann hat Bahn-Vorstandschef Richard Lutz alles richtig gemacht. Erst frisierte er die Pünktlichkeitsstatistik, indem er rund 140.000 Züge, die 2017 das Bahndepot verließen, aber am Zielbahnhof nicht ankamen, aus der Statistik verschwinden ließ. Nun will er das Bewerbungsschreiben abschaffen, um es dem Eisenbahner-Nachwuchs „so leicht wie möglich zu machen“. Gegen diese verordnete Anspruchslosigkeit protestiert heute wortgewaltig Christian Geyer im Feuilleton der FAZ: „Ausverkauf als Signal hat in der Regel nur eine Wirkung: den Ausverkauf.“

Ich wünsche Ihnen einen anspruchsvollen Start in den Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor