Amthor-Firma ein Bluff? | Schweinereien bei der Fleischverarbeitung
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Guten Morgen ,
Deutschland besitzt eine Regierung der zwei Tonalitäten. Da ist zum einen der draufgängerische Scholz-Ton, der von der finanzpolitischen „Bazooka“ berichtet, die mit dem „Wumms“ der Steuer-Milliarden unserer Wirtschaft in die Glieder fahren möge. Gestern bediente sich die Stimmungsrakete Scholz einer Zeile der Deutschpopgruppe Geier Sturzflug:
Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wir steigern das Bruttosozialprodukt.“
Eine Bühne weiter stimmt die Bundeskanzlerin den melancholischen Merkel-Ton an, der an die Gesänge des portugiesischen Fado erinnert. Die Fadista, so nennt man die Vortragende dieses Genres, berichtet im Mollton von erlittenem Unheil und der Sehnsucht nach einer besseren Zeit. Sie will uns nicht schläfrig wiegen, sondern warnen. Der Merkel-Ton ist ein Ton, der nach neuer Ernsthaftigkeit klingt. Der unbekannte Komponist muss irgendwo im Robert-Koch-Institut sitzen.
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Gestern schreckte Merkel mit ihrer Tonalität die versammelte Unionsfraktion auf, die schon bereit war mit dem Finanzminister zu schunkeln. Sie sagte:
Es ist nicht ohne, was uns da in den nächsten Monaten erwartet. Wir müssen sehr vorsichtig sein, damit wir die schon schwierige Lage in der Wirtschaft nicht noch mal verschlechtern.“
Anders als in der Wirtschafts- und Finanzkrise ist das jetzt nicht schnell zu heilen. Es sind die Mittelständler, die Kleinen, es ist über die gesamte Breite der Wirtschaft ein Rieseneinbruch!“
Ich weiß nicht ganz, ob wir schon Hoffnungen und Realität zusammengebracht haben“.
Dazu drei Anmerkungen: Erstens. Die Tonalität von Spitzenpolitikern folgt nicht ihrer Musikalität, sondern einer politischen Rationalität. Zweitens. Der Muntermacher Scholz will der Mann des kommenden Aufschwungs sein. Dieser Schwung soll uns zu neuer Vollbeschäftigung und ihn bis in das Kanzleramt schwingen. Drittens. Merkel zielt mit ihrer Tonalität nicht mehr auf das Publikum der Gegenwart, sondern auf die Überschrift im Geschichtsbuch. Ihre Wunschzeile: Die große Ernsthafte.
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Der CDU-Politiker Philipp Amthor wird sich im Bundestag neuen Aufgaben zuwenden müssen. Seine Fraktion hat entschieden, den Innenpolitiker, der im Zentrum einer deftigen Lobbyismus-Affäre steht, aus dem Untersuchungsausschuss zum Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz abzuziehen.
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So sehr der gefallene CDU-Jungstar, der im August den Chefposten seiner Partei in Mecklenburg-Vorpommern übernehmen möchte, intern um Schadensbegrenzung bemüht ist, so zurückhaltend gibt er sich bei der Öffentlichkeitsarbeit. Bis auf ein schmallippiges Statement auf seinem Instagram-Account hat sich Amthor bislang nicht geäußert. Ein Grund: Noch weiß die Öffentlichkeit nicht wirklich, was das für eine Firma ist, für die Amthor beim Wirtschaftsminister Lobbyarbeit betrieben hat. Recherchen der „Zeit“  lassen den Schluss zu, dass die Menschen hinter Augustus Intelligence entweder Schattengewächse sind – oder das Unternehmen ein Bluff. Soweit der Stand der „Zeit“-Recherchen:
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► Bei einem Besuch am Firmensitz des Unternehmens im 77. Stockwerk des One World Trade Center in New York, stießen die Reporter auf leere Flure und ahnungslose Portiers. Sie schreiben:
Den Empfangsdamen im One World Trade Center zufolge ist schon länger niemand mehr in den Büros von Augustus Intelligence gewesen.“
Es gibt eine Mobilnummer für Notfälle, aber wer dort anruft, landet bei einer automatischen Ansage der Telefongesellschaft: Der Teilnehmer sei gerade nicht erreichbar.“
► Auch an der Adresse, unter der das Unternehmen in das US-Börsenregister eingetragen ist, wurden die Reporter nicht fündig.
Ein Gebäude in der 23. Straße, dritter Stock, über einer Filiale von Kung Fu Tea und der Praxis eines Physiotherapeuten. Der Portier ist sich nicht sicher, ob Augustus Intelligence hier noch residiert. Wenn man klopft, öffnet niemand die Tür. Eine Firma wie ein Schatten. Wie ein Gerücht.“
Der Zeitung liegt außerdem eine Klageschrift zweier ehemaliger Augustus-Manager vor. Sie seien mit der Behauptung gelockt worden, Augustus verfüge über „üppige Investorengelder“ sowie „allerneueste Technologie“. Erwartet habe sie hingegen: kein Investorenkapital, kein Produkt, keine Kunden und kein Umsatz. Fazit: Diese Affäre ist kein Fall allein für die CDU, sondern vor allem für Sherlock Holmes. Wir fühlen mehr, als wir sehen.
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Die Fleischindustrie, die noch immer im Zentrum unserer Lebensmittelversorgung steht, verhält sich fortgesetzt schweinisch. Alle reden vom Tierwohl, aber was ist eigentlich mit dem Menschenwohl, zum Beispiel jener Menschen, die dort arbeiten? ► Beim ostwestfälischen Fleischfabrikanten Tönnies sind aufgrund mieser Arbeitsbedingungen mindestens 650 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Schlachtungen wurden gestoppt, der Betrieb wird schrittweise heruntergefahren. ► Die Infizierten und ihre Kontaktpersonen müssen nun in Quarantäne. Betroffen sind rund 7000 Menschen. Zudem sind Schulen und Kitas im Landkreis Gütersloh geschlossen.
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► NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat die Schuldigen bereits ausgemacht. Auf die Frage von Journalisten, was der Ausbruch über die bisher erlassenen Lockerungen aussage, antwortete er:
Das sagt überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da das Virus herkommt.“
Doch in Wahrheit ist dieser massenhafte Corona-Ausbruch bei Deutschlands größtem Fleischbetrieb, der Clemens Tönnies gehört, ein Armutszeugnis - nicht für die Lockerungspolitik, sondern für die staatliche Lebensmittelkontrolle. Immer, wenn diese unhygienischen und damit todbringenden Arbeitsbedingungen enthüllt werden, reden alle vom Skandal. Aber das Wort hat sich abgenutzt. Der Skandal ist eine Normalität – und zwar eine Normalität, die von der Staatlichkeit toleriert wird. Erst wenn man das Verhalten von Clemens Tönnies, des Fleischlobbyisten Heiner Manten und das Wegschauen von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner zusammendenkt, kommt man dem eigentlichen Skandal auf die Schliche.
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Corona wird nicht nur Verlierer hervorbringen, sondern auch Gewinner. Gute Chancen dazu hat das Mietwagen-Unternehmen Sixt. Zwar musste das von Urgroßvater Martin Sixt 1912 gegründete und derzeit von Regine und Erich, Konstantin und Alexander Sixt geführte Unternehmen einen Verlust von circa fünf Millionen Euro vor Steuern im ersten Quartal melden. Aber: ► Sixt hat in den guten Jahren ein Eigenkapital von über einer Milliarde Euro aufgebaut. ► Mit Hertz ging in den USA ein wichtiger Wettbewerber in die Knie. Am 22. Mai meldete Hertz USA, Nummer zwei im Markt nach Enterprise, Insolvenz an. 20.000 Jobs sind in Gefahr. Der Grund: Überschuldung.
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Im Morning Briefing Podcast  spreche ich mit Konstantin Sixt über die Erfahrungen des Lockdown und die Misere von Hertz:
Hertz war hoch verschuldet, hatte eine sehr geringe Eigenkapitaldecke, hat unwahrscheinlich viele Firmen gekauft, zu Wahnsinnspreisen. Das heißt, dort gab es sehr waghalsige Manöver, es wurden in den vergangenen Jahren fast sechs CEOs ausgetauscht. Da muss man der Vollständigkeit halber fragen: Sind sie mit oder an Corona in die Insolvenz gegangen?“
Die Lage in Pullach stellt sich demnach anders dar – aufgrund innovativer Abo-Modelle und aufgrund der soliden Vorarbeit von Regine und Erich Sixt. Der Sohn sagt:
Wir sind sehr dankbar, vor allem für die unternehmerischen Leistungen meiner Eltern in der Vergangenheit. Wir können Früchte tragen durch die vielen Rekordjagden der letzten zehn Jahre. Wir haben eine Eigenkapitalquote von über 20 Prozent. Wir sind ein kerngesundes Unternehmen, bilanziell und vom Geschäftsmodell.“
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Allerdings sei auch Sixt nicht über den Berg:
Das zweite Quartal wird ein sehr, sehr schwieriges Quartal, wahrscheinlich das schwerste Quartal der Firmengeschichte.“
Fazit: Die deutschen Familienunternehmen leben – auch weil sie kämpfen. Die Worte, die ihr Tun und Treiben charakterisieren, heißen nicht Gier und Größenwahn, sondern Maß und Mitte.
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dpa

Das Coronavirus ändert nicht nur unseren Schuldenstand und die Zahlen der Beschäftigtenstatistik, sondern auch die Ästhetik unseres Alltags. Was kommt, was bleibt? Darüber spreche ich mit der Designerin Jette Joop im Morning Briefing Podcast . Sie hat Industriedesign in Kalifornien studiert und sich dort insbesondere mit Autodesign beschäftigt. Heute designt sie Schmuck, Uhren, Taschen, entwirft aber auch Kleidung, Parfüms und Betten. Von ihr wollte ich wissen, wie sich diese Pandemie auf das Schöne und Ästhetische in unserem Leben auswirkt:

Es sind Zeiten der Klärung und der Konzentration: Überflüssigen Konsum, der schon lange überflüssig war, wird es so nicht geben.“
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Reuters
Auch sich selbst möchte sie verändern:
Wir werden sehr deutlich zeigen, dass wir eine innovative Art von Reset machen. Die Dinge, die man so gemacht hat, weil sie ganz schön waren, irgendwie Geld gebracht haben und irgendwie auch nicht schlecht waren, so was werden wir jetzt lassen.“
Joop spricht von einer Konzentration – im Geschäft und im Leben:
Jetzt möchte ich gerne noch einmal zeigen, was ich alles noch im Kopf habe. Als Industriedesigner und Autodesigner gibt es einen Bereich, den ich noch gar nicht illustriert habe. Das will jetzt raus.“
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Fazit: Jette Joop ist ein kreatives Energiebündel. Der Lockdown hat sie nicht entmutigt, sondern stimuliert.
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Deutsche Unternehmen arbeiten effizient – die Regierung lebt im Schlendrian. Zu diesem Fazit  kommen die Ökonomen des Lausanner Management-Instituts IMD, die regelmäßig die Wettbewerbsfähigkeit der 63 entwickelten Volkswirtschaften prüfen. Für Deutschland ist die Trendanalyse negativ. Wie schon im Jahr zuvor liegt die größte europäische Volkswirtschaft im internationalen Vergleich auf Platz 17 der wettbewerbsfähigsten Länder. 2014 belegte Deutschland noch den sechsten Platz. Christos Cabolis, Chefvolkswirt am IMD:
Die größte Schwachstelle Deutschlands ist nach wie vor die hohe Abgabenlast. Beim Steuersatz auf Unternehmensgewinne liegt das Land auf Platz 56 von 63 Ländern, beim effektiven persönlichen Einkommensteuersatz auf Platz 55. Außerdem ist das Steuersystem zu kompliziert.“
Fazit: Deutschlands Elite ist längst abgestumpft. An die jährlichen Abstiegsdepeschen hat sich das Land gewöhnt wie die Kuh an die Fliege.
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Erstens. Kanzlerin Angela Merkel wird am Morgen im Bundestag die Grundlinien und Ziele der deutschen EU-Ratspräsidentschaft skizzieren. In einer Regierungserklärung will sie außerdem den Blick auf den EU-Gipfel am Freitag richten. Zweitens. Der Prozess um den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wird fortgesetzt. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt plant, in die Beweisaufnahme einzusteigen. Drittens. Die Innenminister von Bund und Ländern wollen ihre Frühjahrskonferenz in Erfurt unter anderem mit Beratungen über den Abschiebestopp nach Syrien fortsetzen. Viertens. Die Führungsspitze des Chemieunternehmens BASF muss sich heute bei der ordentlichen Hauptversammlung den Aktionären stellen. Auf Vorstandschef Martin Brudermüller, dem Corona im ersten und im zweiten Quartal die Bilanz verhagelt hat, muss jetzt konkrete Aussagen zur weiteren Umsatz- und Ergebnisentwicklung abgeben. Bislang hatte er den Ausblick für 2020 gestrichen. Besonders pikant: Heute steht der ehemalige Vorstandschef der BASF, Kurt Bock, als neuer Aufsichtsratschef zur Wahl. Die Fondsgesellschaften DWS und Deka unterstützen seine Wahl. Bock und Brudermüller sind nicht die besten Freunde.
Fünftens. Lufthansa-Chef Carsten Spohr und sein Personalvorstand Michael Niggemann setzen die Gespräche mit dem neuen Investor Heinz Hermann Thiele fort. Nachdem der erfolgreiche Familienunternehmer (Knorr-Bremse) seine Anteile von zehn auf 15 Prozent aufgestockt hat, kann die Regierung die Bedingungen für eine Lufthansa-Rettung nicht mehr diktieren. Thiele wünscht sich weniger Staat und mehr unternehmerische Freiheit. Anders als alle anderen Beteiligten beim Lufthansa-Poker kann Thiele für sich reklamieren: Er ist einer der erfahrensten Sanierer des Landes.
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Erlauben Sie mir an dieser Stelle eine Mitteilung in eigener Sache, auf die mein Team besonders stolz ist: Die Inhalte des Morning Briefing Newsletters erscheinen ab sofort in Echtzeit im Bloomberg-Terminal des US-Medienunternehmens Michael Bloombergs. Man hält in New York unsere Informationen und Einschätzungen für börsenrelevant. Im Rahmen einer Lizenzvereinbarung stellt Media Pioneer alle Texte – und auch unsere Interviews mit CEOs und Spitzenpolitikern – für die Nutzer der Finanz-Software ab sofort zur Verfügung. Über 325.000 Entscheider nutzen das Bloomberg-Angebot weltweit, um Echtzeit-Finanzmarktdaten zu analysieren, Transaktionen zu platzieren und sich über kursrelevante politische Entscheidungen zu informieren. Wir danken den Bloomberg-Verantwortlichen in Frankfurt, München und New York für ihr Vertrauen.
Ich wünsche Ihnen einen heiteren Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor
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