Commerzbank steigt ab | Inflation wächst
 
DAS MORNING BRIEFING
25.09.2018
 
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Guten Morgen,
so viel Demut ist im Regierungsviertel selten anzutreffen: Angela Merkel trat gestern vor die Presse und entschuldigte sich für die würdelose Selbstbeschäftigung der Koalitionsregierung, der sie vorsteht. „Das bedauere ich sehr“, sagte sie und meinte die Degradierung, Beförderung und erneute Herabstufung von Hans-Georg Maaßen. Nun sei es wichtig, „die Probleme der Menschen zu lösen“. Optimisten halten die Regierungskrise damit für beendet. Realisten warten auf die nächste Staffel.

Spätestens am 14. Oktober, kurz nach 18:00 Uhr, wenn die ersten Hochrechnungen der bayerischen Landtagswahl über die Bildschirme flimmern, sind die beiden Intimfeinde erneut in High-Noon-Stimmung vereint. Seehofer weiß, wer für den erwarteten Verlust der absoluten CSU-Mehrheit die Verantwortung trägt. Merkel weiß es auch. Schade nur, dass jeder einen anderen Namen im Kopf hat. Alte Feindschaft rostet nicht.
 
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Im heutigen Morning Briefing Podcast  analysiert „Spiegel“-Hauptstadtchef René Pfister die traumatische Beziehung der beiden Duzfeinde Horst und Angela. Seehofer kenne die vielen Opfer der Kanzlerin und wolle partout nicht dazugehören. „Auf dem Friedhof hinterm Kanzleramt“, so Seehofer zu Pfister, „möchte ich nicht begraben werden.“

Der Friedhof hinterm Willy-Brandt-Haus ist allerdings auch prominent besetzt. Hier ruhen die gestolperten, gemeuchelten oder in den Rücktritt getriebenen Parteivorsitzenden. Die meisten von ihnen weisen am Rücken Verletzungen auf, die von Freundeshand zugefügt wurden. SPD-Chefin Andrea Nahles kann von Glück reden, dass man ihr gestern in den Führungsgremien der Partei eine formelle Abstimmung über den Fall Maaßen ersparte. Die Erfahrenen unter den Parteifunktionären wissen, warum: Alles hat seine Zeit – auch die Intrige.
 
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Apropos Friedhof: Der Harvard-Professor Daniel Ziblatt hat ein Buch mit dem Titel “Wenn Demokratien sterben: Und was wir dagegen tun können“ verfasst. In ihm beschreibt er die schleichende Machtübernahme durch Populisten und Hasardeure. Den Parteien weist er, insbesondere bei der Auswahl von Kandidaten für Regierungsämter, eine nach wie vor wichtige Funktion zu. Im heutigen Morning Briefing Podcast , den Sie ab 7:15 Uhr hören können, sagt er: „Gesellschaftliche Polarisierung erhöht die Anfälligkeit der Demokratie für einen Zusammenbruch.“
 
 
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Seit Monaten bemüht sich die britische Premierministerin Theresa May in Brüssel um einen möglichst sanften Ausstieg ihres Landes aus der EU. Doch die EU bockt und die erzkonservativen Rivalen zu Hause reiben sich die Hände. Am 30. September 2018 startet der Parteitag der Tories. Dort schon könnte sich eine Rettungsgasse für Boris Johnson öffnen, der auf das höchste Regierungsamt im Staate zusteuert. Ein Wahnsinn kommt selten allein.
 
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Erneut ist es zu einer Zuspitzung im Syrienkrieg gekommen. Nach dem versehentlichen Abschuss einer russischen Il-20 am 17. September durch die syrische Luftabwehr liefert Russland laut Angaben des russischen Verteidigungsministeriums jetzt hochmoderne Luftabwehrtechnik an Diktator Assad. Bei dem System handelt es sich um Abwehrraketen vom Typ S-300 mit einer Reichweite von 250 Kilometern. Noch vor Jahren hatte Russland Israel zugesagt, die Luftabwehrtechnik nicht an Assad zu liefern. Der Krieg nährt den Krieg.
 
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Es war nur ein kurzer Satz, aber der hatte es in sich und ließ den DAX an der Frankfurter Börse zusammenzucken: EZB-Präsident Mario Draghi prophezeite einen „relativ heftigen Anstieg“ einzelner Inflationskomponenten (siehe Grafik). Nichts hasst die Wirtschaft mehr als die Entwertung des Geldes. Die Anleger haben Angst vor einer Erhöhung der Leitzinsen. Dabei hat Draghi die Peitsche noch gar nicht eingesetzt, nur vorgezeigt.
 
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Gestern ging in Frankfurt eine Ära zu Ende. Die Commerzbank ist aus der Champions League der deutschen Börsenwerte in den weniger prestigeträchtigen MDAX abgestiegen. „Es ärgert mich, und zwar gewaltig. Und das sollte es nicht nur mich, sondern uns alle“, sagte Vorstandschef Martin Zielke in einem Interview mit dem „Handelsblatt“. Doch Vorstandsvorsitzende sind per Definition nicht fürs Ärgern zuständig. Ihre Aufgabe ist es, Ärger zu verhindern: für Anleger, Mitarbeiter und Kunden.
 
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Angela Merkel wird bei dem geplanten Staatsbankett für den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan nicht erscheinen. Ausrichter des Dinners im Schloss Bellevue ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Anmeldefrist für den Festschmaus endete am Mittwochabend. Mehr als 300 Gäste waren eingeladen. Zugesagt haben nur knapp 120. Vielleicht sollte das Team des Bundespräsidenten die Stühle der Nichtanwesenden als stillen Protest stehen lassen. Die Einsamkeit des Recep Erdoğan würde sichtbar. Oder um es mit Albert Camus zu sagen: „Der Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.“

Ich wünsche Ihnen einen heiteren Start in den neuen Tag. Herzlich grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor