Abschaltvorrichtung für Anstand / Söder gegen Merkel
 
DAS MORNING BRIEFING
12.06.2018
 
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Guten Morgen,
wenn denn das Scheitern des G-7-Gipfels einen Vorteil bietet, dann diesen: Der Druck auf Trump ist gestiegen, nicht auch noch die Aussöhnung mit Nordkorea zu vermasseln. 41 Minuten dauerte das Gespräch zwischen Kim und Trump, das um 3.59 Uhr zu Ende ging. Gemeinsam werde man ein großes Problem lösen, sagte Trump. Jetzt sitzen die Delegationen beider Länder zusammen. Gut so: Wo geredet wird, wird nicht geschossen.
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Wolfgang Nowak, Ex-Geschäftsführer der Herrhausen-Gesellschaft, ist seit 2012 als unabhängiger Vermittler im Koreakonflikt unterwegs. Er hält es für wahrscheinlich, dass es jetzt zur großen Aussöhnung kommt: „Ich rechne mit einem Vertrag, der das Ende des Koreakrieges besiegelt und den langen Weg zu einem Friedensvertrag mit einem nuklearwaffenfreien Korea öffnet.“ Das US-Regime der Wirtschaftssanktionen könnte verschwinden – oder vielleicht mit Modifikationen auf den Exportweltmeister Deutschland angewandt werden. Die Welt braucht schließlich neue Bösewichte.

Ohnehin warten auf Deutschland, das nach dem Weltkrieg vom Gegner zum Verbündeten und schließlich vom Verbündeten zum Freund der USA aufstieg, unruhige Zeiten. Trump setzte seine Twitter-Attacken fort, als er der hiesigen Industrie vorwarf, Amerika „beim Handel auf unfaire Weise zu schröpfen“.  „Change is coming“, so Trump, was man getrost als Ankündigung einer Zeitenwende begreifen muss. Der große Magnet, der die Welt im Innersten zusammenhält, richtet vor unser aller Augen die Späne neu aus. Deutschland und die USA ziehen sich ökonomisch weiter an, aber stoßen sich politisch neuerdings ab. Das Ergebnis können wir an uns selbst beobachten: Die innere Kompassnadel spinnt.
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Man könnte es für eine geschickte Ausweitung der Geschäftsaktivitäten halten, von Experten als Diversifizierung bezeichnet: Die Autoindustrie produziert nicht mehr nur Autos, sondern in hoher Taktzahl Schlagzeilen.
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Die Bosse konkurrieren hart um die Leser. Daimler-Chef Zetsche startet eine Rückrufaktion für über 700.000 seiner Autos. Manipulationsverdacht. Audi-Chef Stadler bietet die Durchsuchung seines Privathauses an. Auch nicht schlecht: Betrugsverdacht. VW-Ex-Boss Winterkorn darf ohnehin nicht mehr in die USA reisen. Verdacht auf Verschwörung zur Täuschung der US-Behörden. Man muss kein Jesuitenpater sein, um hier mediale Geschäftstüchtigkeit und ein handfestes ethisches Problem zu vermuten. Womöglich hat jemand heimlich auf den Chefetagen eine Abschaltvorrichtung für Anstand installiert. Wahrscheinlich waren's die Japaner.
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Die vom CSU-Innenminister geplante Vorstellung eines Masterplans zur Flüchtlingspolitik musste aufgrund von Streit mit der CDU-Chefin abgesagt werden. In vielen Zeitungen steht heute: Die Union verspielt Vertrauen. Dabei wird das Vertrauen nicht verspielt, nur getauscht, gegen das Merkmal politischer Unterscheidbarkeit. Denn dem starken Mann der CSU, Bayern-Chef Söder, ist die Verdeutlichung von Unterschieden mehr als nur recht. Der Graben zur Kanzlerin soll tief sein. Auf der Abrisskante ließe sich, das eben unterscheidet Parteipolitik vom Hausbau, vieles errichten, womöglich auch jene bürgerlich-konservative Kirche, die Söder für den besseren Hirten hält.

Söder weiß: Die Lossagung vom Vorgänger gehört noch immer zum Katechismus der Kanzler und solcher, die es werden wollen. Ludwig Erhard war kein zweiter Adenauer, Helmut Schmidt kein neuer Brandt und auch Merkel musste zur Kanzlerwerdung erst Helmut Kohl vom Sockel stürzen. In der Welt der Realpolitik heißt die Alternative für Deutschland eben nicht Gauland, sondern womöglich Söder. Zumindest nach erfolgreich absolvierter Bayernwahl des Kontrahenten sollte Merkel vorsichtig sein: In der Hand trägt der Mann das Kruzifix, unterm Gewande blitzt der Dolch.
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Die SPD hat eine über hundert Seiten starke Analyse des Bundestagswahlkampfes von Martin Schulz vorgelegt. Hier ist chronologisch von der „Kandidaten-Kampagne, die sich im Nichts verlor“, vom „riesigen Kommunikationsloch“ und „der Angst vor Klartext“ die Rede, zu einem Zeitpunkt, als in vielen Medien noch das Martin-Fieber grassierte. Die SPD-Berichterstatter in den Berliner Redaktionsstuben sollten das Papier unbedingt meiden. Die Erinnerung würde sie nur verstören. Oder um es mit Gottfried Benn zu sagen: Die glücklichste Gabe des Menschen ist sein schlechtes Gedächtnis.

Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor