Comeback von Opel | Mega-Fusion beim Digitalgeld
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
19.03.2019
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TED
Guten Morgen,
alles hat seinen Preis, aber nichts ist so teuer wie der Fortschritt. Auf den offiziellen Ladenpreis, den wir für den allgemeinen Zugewinn an Wohlstand und Bequemlichkeit zu entrichten haben, folgt zeitversetzt eine Sammlung versteckter Nebenkosten. Die Rechnung wird insgesamt mehrfach gestückelt, gestreckt und gestundet, bis der Empfänger den Eindruck gewinnt, der Fortschritt sei zum Schnäppchenpreis zu haben.

Das aber ist die Mutter aller Irrtümer, sagen rund 500 Forscher aus 50 Nationen. Sie haben in der größten Gemeinschaftsstudie der Weltgeschichte auf mehr als 8.000 Seiten im Auftrag der UN-Organisation „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES) alle Kostenpositionen des Fortschritts aufgelistet.
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imago
 
Wir zahlen demnach mit einem globalen Artensterben, einem fortschreitenden Landschaftsverbrauch, mit der Abholzung von Wäldern, der Überfischung der Meere, der Bodenverkarstung und der Verschmutzung der Luft, bis unterm Strich dieser Schreckensbilanz die Auflösung der stillen Reserven steht. Die Studie soll im Mai veröffentlicht und an alle Staats- und Regierungschefs versendet werden.

Hier die fünf Kernaussagen:

► Die Menschheit verbraucht Ressourcen in einer Schnelligkeit, die weit über die Fähigkeit des Planeten zur Selbsterneuerung hinausgeht.

► Allein in den USA wird die Natur im Wert von rund 24 Billionen US-Dollar pro Jahr ausgebeutet.

► Die Kosten der ökologischen Abwertung werden im Preis der Lebensmittel bis heute nicht berücksichtigt.

► Der Verlust von Bäumen, Weideland und Feuchtgebieten kostet die Menschheit rund zehn Prozent des jährlichen globalen Bruttoinlandsprodukts.

►Sinkende Bodenproduktivität und Klimawandel machen die Gesellschaften sozial instabil. In rund 30 Jahren werden sich bis zu 700 Millionen Menschen auf der Flucht vor Überschwemmungen, Dürren und weiteren Naturkatastrophen befinden.
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dpa
 
Fazit: Nach Jahrzehnten des Alarmismus wirkt die Welt abgestumpft. Dabei stehen selbst die Mahner von gestern heute wie Verharmloser da. „Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geliehen“, stand in den Achtzigerjahren auf den grünen Wahlplakaten. Heute muss man sagen: „Gestohlen“ wäre die ehrlichere Vokabel.
 
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dpa
 
Das derzeit größte Problem von Boeing trägt die Abkürzung MCAS. Das „Maneuvering Characteristics Augmentation System“ besitzt offenbar eine Mitschuld an den Abstürzen der beiden Maschinen der Type 737 Max 8. Das hat die Auswertung der Blackbox des am 10. März in Äthiopien abgestürzten Jumbojets ergeben.

Dabei geht es um mehr als einen Fehler in der Steuerungssoftware. Immer deutlicher wird die Rolle des Boeing-Managements und der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde FAA: Laut der „Seattle Times“ haben FAA-Führungskräfte die eigenen Ingenieure dazu gedrängt, einen Großteil der Prüfung dem Unternehmen Boeing zu überlassen. Der Bock hatte als Gärtner seinen Auftritt.

Ein FAA-Informant sagte der „Seattle Times“, deren Reporter Dominic Gates auch bei Airbus als unbestechlicher Charakter gilt: „Es gab keine komplette und genaue Analyse der Dokumente, damit bestimmte Zertifizierungstermine eingehalten werden konnten“. Inzwischen soll bereits das US-Justizministerium ermitteln. Hoffentlich gilt jetzt nicht „America First!“ – sondern Sicherheit zuerst.
 
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Opel war in den vergangenen zwanzig Jahren das Problemkind der deutschen Autoindustrie. Und das, obwohl die Marke nach Volkswagen auf Platz zwei im Pkw-Bestand der Deutschen steht. Rund 4,5 Millionen Opel-Fahrzeuge befinden sich in deutschen Garagen.

Wegen der schlechten Performance der Traditionsmarke verkaufte General Motors Opel 2017 entnervt an den französischen Peugeot-Konzern PSA. Seitdem läuft es besser in Rüsselsheim: 2018 stieg der weltweite Opel-Umsatz, auch dank kräftiger Preiserhöhungen. Das Unternehmen fuhr mit knapp 860 Millionen Euro erstmals wieder einen operativen Gewinn ein. Die Gewinnmarge kletterte aus dem roten Bereich auf 4,7 Prozent, was angesichts der vorhergehenden Verlustserie als Sensation gelten darf.
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Wie aber hat der neue Chef von Opel diese Trendumkehr hinbekommen? Was kann er, was andere vor ihm nicht konnten? Darüber habe ich für den Morning Briefing Podcast  mit Opel-CEO Michael Lohscheller gesprochen. Er sagt:
Wir hatten in den Fahrzeuglinien 27 verschiedene Lenkräder eingebaut, die wir jetzt reduziert haben auf acht. Auch die Anzahl der Plattformen wurde von neun auf zwei heruntergefahren.
Wir haben in Deutschland heute 3.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weniger und auch das Top-Management wurde deutlich um 25 Prozent verschlankt. Die Treppe wird von oben gekehrt, das ist ein ganz wichtiger Grundsatz.
Auch über die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Großkonzern General Motors haben wir offen sprechen können. Dessen autoritäre Neigungen, Teile der Opel-Entwicklung und auch des Designs in alle Welt auszulagern, haben dem Unternehmen nicht gut getan. Lohscheller sagt:
Paris ist uns näher, als Detroit es jemals war. Das Design unserer Fahrzeuge wird jetzt ausschließlich in Rüsselsheim entwickelt und nicht mehr in den USA oder Südkorea.
Fazit: Opel kann durchaus als Beispiel dafür gelten, dass Autonomie im Leben des Einzelnen und einer Firma einen Wert besitzt, der sich auszahlt. Die Freiheit – und das ist das Beste, was man in Zeiten des Kapitalismus über sie sagen kann – ist nicht nur beglückend, sondern auch noch profitabel.
 
Es ist die bisher größte Übernahme in einem boomenden Markt: Der US-Finanzdienstleister FIS will Worldpay, einen Anbieter für digitale Zahlungen, kaufen. Der Deal hat ein Volumen von 43 Milliarden Dollar. Pro Jahr wickelt Worldpay 40 Milliarden Transaktionen in 146 Ländern und 126 Währungen ab.

Es geht bei dem Geschäftsmodell dieser Firma um das Bezahlen und Versichern ohne Bargeld und ohne Kreditkarte. Der Kunde zahlt mit seinem Fingerabdruck und den verfügbaren Daten. Wie die Digitalisierung die Schallplatte überflüssig machte und die Tageszeitung marginalisiert, wird nun auch die Traditionsbank mit Filiale und Kreditkarte im Nebel der Geschichte verschwinden.

Die Übernahme von Worldpay kann man daher auch als Koreferat zu den Fusionsgesprächen von Commerzbank und Deutscher Bank verstehen. Das in Deutschland weithin unbekannte Unternehmen Worldpay ist an der Börse mehr wert als Commerzbank und Deutsche Bank zusammen. Und alle Beteiligten wissen warum: Nostalgie ist kein Geschäftsmodell. An den Börsen wird die Zukunft gehandelt.
 
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Die Trump-Gegner in den USA haben einen neuen Hoffnungsträger: Beto O’Rourke. In den ersten 24 Stunden, nachdem der Texaner seine Kandidatur als demokratischer Präsidentschaftsbewerber verkündete, sammelte er 6,1 Millionen Dollar ein. Damit lag er vor allen bisherigen Mitbewerbern, einschließlich des Sozialisten Bernie Sanders. Geld ist die amerikanische Art, Zuneigung auszudrücken.
 
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dpa
 
Heute werden in Mainz die 5G-Frequenzen zum Ausbau des schnellen Internetstandards versteigert. Doch der Hammer fällt nicht sofort, sondern wohl erst nach einigen Wochen. Die Versteigerung der Frequenz für mobiles Breitband dauerte 2015 über 16 Tage und erstreckte sich über 181 Bieterrunden. Nun haben wir so lange auf die Zukunft gewartet, da können wir uns noch ein paar Monate gedulden. In melancholischer Verklärung werden wir einst den Neugeborenen erklären, was ein Funkloch ist. Man freut sich jetzt schon darauf.

Ich wünsche Ihnen einen sonnigen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor