Lehner muss gehen / Dosis Dahrendorf
 
DAS MORNING BRIEFING
10.07.2018
 
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Guten Morgen,
Donald Trump hat heute Nacht den erzkonservativen Richter Brett Kavanaugh für den obersten Gerichtshof der USA nominiert. Der Mann erwarb seine Reputation bei den Republikanern dadurch, dass er im Team von Staatsanwalt Kenneth Starr einst Jagd auf Präsident Clinton machte. Es ging um die Affäre des Präsidenten mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Später zog Kavanaugh ins Weiße Haus von George W. Bush ein. Mit seiner Nominierung rückt Trump die Koordinaten der USA weiter nach rechts. Auffällig ist: Die Demokraten laufen Sturm gegen die Nominierung, aber sie laufen Sturm ohne Stürmer. Gesucht wird ein demokratischer Präsidentschaftskandidat.
 
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Großbritannien kommt nicht zur Ruhe. Das Votum für den Austritt des ehemaligen Weltreiches aus der Welt war nicht der Schlusspunkt, sondern die Ouvertüre für ein Festival der Disruptionen. Auf den sofortigen Rückzug von Premierminister David Cameron folgten die Inthronisierung von Theresa May und der Aufstieg des Populisten und Brexit-Propagandisten Boris Johnson. Gestern nun trat der Wuschelkopf zurück, der früher als Journalist für die „Times“, den „Daily Telegraph“ und den „Spectator“ gearbeitet hatte.

Als Mann der Sprache verabschiedete er sich mit großen, kühl kalkulierten Worten. Die aktuelle Politik laufe darauf hinaus, Großbritannien „zu einer Kolonie“ fremder Mächte zu degradieren, der Traum vom Brexit würde von Theresa May nicht umgesetzt, sondern verraten: „Dieser Traum stirbt, er wird erstickt durch unnötige Selbstzweifel.“
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Fazit: Dieser Rückzug ist kein Rückzug, sondern eine Kampfansage an Theresa May und das Lager der gemäßigten Tories. Johnson will das, was Seehofer auch wollte: die Frau an der Spitze stürzen. Der Unterschied: Johnson besitzt mehr politischen Rückhalt und mehr Mut zum Risiko. Seehofer, der heute nun endlich seinen Masterplan vorstellen will, ist Angstbeißer, Johnson ein Abenteurer.
 
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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premier Li Keqiang nutzten die fünften deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen in Berlin, um sich demonstrativ zum weltweiten Freihandel zu bekennen. China als wichtigster Handelspartner der Deutschen brachte 22 unterschriftsreife Verträge mit, die auch als Signal an die Adresse der Amerikaner wirken sollen. Im beginnenden internationalen Handelskrieg kommt es zu einer Koalitionsbildung, die sich deutlich von der Bündnispolitik der Militärs unterscheidet. Oder deutlicher noch gesagt: Einst war der Dreiklang von Nato-Engagement, kulturellem Wertegerüst und wirtschaftlichem Interesse konstituierend für den Westen. Auf diesem Dreiklang beruhte die Nachkriegsordnung. Kurz vor Beginn der Nato-Tagung und dem für nächste Woche geplanten Spitzentreffen Putin/Trump löst sich diese Nachkriegsordnung vor unser aller Augen auf. Die neue Ordnung sieht noch sehr unordentlich aus.
 
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Das Epizentrum des Erdbebens, das Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger vom Thron stürzte, befindet sich im Innersten der Villa Hügel. Am Stammsitz der Krupp-Dynastie, wo jahrzehntelang Berthold Beitz residierte, will man eine Erneuerung auch an der Spitze des Aufsichtsrats. Ulrich Lehner gilt auch der Stiftungsvorsitzenden Ursula Gather als Mann von gestern. Nun wird ein pragmatischer Visionär gesucht und nicht wieder ein Museumswärter für nordrhein-westfälische Industriegeschichte. Oder um es mit Thomas Mann zu sagen: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“
 
Der US-Leitindex Dow Jones Industrial Average legte kurz nach Handelsstart um 0,79 Prozent auf 24.650,44 Punkte zu. Er beendete den amerikanischen Tag und die deutsche Nacht mit einem Plus von 1,3 Prozent. Die weltweiten Investoren glauben, dass die Zukunft der Digitalisierung gehört und nicht dem Handelskrieg. Sie setzen auf steigende Gewinne, trotz weltweit steigender Spannungen. Natürlich werden auch die Optimisten vom nächsten Absturz der Börse nicht verschont. Aber bis dahin sind die reich geworden.
 
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Eine neue, 477 Seiten starke Biografie bewertet, beleuchtet und bewundert das Leben des liberalen Intellektuellen Ralf Dahrendorf. Wir begegnen in dem Werk von Franziska Meifort dem wackeren Kämpfer für die Demokratie, dem großen Europäer, aber auch dem unbeugsamen Feind der Brüsseler Bürokratie. Selbst als Kommissar für Außenhandel, von der rot-gelben Koalition des Willy Brandt in Brüssel installiert, kritisiert und polemisiert er auf Teufel komm raus, gern auch unter Pseudonym. Als ihn die EU-Elite enttarnt und zur Rechenschaft ziehen will, entgegnet Dahrendorf kühl, er sei nunmal „kein Beamtenhäuptling“. Das Buch sollte Pflichtlektüre für Jungpolitiker und Nachwuchsjournalisten sein. Wenn es denn gegen den Virus von Opportunismus, Karrierismus und Stupiditismus ein Gegengift gibt, dann dieses Buch. Eine kräftige Dosis Dahrendorf kann der modernen Gesellschaft nur bekömmlich sein.
 
 
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Eine Story und ihre positiven Folgen: Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ hatte exklusiv über fehlerhafte Berechnungen beim Bonusprogramm Miles & More der Lufthansa berichtet. Offiziell hatte das Luftfahrtunternehmen die Berechnungsgrundlage für die Prämien umgestellt; nicht mehr die Flugentfernung, sondern der Umsatz des Kunden zählt. Doch die Software rechnete anders als vom Vorstand beschlossen. Das wird bis Ende des Monats korrigiert. Wir dürfen das getrost als Sieg der natürlichen über die künstliche Intelligenz feiern. Wer der Software weiterhin misstraut, kann ja die nächste Verspätung zum Nachrechnen nutzen.

Ich wünsche Ihnen einen schwungvollen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor