ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef geht / Merkel hat Geburtstag
 
DAS MORNING BRIEFING
17.07.2018
 
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Guten Morgen,
nach dem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin steht der amerikanische Präsident mit leeren Händen da. Syrienkrieg: keine Annäherung. Irans Atomprogramm: deutlicher Dissens. Ukraine-Konflikt: null Bewegung. Krim-Annexion: Russland bleibt Russland. Und beim Thema der mittlerweile erwiesenen Einflussnahme russischer Geheimdienste auf die US-Wahlen lässt sich Trump dazu hinreißen, dem FBI sein Misstrauen auszusprechen. Die Untersuchung gegen Russland sei ein „Desaster für unser Land“.
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In den USA tobte heute Nacht deshalb ein Sturm der Entrüstung, der diesmal auch die republikanische Partei heimsuchte.
 
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Der ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain: „Der Auftritt von Trump war einer der schändlichsten Auftritte eines amerikanischen Präsidenten.”
 
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Der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses Paul Ryan: „Der Präsident muss anerkennen, dass Russland nicht unser Verbündeter ist.”
 
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Der Anführer der Mehrheit im Senat, der Republikaner Mitch McConnell: „Die Russen sind nicht unsere Freunde. Und ich glaube voll und ganz an die Einschätzung unserer Geheimdienste.”
 
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Charles Ellis Schumer, Fraktionsführer der Demokraten im US-Kongress: „Was der Präsident da getan hat, war ein Anschlag auf alle Amerikaner.”
Trumps Prinzip, politische Komplexität durch persönliche Beziehungen zu reduzieren, ist per se nicht falsch. Schröder und Kohl haben ähnlich gearbeitet. Aber in Helsinki hat es Trump zu weit getrieben. Im Angesicht der Hyperkomplexität der Problemlagen und der strategischen Klugheit einer Persönlichkeit wie Putin musste der Instrumentenkasten des Dealmakers versagen. Nicht Putin, nicht die Medien und schon gar nicht der politische Gegner haben Trump diese Niederlage zugefügt. Es war die Wirklichkeit in all ihrer Rohheit, die ihn Demut lehrte. Realpolitik beginnt da, wo dieser Gipfel endete.
 
 
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Die Leser und Leserinnen des Morning Briefing kann diese Nachricht nicht mehr überraschen. ThyssenKrupp Aufsichtsratschef Ulrich Lehner tritt zurück. Sein Selbstvertrauen war bis zum Schluss ungebrochen. Alle anderen Arten von Vertrauen aber hatte er unterwegs verloren. Das Old-Boys-Network, das Jahrzehntelang die industrielle Schatzkammer des Landes Nordrhein-Westfalen als ihr Eigentum betrachtete, ist damit zerrissen. Und plötzlich fällt auf: Die Schatzkammer ist weitgehend leer.
 
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Erstmals erzielte Facebook eine Börsenkapitalisierung jenseits der 600 Milliarden US-Dollar. Damit besitzt die Firma des Mark Zuckerberg einen Unternehmenswert, der die deutsche Automobilindustrie um mehr als das Dreifache übersteigt. Diese Zahlen allein dem Hokuspokus der Börse zuzuschreiben, wäre ein Fehler. Eine hohe Börsenkapitalisierung ermöglicht hohe Investitionen, tollkühne Übernahmen, große Verschuldungsniveaus und stimuliert das Management, nach den Sternen zu greifen. Die Tatsache, dass Deutschland bis heute kein vergleichbares Medienunternehmen hervorgebracht hat, sollte uns nicht bekümmern, sondern schmerzen.
 
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Erfreuliche Nachrichten erreichen uns aus der Hauptzentrale der Deutschen Bank. Der Gewinn für das zweite Quartal fiel deutlich höher aus, als die Analysten es erwartet hatten. Der Aktienkurs reagierte prompt, mit einer Steigerung in der Spritze von zehn Prozent. Allerdings: Verglichen mit den Notierungen der Bank of America schneidet die Deutsche Bank weiterhin bescheiden ab. Alles ist eben relativ: Fünf Haare in der Suppe sind relativ viel. Fünf Haare auf dem Kopf relativ wenig.
 
 
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Laut Information der „Financial Times” wird der langjährige Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, am Dienstag der kommenden Woche seinen Rücktritt erklären. Als Ersatz sei David Solomon vorgesehen, der seit seiner letzten Beförderung im März als CEO im Wartestand gilt. Blankfein geht mit goldgeränderter Bilanz vom Platz. Den Wert seiner Firma konnte er in seiner Amtszeit, also seit 2006, mehr als verdoppeln. Nach der Lehman-Pleite hat er gelitten und gekämpft. Aber er hat überlebt.
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Friedrich Merz möchte von der Ludwig-Erhard-Stiftung nicht geehrt werden. Und das liegt nicht an Ludwig Erhard, sondern an dem Stiftungsvorsitzenden Roland Tichy. Der einst tadellose Wirtschaftsjournalist hat sich seit seinem Ausscheiden bei der „Wirtschaftswoche“ selbst radikalisiert.
 
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Die Flüchtlingsfrage lässt ihn nicht mehr ruhig schlafen, sie lässt ihn auch nicht mehr gerade denken und schreiben. Wo endet Polemik? Und wo beginnt Propaganda? Wo beteiligt sich einer an der publizistischen Debatte? Und wo sucht einer das politische Duell? Friedrich Merz hat in der ihm eigenen Klarheit die Antwort gegeben. Er verzichtet – erst auf den Preis und dann auf einen Kommentar.
 
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Und was macht Angela Merkel heute? Sie hat Geburtstag. Wird 64 Jahre alt. Und da Alter kein Verdienst ist, wird nicht gefeiert, sondern der Bauernhof der Familie Trede in Nienborstel in Schleswig-Holstein besucht. Wenn es etwas zu feiern gibt, dann die familiengeführte Landwirtschaft in Deutschland, die derzeit allerdings an der Dürre leidet. Wir Verbraucher werden das bald schon im Milchregal und an der Fleischtheke merken. Bauern machen Fürsten, hieß es früher. Vielleicht schaut Merkel auch deshalb vorbei.

Ich wünsche Ihnen einen sonnigen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor