Deutschstunde für alle: Kinoregisseur Schwochow im Interview
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Guten Morgen ,
die meisten Politiker und viele Ökonomen können es nicht lassen. Kaum streckt sich ihnen ein Mikrofon entgegen, fangen sie an, die Bürger zu erschrecken: „Die fetten Jahre sind vorbei“, sagt SPD-Finanzminister Olaf Scholz. „Die Krise naht“, schreibt Thomas Fricke, Chefökonom der European Climate Foundation in seiner „Spiegel Online“-Kolumne. Andreas Scheuerle, Analyst der Dekabank, empfiehlt den Deutschen: „Schotten dicht und Luken zu“. Die Tatsache, dass die Weltwirtschaft zwar Abkühlungstendenzen zeigt – was nach zehn Jahren des Aufschwungs so normal ist wie der Nieselregen im Herbst –, aber keine Signale der Labilität, macht die apokalyptischen Reiter nur grimmiger. Was sie nicht verstehen wollen: Wir sind Zeitzeugen einer neuen Normalität, auf die uns keine Universität und kein Lehrbuch vorbereitet hat. 
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Wir leben heute nicht mehr in der Welt von Ludwig Erhard und Karl Schiller, wo die Schwankung von Angebot und Nachfrage den Konjunkturzyklus bestimmt. Wir leben auch nicht mehr in der Welt von Joseph Schumpeter und Nikolai Kondratjew, wo die langen Linien der Innovation auf den Pionierunternehmer treffen, der die technologische Initialzündung in einen Wirtschaftsaufschwung verwandelt. Wir leben stattdessen in einer dreidimensionalen Weltwirtschaft, in der klassische Mechanismen von Angebot und Nachfrage auf die langen Linien der Digitalisierungswelle treffen – und beide wiederum befeuert werden von einer dritten Dimension, der globalen Geldflutungspolitik, die von Japan auf die USA, Europa und schließlich China übergesprungen ist. Diese 3-D-Ökonomie erzeugt Resultate, über deren Nachhaltigkeit wir nur Annahmen treffen können. Aber zumindest die aktuellen Auswirkungen sind belebender Natur: ► Die von der Europäischen Zentralbank (EZB) festgesetzte Nullzinspolitik macht auch die gering verzinste Unternehmensanleihe plötzlich attraktiv. Der Anlagenotstand treibt private Investoren, aber auch Versicherungen und andere Geldsammelstellen zur Aktion. ► Im September wurde weltweit innerhalb einer Woche so viel Geld eingesammelt wie nie zuvor. Die Unternehmen emittierten Anleihen mit einem Volumen von mehr als 140 Milliarden Dollar. Nach Berechnungen der Landesbank Baden-Württemberg brachten die Emissionen der in Euro gezeichneten Unternehmensanleihen bis Ende des dritten Quartals bereits mehr ein als im gesamten Vorjahr (siehe Grafik). Diese Anleihegelder sind die Investition von morgen.
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► Auch Otto Beierl, der Vorstandsvorsitzende der LfA Förderbank Bayern, blickt auf eine Welt in Investitionslaune: Für 2019 erwartet er, die mit 2,5 Milliarden Euro höchste Fördersumme in der Geschichte der Bank auszugeben. Das sagte er der „Börsenzeitung“. ► Auf den westlichen Arbeitsmärkten sind keine ernsthaften Krisensymptome erkennbar. Im September fiel die US-Arbeitslosenquote – trotz eines verlangsamten Jobaufbaus – auf 3,5 Prozent. Deutschland meldet de facto Vollbeschäftigung: Im September sank die Arbeitslosenquote auf 4,9 Prozent (siehe Grafik).
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► Auch der Aktienmarkt, an dem die Zukunft gehandelt wird, widerspricht derzeit den Apokalyptikern. In den vergangenen Jahren legten Dax, Dow Jones, Nasdaq und auch der S&P 500 mit nur kurzen Verschnaufpausen zu und erklommen in diesem Jahr historische Rekorde.
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Fazit: Wir erleben den besten Aufschwung, den man für Geld kaufen kann. Über Risiken und Nebenwirkungen wird noch zu sprechen sein – aber später.
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Ehemalige Notenbanker, darunter der bis 2012 amtierende EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, sein Vorgänger Otmar Issing sowie der frühere Bundesbank-Präsident Helmut Schlesinger, warnen vor dieser neuen Normalität. Sie bringen in einem gemeinsamen Positionspapier ihre „wachsende Sorge“ über den „anhaltenden Krisenmodus“ der EZB zum Ausdruck. Das neue Anleihenkaufprogramm – dieses Mal darf die EZB 20 Milliarden Euro pro Monat ohne zeitliches Limit für Stützungskäufe ausgeben – missfällt ihnen. Es liege der Verdacht nahe, schreiben sie, dass dahinter die Absicht stecke, hochverschuldete Regierungen vor einem Anstieg der Zinsen zu bewahren. Die EZB habe „die Grenze zur Finanzierung von Staatshaushalten schon überschritten“. Das klingt wie eine Kritik – und ist in Wahrheit doch nur eine Tatsachenbehauptung. 
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„Klimakanzlerin“ Angela Merkel versprach kein „Pillepalle“ mehr in Sachen Klimapolitik, Finanzminister Olaf Scholz wollte den „großen Wurf“ und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sprach von Ergebnissen, die sich „sehen lassen können“: Doch nun kommt das Klimapaket der Bundesregierung laut „Spiegel“ schmallippiger daher als angekündigt. Aus einem Entwurf des Umweltministeriums geht demnach hervor: ► Das Kabinett will für das Jahr 2040 doch kein nationales CO2-Einsparungsziel mehr definieren. Das Ziel, 2050 Treibhausneutralität zu erreichen, wolle man nur noch „verfolgen“. ► Das Expertengremium des Klimarats soll nun doch kein jährliches Hauptgutachten zur Überprüfung der Maßnahmen mehr erstellen. Außerdem werden die Kompetenzen des Gremiums zurechtgestutzt – Vorschläge zum Nachjustieren will die Regierung nicht mehr hören. Auf die Abschwächungen habe man sich auf Drängen der Unionsfraktion geeinigt, wie es heißt. Bereits vergangene Woche drängte die CSU auf weniger Klimaschutz-Euphorie. Es gilt das Motto: Mehr Gelassenheit, weniger Greta. Das Haus ist erwärmt, aber steht nicht in Flammen.
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Totgesagte leben länger: Das klassische Notenbankgeld wird sich womöglich doch gegen die neuen digitalen Parallelwährungen durchsetzen können. Noch bevor Facebooks Kryptowährung Libra an den Start geht, verliert sie ihre Follower, die in diesem Fall Investoren heißen. Mit Paypal – das derzeit von 286 Millionen Kunden weltweit genutzt wird – hat sich einer der wichtigsten Partner aus dem Projekt zurückgezogen. Dem „Wall Street Journal“ zufolge denken jetzt auch weitere Unternehmen – darunter Visa und Mastercard – über einen Ausstieg nach. Grund dafür ist der jüngste Vorstoß der EU-Finanzminister, Libra regulatorisch limitieren zu wollen. Wir lernen: Der Staat ist handlungsfähig, wenn er denn will. Die Krankheit der Moderne ist nicht die wirtschaftliche Globalisierung, sondern die politische Mutlosigkeit. 
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Für die Demokraten ist es der Stoff für ein Amtsenthebungsverfahren. Für Donald Trump ist es das Drehbuch eines polarisierten Wahlkampfes. Ungeniert fordert er nun auch China auf, Ermittlungen gegen den Sohn von Joe Biden zu prüfen. Was die einen als Machtmissbrauch beschreiben, nennt Trump „das absolute Recht, sogar die Pflicht“ eines Präsidenten. Immerhin gehe es um den Verdacht der Korruption gegenüber Sohn Biden, die dank Protektion durch Vater Biden, damals Vizepräsident der USA, womöglich nicht aufgeklärt worden sei. Die letzte Beurteilung liegt – erst recht angesichts der Wahlen im November 2020 – bei den amerikanischen Bürgern. Und die reagieren keineswegs einhellig empört, wie die Demokraten gehofft hatten. Sie reagieren noch nicht einmal mehrheitlich empört, was den Herausforderer Biden hat dünnhäutig werden lassen. Auf die entsprechende Reporterfrage, ob es zwischen ihm, seinem Sohn und der Ukraine einen Interessenskonflikt gegeben habe, antwortete er jetzt:
It’s not a conflict of interest – there’s been no indication of any conflict of interest from Ukraine or anywhere else. Period. I'm not going to respond to that. Let's focus on the problem. Focus on this man, what he's doing that no president has ever done.“
Die „Süddeutsche Zeitung“ dokumentierte in den vergangenen Tagen unfreiwillig, dass die Haltung der Zentrale nicht mit der von den Korrespondenten reportierten Wirklichkeit harmoniert. Auslandsressortleiter Stefan Kornelius hatte die Amtsenthebung unter der Überschrift „Attacke“ jüngst als „logisches Finale“ der Ära Trump bezeichnet. Eine im Blatt gedruckte Reportage des Journalisten Alan Cassidy, die in Virginia Beach im Bundesstaat Virginia spielt, kommt zu gänzlich anderen Schlussfolgerungen. Normalerweise wird in dem beschriebenen Wahlkreis republikanisch gewählt. Beim letzten Mal gewann die Demokratin Elaine Luria, die eine Ingangsetzung des Amtsenthebungsverfahren vorangetrieben hat. Jetzt fürchtet sie um ihre Wiederwahl. In ihrem Wahlkreis bekommt sie von den Bürgern laut Cassidy folgendes zu hören: „Ich habe das Transkript von Trumps Telefonat mit dem Ukrainer gelesen“, sagt Marsha Spain, Inhaberin eines kleinen Reisebüros. „Da war nichts, es gab kein Quidproquo. Es war nicht so, wie es die Demokraten darstellen.“ Ein Amtsenthebungsverfahren? „Das geht zu weit.“ Andere Bürger fragen ebenfalls kritisch: „Warum wollen Sie den Präsidenten wegen einer Lappalie aus dem Amt jagen?“ Und: „Warum haben Sie gehandelt, bevor Sie überhaupt die Fakten kennen?“ Die Wechselwählerin Spain, die zuletzt auf Seiten der Demokraten stand, sagt: „Wir hören nur noch Impeachment. Das lenkt uns von so vielen Dingen ab, die wichtiger sind.“ Die Schlussfolgerung des Reporters: Die Demokraten riskieren ausgerechnet in den Wahlkreisen, die sie nur knapp gewonnen haben, ihre Mehrheit. Die vermeintliche „Attacke“ könnte als größte Selbstverletzung in die Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe eingehen.
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In Zeiten der Klimakrise werden die Chinesen immer gieriger auf Fleisch. 2019 werden sie knapp 46 Prozent des global produzierten Schweinefleischs konsumieren. Seit 1990 hat sich der Schweinefleischkonsum pro Kopf laut OECD in der Volksrepublik um 113 Prozent auf 32 Kilogramm mehr als verdoppelt, während die Nachfrage in der EU bei rund 32 Kilogramm stagniert. Der Trend in China geht zu immer größeren und fetteren Schlachttieren, die auf dem Markt höhere Preise erzielen.
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In manchen Provinzen wiegen Mastschweine zum Zeitpunkt der Schlachtung inzwischen bis zu 200 Kilogramm – und damit deutlich mehr als der Durchschnitt von bisher 125 Kilogramm. Jetzt haben Züchter ein gigantisches Mastschwein von der Größe eines ausgewachsenen Eisbären erschaffen. Das Gewicht: rund 500 Kilogramm. Ein solches Tier kann einen Schlachtpreis von bis zu 1400 US-Dollar erreichen.
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Die Dauerherrschaft von Boliviens sozialistischem Präsidenten Evo Morales könnte bald vom Unmut des Volkes beendet werden. Denn zu Hunderttausenden gehen die Bürger – die Veranstalter sprechen von mehr als einer Million Demonstranten – in der größten Stadt Santa Cruz auf die Straße. Sie werfen Morales, der schon seit 2006 im Amt ist, vor, nichts gegen die Bekämpfung der Waldbrände im Amazonasgebiet zu tun. Morales weigert sich strikt, den Katastrophenzustand auszurufen und damit internationale Unterstützung bei der Bekämpfung des Feuers zuzulassen, die der Sozialist als „ausländische Einmischung“ in innere Angelegenheit wertet. So ist Bolivien auf dem Weg, ein zweites Venezuela zu werden.
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„Deutschstunde“ von Siegfried Lenz: Das war kein Roman, das war ein Donnerkeil auf den groben deutschen Klotz. Im Erscheinungsjahr 1968 zeigte sich das Bürgertum noch immer unfähig, zu trauern. Man verdrängte und vergaß, auf Teufel komm raus. Siegfried Lenz, sieben Jahre alt bei Hitlers Machtergreifung, 13 Jahre alt bei Kriegsbeginn, später dann selbst Mitglied der NSDAP und kurz vor Kriegsende schließlich Deserteur, kannte das Leiden seiner Generation aus eigener schmerzvoller Erfahrung. In seinem zehnjahrigen Helden Siggi steckte ganz viel Siegfried.  Der deutsche Schlüsselroman der Nachkriegszeit, der von Schuld und Verantwortung handelt, vor allem aber vom schnurgeraden Weg, den die Pflicht über den Gehorsam zum Fanatismus nahm, ist seit wenigen Tagen in einer spektakulären Neuverfilmung im Kino zu sehen. Regisseur Christian Schwochow, 41, ist der verantwortliche Filmemacher, der das Drehbuch seiner Mutter Heide dramatisiert hat. Er ist politisch engagiert wie einst Volker Schlöndorff, weniger elitär als Rainer Werner Fassbinder, und mit seinem Vertrauen in die stille Kraft großer Bilder erinnert er an Wim Wenders. Schwochow, der bereits zwei Bambis, vier Grimme-Preise und drei Mal den Deutschen Fernsehpreis gewann, hat mit „Deutschstunde“ einen Beitrag zur Gegenwartsdebatte geleistet, der seine Effekte dadurch erzielt, dass er auf Effekte verzichtet. Kein Hitler, keine SS, kein Hackenschlagen. Der Krieg gegen die Menschlichkeit wird nicht in Berlin geführt, sondern im Innern der Menschen. Der Dorfpolizist verliert in „Deutschstunde“ nicht sein Leben, nur seine Seele.
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Im Morning Briefing Podcast spreche ich mit Schwochow über sein Werk und die Modernisierungsleistung dieser Literaturverfilmung. Er sagt:
Die Mutter von Siggi ist im Roman eine strenge Nationalsozialistin, die sehr, sehr wenig Liebe von Lenz bekommt – so eine Figur würde mich heute nicht mehr interessieren. Diese Frau haben wir versucht, ambivalenter zu machen, zu einer Frau, die andere Widersprüche besitzt als bei Lenz.“
Als die stärkste Szene seines Werkes empfindet er den Geburtstag des Malers Max Ludwig Nansen, eine Szene, in der die mittlerweile verfeindeten Familien zusammenkommen.
Was dort für eine Stimmung herrscht, was dort gesagt wird, was dort nicht gesagt wird, und wie sich hier zeigt, was Krieg mit Menschen macht, wie er anfängt, Beziehungen zu zerstören, wie er wirklich wie ein Gift in sie hineinkriecht, das finde ich schon ziemlich stark und besonders gut gelungen.“
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Für ihn ist die „Deutschstunde“ nicht zu Ende:
Es haben sich schon so viele Tabus verschoben in unserer Gesellschaft, so viele radikale Positionen sind im Mainstream angelangt. Ich finde, dass so ein Stoff, der von diesem Fanatismus erzählt, ganz viel mit unserer heutigen Zeit zu tun hat.“
Dieser Film behandelt keinen leichten, aber einen notwendigen Stoff. Es ist der Stoff, aus dem Deutschland ist. Trauen Sie sich!
Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in diese neue Woche. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor
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