Bahn in der Krise | Carlos Santana im Interview

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
26.07.2019
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Guten Morgen,
„Die Hundehütte ist für den Hund, der Aufsichtsrat für die Katz.“ Diese ironische Erkenntnis stammt von Hermann Josef Abs, dem legendären Vorstandschef der Deutschen Bank und späteren Multi-Aufsichtsrat.

Mit zeitweise 30 Aufsichtsratsmandaten – davon 20 als Vorsitzender – war Abs in den Wirtschaftswunderjahren der mächtigste Strippenzieher der Republik. Sein Bonmot beschrieb ein System der Kumpanei zwischen Vorstand und Kontrollgremium, dessen integraler Bestandteil er damals war. Abs ging, die symbiotischen Zustände zwischen Kontrolleuren und zu Kontrollierenden haben ihn überdauert.
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BMW-Aufsichtsratschef Norbert Reithofer war einmal der erfolgreichste BMW-Vorstandschef der Nachkriegszeit. Unter ihm hat BMW den Konkurrenten Mercedes überholt, China erobert und Stromautos entwickelt. Als Chefkontrolleur aber schliefen ihm die Füße ein. Der von ihm eingesetzte Vorstandsvorsitzende Harald Krüger steuerte das Unternehmen mit zittriger Hand. Die Aktie erlebte einen Schwächeanfall. Am Ende musste Krüger gehen. Reithofer blieb.
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Aufsichtsratschef Werner Wenning konnte bei Bayer seinen abenteuerlustigen CEO Werner Baumann nicht daran hindern, die Problemfirma Monsanto zu übernehmen. Wenning ist heute nicht Baumanns Kontrolleur, sondern dessen Lebensversicherung. Beide sind – wie die Amerikaner es formulieren würden – „Partners in Crime“.
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Deutsche Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner, in dessen Amtszeit der Aktienkurs der Bank um knapp 70 Prozent absackte, verabschiedet Vorstandschefs mit routinierter Lässigkeit: Anshu Jain musste gehen, Jürgen Fitschen folgte, John Cryan wurde ebenfalls vorzeitig verabschiedet. Mit Christian Sewing hat nun Vorstandschef Nummer vier die Schalterhalle betreten. Bis zu 20.000 Beschäftigte müssen gehen. Achleitner gehört nicht dazu.
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Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff begleitete seinen ehemaligen CEO Dieter Zetsche in Treue bis zum Notausgang. Vier Gewinnwarnungen veröffentlichte Daimler allein in den vergangenen 13 Monaten. Im zweiten Quartal erwirtschaftete Deutschlands einstiges Vorzeigeunternehmen einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro. Der neue Vorstandschef Ola Källenius ringt um die Zukunft der Firma. Bischoff dagegen wirkt wie ein Bewohner des Jurassic Park. Die Unterzeile des Films hat er für sich adaptiert: Ausgestorben, um zu bleiben.
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Imago
Von größtmöglicher Schlafmützigkeit ist der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG. Offenbar hat man dort eine Packung Valium an alle Kontrolleure verteilt. Seit vielen Jahren gibt es an der Spitze des Staatskonzerns keine starke Figur, dafür aber ein starkes Beharrungsvermögen. Gemeinsam hat man sich offenbar vorgenommen, die Staatsfirma zu ruinieren.
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Bahn
Aufsichtsratschef Michael Odenwald, der 61-jährige politische Frühpensionär und ehemalige CDU-Staatssekretär, nimmt grummelnd – aber folgenlos – die düsteren Depeschen seines Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz entgegen. Auch Hilflosigkeit kann zusammenschweißen. Das Zahlentableau der Bahn ist mittlerweile ein Dokument, das jedes Arbeitsgericht ohne mündliche Aussprache als Kündigungsgrund akzeptieren würde:
► Die Fahrgastzahlen steigen, der Umsatz wächst, aber die Bahn schafft es, diesen positiven Trend in einen Gewinneinbruch zu verwandeln. Nach Abzug von Steuern und Zinszahlungen bleibt lediglich ein Halbjahresergebnis von 206 Millionen Euro, minus 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Netto-Umsatzrendite liegt damit bei 0,9 Prozent. Jede Würstchenbude weist eine höhere Rentabilität auf. ► Der einzige auf dem Armaturenbrett der Deutschen Bahn wachsende Tachostand ist der Schuldenstand. Die vom Bundestag vorgegebene Schuldenobergrenze von 20,4 Milliarden Euro wird ignoriert, die um Leasingverträge bereinigte Verschuldung beträgt 21,1 Milliarden Euro. Wäre die Bahn ein Staat der Eurozone, müsste noch heute Morgen ein Mahn- und Strafverfahren in Gang gesetzt werden.

► Den Nettoinvestitionen der Bahn von 2,35 Milliarden Euro stehen im ersten Halbjahr 2019 lediglich Mittelzuflüsse aus dem operativen Geschäft von 1,39 Milliarden gegenüber. Das „Handelsblatt“ rechnet vor: „Die Nettofinanzverschuldung stieg auf das 6,1-fache des Ertrags vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen und damit auf einen Wert, der dem Doppelten des ursprünglichen Ziels entspricht.“ Jede ernsthafte Reform der Bahn hätte mit einem Kehraus im Aufsichtsrat zu beginnen. Doch daran denkt niemand: Mit der Berufung Odenwalds hat der Eigentümer Staat den Anteil der Beamten sogar nochmal erhöht. Nur drei der zehn vom Staat berufenen Aufsichtsratsmitglieder stammen noch aus der Privatwirtschaft. Der Aufsichtsrat ist der Club Med der Berliner Republik.
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Die Verkrustungen der Deutschland AG sind in den Aufsichtsräten gut erkennbar, die sich nahezu luftdicht gegenüber den Misserfolgen der von ihnen zu beaufsichtigenden Firmen abgeschottet haben. Misserfolge werden auf der Ebene der operativen Manager geahndet, auch damit die observierende Führungsebene, der Aufsichtsrat, verschont bleibt. Die Halbwertszeit der CEOs großer deutscher Unternehmen beträgt im Schnitt nur noch knapp sechs Jahre. Die vorzeitigen Vertragsauflösungen haben sich seit 2014 fast verdreifacht. Rund ein Drittel der Vorstandschefs wird hierzulande irregulär verabschiedet. Das meldet PricewaterhouseCoopers in der aktuellen „CEO Studie“, die weltweit die 2500 größten börsennotierten Unternehmen unter die Lupe genommen hat.
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Keine Regel ohne Ausnahme: Der Industriegaskonzern Linde lädt heute zur Hauptversammlung ein. Ohne Chef-Aufseher Wolfgang Reitzle hätte es die Fusion mit dem amerikanischen Konzern Praxair, die Linde nach SAP zum zweitwertvollsten Unternehmen im DAX aufschießen ließ, nicht gegeben. Aufsichtsrat und Vorstand erwarten heute aus dem Kreis der Anteilseigner dankbare Gesichter.
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Bundeswehrmisere, Brexit-Drama und die Bestrafung der Sparer mit Negativzinsen: Nach einer Woche wie dieser müssen die Depots der Zuversicht neu aufgeladen werden. Deshalb dachte ich, es sei eine gute Idee, für den Morning-Briefing Podcast  den mexikanisch-amerikanischen Musiker und bekennenden Optimisten Carlos Santana anzurufen. Seine neue Platte „Africa Speaks“ versprüht Lebensfreude und einen kämpferischen Zukunftsglauben, der nicht mit Naivität verwechselt werden darf. Auch mit 72 Jahren setzt Carlos Santana auf den Geist des Open-Air-Festivals von Woodstock, wo seine Weltkarriere einst begann.
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Mit Wachheit verfolgt der in Mexiko geborene Santana die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft und die Ausgrenzung des südlichen Nachbarns der USA:
Amerika durchlebt derzeit ein Angstfieber. Mit Trump regiert schon wieder derselbe Typus wie zu Zeiten von Lyndon B. Johnson, Richard Nixon, Ronald Reagan, Vater und Sohn Bush. Das ist dieselbe Person mit derselben Agenda. Sie hat nur jeweils ein anderes Gesicht.“
Die afrikanische Musik habe ihn deshalb inspiriert, weil sie in den Menschen eine revolutionäre Haltung wachsen lasse:
Die afrikanische Musik vermittelt das Gefühl von Freude, Mut und Hoffnung. Freude ist das Gegenteil von Angst. Ich denke mit Freude und der Klarheit des Geistes werden sich die Verhältnisse auf dem Planeten ändern lassen.“
Er hofft nicht nur auf einen Parteienwechsel, sondern auf einen Systemwechsel im Umgang der Gesellschaften miteinander:
In der Zukunft werden keine Uniformen, Flaggen, Religionen und Grenzen mehr gebraucht. In Zukunft wird das Herz der Reisepass sein und die Liebe ist dann die Währung.
Und diesen Systemwechsel muss jeder Mensch vollziehen, sagt er, am besten gleich morgens beim Aufwachen:
Noch bevor der Fuß den Boden berührt, sollten wir dankbar sein. Wir müssen uns mit dem Licht verbinden. Du glaubst entweder an das Licht oder du glaubst an die Dunkelheit. Dunkelheit ist Angst, Wut und Gier. Das Licht aber bedeutet Ewigkeit.
Und einen großen Wunsch hat der Musiker auch:
Wenn ich für einen Tag der amerikanische Präsident wäre, würde ich folgendes anordnen: Veranstaltet jedes Wochenende ein Woodstock Festival in jeder Stadt.“
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein Wochenende der Erleuchtung. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor