Unglück in Italien | Trump versus Erdoğan
 
DAS MORNING BRIEFING
15.08.2018
 
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Guten Morgen,
die deutsche Volkswirtschaft gleitet stark und selbstbewusst dem Digitalzeitalter entgegen, glauben und hoffen zumindest der Kapitän und die Mannschaften. An Bord spielt die Kapelle. Für Aufsehen sorgen lediglich die blau schimmernden Eisspitzen, die von Zeit zu Zeit aus dem Wasser ragen.
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Eine der Eisspitzen, größer und mächtiger als alle anderen zuvor, tauchte gestern an der Börse auf. Sie heißt Wirecard. Der weithin unbekannte Online-Zahlungsdienstleister fügte dem Flaggschiff der deutschen Finanzindustrie, der Deutschen Bank, tiefe Risse am Schiffsrumpf zu. Wirecard ist die Spitze einer neuen, digitalen Finanzindustrie, deren Tiefe, Größe und Gefährlichkeit die Tradionsbanker heute zwar nicht kennen, wohl aber erahnen können. Für alle Zweifler: Firmen wie Wirecard, Tesla und Netflix sind nicht die neuen Titanen, aber die Eisberge, welche die alten Verhältnisse zum Versinken bringen.
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Investoren bewerteten die hochprofitable Firma aus Bayern (Gewinnmarge 27,9 Prozent) gestern mit 21,2 Milliarden Euro und damit knapp höher als die Deutsche Bank und nur unwesentlich niedriger als die Deutsche Börse AG. Die Commerzbank, die es nur noch auf eine Börsenkapitalisierung von rund 10 Milliarden Euro bringt, darf sich als versenkt betrachten. Im Herbst wird sie wohl den DAX verlassen müssen.

Wirecard ist ein FinTech-Unternehmen, das sich auf das Bezahlen im Internet spezialisiert hat. Es wickelt unter anderem die Geschäfte der chinesischen Online-Dienste Alipay und WeChat ab. In der FinTech-Branche weiß man: Die neue Bankfiliale ist das Mobiltelefon, der Tresorraum die Cloud. Das Geld fließt digital. Die Kunden, vor allem in Asien, finden es merkwürdig, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die beim Bezahlen mit Papier rascheln. Der Beruf des Filialleiters mutet ihnen so altmodisch an wie uns der Beruf des Heizers auf dem Dampfschiff.
 
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Die Zeit des deutschen Geldadels, das wurde gestern deutlich, läuft ab. Unklar ist, wer es vom Führungspersonal noch schafft, seine Karriere zu retten. Vorne im Wasser sieht man den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Christian Sewing, heftig strampeln. Sein Stellvertreter Garth Ritchie japst bereits nach Luft. Der Aufsichtsrat hat den Vertrag des Investmentbank-Chefs, der in wenigen Monaten ausläuft, noch immer nicht verlängert. Die Rettungsboote reichen nunmal nicht für alle.
 
 
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Im Konflikt zwischen der Türkei und den USA tritt Liliput gegen David an: Erdoğan droht mit dem Importverzicht auf iPhones und andere Elektronikartikel. Das wird den Mann im Weißen Haus, der gestern noch mit Apple-Chef Tim Cook beim Essen zusammen saß, aber mächtig erschrecken. Trump stoppte derweil den milliardenschweren Rüstungsdeal der USA mit der Türkei. Es ging um 100 F-35 Kampfjets. Die Asymmetrie der Kräfte zeigt sich in großer Deutlichkeit (siehe Grafiken unten).
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Trump braucht nur aufs Armaturenbrett der Volkswirtschaft zu schauen, um seine relative Stärke zu spüren. Die USA sind die letzte verbliebene Globalmacht, derweil die Türkei den Geländegewinn der vergangenen Jahre wieder preisgibt. Eine chinesische Volksweisheit lautet: Die Hand, die du nicht abhacken kannst, sollst du schütteln. Hätte Erdoğan sie beherzigt, stünden er und sein Land heute besser da.
 
 
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Die „FAZ“ ist für ihren Pluralismus sehr zu loben. Während die politische Redaktion den Vorschlag der CDU-Generalsekretärin, man solle doch die Wehrpflicht wieder einführen, als relevante Debatte einstuft, darf Dr. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie in Allensbach heute auf einer ganzen Seite widersprechen. Eine von ihm durchgeführte Meinungsbefragung kommt zu dem Schluss: „Es ist offensichtlich, dass dieser Punkt für die Bevölkerung keine entscheidende Bedeutung hat.“ Wichtiger sei für die Bürger die skandalös schlechte Ausstattung der Bundeswehr. Die Deutschen seien mehrheitlich nicht bereit die Wehrpflicht einzuführen, aber sie seien bereit, deutlich höhere Verteidigungsausgaben zu akzeptieren. Dies sei ein sehr bemerkenswerter Befund, sagt der Demoskop. Das Volk spürt offenbar, wenn Politiker Ablenkungsdebatten beginnen und Medien sie befördern.
 
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Unsere Gedanken und Gefühle sind heute Morgen bei den Menschen in Italien. Die Brücke Ponte Morandi in Genua ist im Gefolge eines Unwetters weggebrochen; Menschen und Automobile stürzten 40 m in die Tiefe. Die Bilanz dieser furchtbaren Tragödie: Mindestens 31 Tote und 16 Verletzte. In der Stunde der Trauer sind wir als Europäer vereint.

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor