Unruhe bei Tesla | Berthold Beitz in Kritik
 
DAS MORNING BRIEFING
09.08.2018
 
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Guten Morgen,
wir sind erneut im Zeitalter der Geopolitik gelandet. Das Vorgehen des US-Präsidenten ist national-ökonomisch determiniert. Die Weltbörsen sind im Umkehrschluss politisch geworden. Wer Trump lesen kann, verdient derzeit an den Finanzmärkten Milliarden. Und wer die Welt der Empörung hinter sich lässt (nur für ein paar Minuten), um zum Kern seiner Politik vorzustoßen, der steht: vor einem großen Ölfass.

Im Denken und Handeln des neuen Präsidenten spielen die traditionellen Währungen des 20. Jahrhunderts die zentrale Rolle: Industriejobs, US-Dollar, Öl. Sein Kalkül: Jeder Staat, dessen Energieversorgung auf Öl und Gas basiert, muss US-Dollar erwerben, also in Amerika verkaufen. Trump zwingt mit seiner Sanktions- und Zollpolitik die großen Mächte, dieses Verkaufen in den USA mit dem Produzieren in den USA zu verbinden. Er will den alten Kreislauf Industrie/US-Dollar/Öl mit den Methoden der Machtpolitik revitalisieren.

• Deshalb giftet er gegen die deutsche Kanzlerin wegen ihrer Unterstützung für die neue russische Pipeline.
• Deshalb erneuert er die Allianz mit dem Königshaus von Saudi-Arabien.
• Deshalb belegte er heute Nacht auch den Ölförderer Russland mit Sanktionen.
• Deshalb isoliert er Iran, was wie auf Knopfdruck zum Anstieg der Ölpreise führt.
• Deshalb gelten die Sanktionen gegen Iran und Russland automatisch auch für jeden, der Iran und Russland bisher nicht sanktioniert.

Mit dem Instrument der exterritorialen Sanktionen unterwirft Trump die widerspenstige europäische Wirtschaftswelt seinem Willen. Mit Erfolg: Daimler-CEO Zetsche kündigte zügig alle seine Iran-Geschäfte und wurde so zu dem, was die Amerikaner einen „willing executioner” nennen.
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Noch liefert Iran sein Öl an den Weltmarkt, könnte man einwenden. Aber Fakt ist: Der Ölpreis wird vom Future-Markt und damit den Erwartungen seiner Entwicklung gesteuert. Das heißt: Er steigt allein durch Trumps Ankündigungen. Die Experten der Société Générale gehen davon aus, dass durch die Iran-Sanktionen dem Weltmarkt mittelfristig eine Million Barrel pro Tag entzogen werden.

Den Anstieg der Ölpreise braucht der US-Präsident, um die eigene Ölgewinnung (vornehmlich aus Schiefergas) wieder rentabel betreiben zu können. Und auch das funktioniert: Mit 10,7 Millionen Barrel pro Tag produzieren die Amerikaner derzeit 1,4 Millionen mehr als noch vor einem Jahr – und liegen hiermit über Saudi-Arabien. Der hohe Ölpreis, der als Nebeneffekt die Inflation in der Eurozone treibt (siehe Grafik unten), sichert Trumps Macht.
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Die Handelspolitik der Schutzzölle flankiert dieses Spiel. Trump unterbindet durch Zollaufschläge und solche, die nur angedroht werden, dass die Dollarbeschaffung ausschließlich durch Verkäufe in den USA erreicht wird. Denn das reine Verkaufen wird durch den Schutzzoll verteuert. Wer aber in den USA produziert, bleibt von ihm verschont und wird somit belohnt. Der US-Präsident will erzwingen, dass Warenverkauf und industrielle Produktion wieder gekoppelt sind. Er arbeitet an nichts Geringerem als an der Erneuerung des Dollarimperiums. Viele hielten „Amerika First“ für eine Parole. Aus der Parole ist Politik geworden.
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Die deutsche Wirtschaft wirkt wie hypnotisiert. Die Erwartungen der Unternehmer, das zeigt die Erhebung des Münchner ifo-Insituts (siehe Grafik oben), sind deutlich negativer als die tatsächliche Lage. Der Grund: Nicht alle durchschauen das geopolitische Spiel um Öl und Dollars, aber die meisten spüren den Gezeitenwechsel. Der US-amerikanische Präsident ist mit seiner „America First“-Politik angetreten, um unsere Wertschöpfungsketten zu verändern. Trump ist Amerikas Präsident, aber Europas Problem.
 
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Bei Tesla halten Mitarbeiter und Investoren mittlerweile den Atem an. Der angekündigte Rückzug von der Börse hat die Wertpapiermärkte derart stimuliert, dass die Aktie weiter nach oben schoss. Elon Musk versprach für den Fall des Börsenausstiegs einen Garantiekurs, den die Börsenaufsichtsbehörde jetzt auf Seriosität untersucht. Noch scheint unklar, wer dieser Mann wirklich ist: Star oder Scharlatan?
 
 
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Das journalistisch vielleicht interessanteste Stück des heutigen Tages findet sich im „Handelsblatt“. Dort gehen die drei Nachfahren der Krupp-Dynastie – Eckbert von Bohlen und Halbach, Diana Friz und Friedrich von Bohlen und Halbach – hart ins Gericht mit dem legendären Berthold Beitz. Letztlich machen sie ihn für den Niedergang von ThyssenKrupp verantwortlich.

Er habe es versäumt, eine Stiftung zu hinterlassen, die einem modernen unternehmerischen Anspruch gerecht werde. Sie werfen ihm einen autokratischen Führungsstil vor – „fast schon selbstherrlich“. Als er starb, befand sich die Stiftung in einer ähnlichen Situation „wie Jugoslawien nach Tito“, sagen sie. Zur Bewältigung unternehmerischer Aufgaben brauche man „eine gelebte, authentische Konfliktkultur“ und einen modern besetzten Aufsichtsrat. Dieses Interview gehört in die Kategorie „lehrreich”! Nicht nur für Kruppianer.

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlich gestimmten Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor