Demokraten jagen Joe Biden | Der Tod der Elefanten

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
02.08.2019
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Guten Morgen,
die deutsche Volkswirtschaft hat in dieser Woche das große EKG absolviert. Quartalszahlen aus zahlreichen Dax- und MDax-Firmen lieferten das Elektrokardiogramm einer Ökonomie, die an Überforderungssymptomen leidet. 

Die Kontraktion des industriellen Herzmuskels verliert an Kraft, im Vorhof der Finanzinstitute setzt ein Flimmern ein. Der diensthabende Stationsarzt Dr. Mario Draghi hat für den Fall eines weiteren Druckverlustes bereits die Herzrhythmus-Maschine eingestöpselt.

Der Befund im Einzelnen:

► Der Patient Siemens erlitt im Zuge einer mutwilligen Amputation wichtiger Konzernteile einen spürbaren Leistungsabfall. Die Strategie der Transformation vom integrierten Mischkonzern zum Holding-Modell muss erst noch beweisen, dass sie auch außerhalb der Vorstandsvorstellungen lebensfähig ist. Bei der kriselnden Kraftwerkssparte „Gas and Power“, die Siemens im kommenden Jahr abspalten will, sank der operative Quartalsgewinn um 37 Prozent.

Der wichtige Bereich Industrieautomatisierung meldete einen Gewinnrückgang um gut ein Viertel. Insgesamt sackte der operative Gewinn der Siemens AG im abgelaufenen Quartal um zwölf Prozent auf 1,9 Milliarden Euro ab. Das Handelsblatt analysiert heute Morgen kühl: „Bislang zahlt sich Kaesers Strategie noch nicht aus – weder an der Börse noch bei den operativen Margen.”
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► Die Bayer AG, einst der wertvollste Dax-Konzern und mit seinen Produkten Aspirin und Bepanthen das meist respektierte Unternehmen in Deutschland, wirkt erschlafft. Der Vorstandsvorsitzende und sein Aufsichtsratschef strampeln wie verrückt, aber die Herzspannungskurve reagiert nur noch sehr gedämpft. Ein erschöpft wirkender Werner Baumann bezeichnet die gesteckten Jahresziele als „zunehmend ambitioniert“.

Die Transplantationsnarben der Monsanto-Fusion wirken nach. Immer neue Schwärme von Klägern, mittlerweile sind es 18.400, saugen sich am Herzmuskel der Firma fest. Sie wollen ausgestattet mit Top-Anwälten Milliarden aus der Konzernkasse absaugen. Die erstinstanzlichen Urteile im Glyphosat-Prozess locken sie an.
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► Selbst die Sparkassengruppe schwächelt und kann derzeit keine beeindruckenden Werte liefern. Weil es vor allem bei der NordLB schlecht lief und die Null- und Negativzinspolitik der EZB insgesamt zu einem Aderlass bei den Erträgen geführt hat, blieb am Ende des vergangenen Jahres ein Verlust in Höhe von 213 Millionen Euro. Die Zahlen wurden jetzt vorgelegt.

► Bei BMW melden die Herztöne bereits seit längerem eine nachlassende Aktivität. Eine Gewinnwarnung ist nichts anderes als der Ruf nach dem Notarzt, weshalb der Aufsichtsrat auch den Vorstandsvorsitzenden bereits ausgewechselt hat. 

Das Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern brach im zweiten Quartal um ein Fünftel auf 2,2 Milliarden Euro ein. Vor allem im Kerngeschäft, bei den Automobilen, läuft es nicht rund: Im ersten Halbjahr verdiente BMW in diesem Bereich 70 Prozent weniger als im selben Zeitraum 2018.
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► Bei der Lufthansa bekamen mit der Verkündung der Quartalszahlen am Dienstag die internationalen Investoren regelrechtes Herzrasen. Nach den ersten sechs Monaten steht ein Nettoverlust von 116 Millionen Euro in den Büchern, im Vorjahr war hier noch ein Nettogewinn von 713 Millionen Euro zu bestaunen. Mehr als nur Dehnübungen sind nun gefragt. Vorstandschef Carsten Spohr hat der Airline bereits ein strenges Diätprogramm zur Verschlankung des Kostenapparates verordnet.
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► Den Lichtblick der Woche lieferte heute Morgen die Allianz-Versicherung in München, deren gleichmäßig schlagende Herztöne schon seit längerem von der Vitalität ihres Geschäftsmodells zeugen. Die zweitgrößte Versicherung der Welt produziert trotz der Stressfaktoren durch die lockere Geldpolitik erfreuliche Werte – im zweiten Quartal steht ein Plus beim Gesamtumsatz von 6,1 Prozent auf 33,2 Milliarden Euro, der operative Gewinn legte um 5,4 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro zu. Der Aktienkurs hält sich konstant über dem deutschen Leitindex.
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Fazit: Der Patient Deutschland ist kein Fall für die Intensivstation, aber er muss wieder mehr auf sich achten. Das Land braucht jetzt vor allem Bewegung, zuerst in den Köpfen.
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Der ehemalige Vize-Präsident der USA, Joe Biden, wird von Donald Trump verspottet („Sleepy Joe“) und von den eigenen Parteifreunden gejagt. Sie werfen ihm versteckten Rassismus, fehlendes Mitgefühl gegenüber mexikanischen Migranten und eine vermurkste Gesundheitsreform vor, weil diese immer noch Millionen Amerikaner unversorgt lässt. Wer solche Parteifreunde hat, braucht keinen Trump.
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Apropos Trump: US-Finanzminister Steven Mnuchin und der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer sind gerade erst – ergebnislos – von Handelsgesprächen aus China zurückgekehrt, da lässt der US-Präsident gleich wieder die Muskeln spielen. Ab September soll „ein kleiner zusätzlicher Zoll von zehn Prozent” auf chinesische Importe gelten. Es sei eine Reaktion darauf, dass die Chinesen ihre Zusage nicht eingehalten hätten, mehr US-Agrarprodukte zu kaufen. Trump liebt die Rolle als strafender Gott.
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In Afrika haben nicht nur viele Menschen, sondern auch die Tiere ein Problem. Der Kontinent mit den endlosen Savannen und seinen schier undurchdringlichen Regenwäldern ist nicht nur die Wiege der Menschheit – sondern für Elefanten auch ein großer Schlachthof.
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Der Preis für Elfenbein auf dem Schwarzmarkt steigt. Das bedeutet: Immer mehr Elefanten werden von Wilderern erlegt, sodass ihre Population dramatisch sinkt. Während Anfang der Achtzigerjahre noch mehr als 1,2 Millionen Elefanten in Afrika beheimatet waren, gehen Experten mittlerweile von nur noch etwas mehr als 500.000 Afrikanischen Elefanten aus.
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Drei bis vier Prozent der Population werden jedes Jahr abgeschlachtet für Gewinnmargen, die sich in den vergangenen 30 Jahren verzehnfacht haben. Mafiabanden – die ihre Kundschaft vor allem in Asien sehen – haben die Wertschöpfungskette vom Tod des Elefanten bis zur Verschiffung des Elfenbeins lautlos organisiert. Dabei ist das Jagen und vor allem der Handel – seit diesem Jahr auch in China – verboten. Doch die Gier ist stärker als die Gesetzestreue.
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Was genau spielt sich in Afrika ab? Und wie kann man diesen teuflischen Kreislauf von Verboten, Wilderei und Schmuggelei durchbrechen? Darüber spreche ich im Morning Briefing Podcast mit Dr. Sybille Quandt. Die promovierte Tierärztin, Pilotin und Veranstalterin von Foto-Safaris lebt seit 20 Jahren in Südafrika und hat als Expertin selbst schon bei der Umsiedlung von Elefantenherden geholfen. Sie spricht in großer Offenheit über die Alltäglichkeit des afrikanischen Skandals:
Verbote werden unterwandert. Eine internationale Mafia ist unterwegs, die aus China stammt und natürlich über Mittelsmänner überall in Afrika verfügt.“
Die Tatsache, dass Botswana in diesem Jahr die Jagd auf Elefanten wieder legalisiert hat, beschreibt Sybille Quandt als Symptom eines afrikanischen Populismus. Die Reaktion des Deutschen Jagdverbandes (DJV), der die Freigabe der Elefanten zum Abschuss begrüßt hat, stößt auf ihr Unverständnis. Oder um es mit Alexander Kluge zu sagen: „Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte des Zorns.“
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YouTube
Der Ruhestand war für den 65-Jährigen Manfred Herpolsheimer zu ruhig. Deshalb hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Leverkusen sein Pensionärsdasein jetzt beendet und tritt als „Money Manni“ bei YouTube auf. Er will der jungen Generation erklären, wie das alles funktioniert mit dem Geld, den Krediten, den Bürgschaften und dem Hauskauf.

Bisher haben erst rund 4.000 Leute zugesehen, es werden mit Sicherheit aber noch mehr. Die Themen Geld und Geldanlage haben in diesen Zeiten Konjunktur. Oder wie George Bernard Shaw zu sagen pflegte: „Geld ist nichts. Aber viel Geld – das ist etwas anderes.”

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Start in das Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor