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DAS MORNING BRIEFING
18.07.2018
 
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Guten Morgen,
Donald Trump erlebt bei seiner Rückkehr nach Washington ein aufgewühltes Land. Republikaner und Demokraten, vor allem aber Mitarbeiter der Sicherheitsdienste FBI, CIA und NSA sind empört über die Illoyalität gegenüber dem unabhängigen Sonderermittler, der die russische Einflussnahme auf den Wahlkampf 2016 mittlerweile glaubt nachweisen zu können. „Verräter" ist das Etikett, das man Trump nun ankleben möchte.
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Und wie reagiert Trump? Er mag das Etikett nicht. Er will es abreißen und twittert drauf los. Vor den versammelten Journalisten im Weißen Haus – kaum, dass er heimischen Boden betreten hat – erklärt er sein volles Vertrauen in die Arbeit der Dienste. Er bestätigt, dass Russland sich eingemischt habe. Und fügt dann lakonisch hinzu, „it could be other people also”. Es könnten auch andere böse Buben gewesen sein. Spätestens jetzt sind Freund und Feind in Verwirrung vereint.
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Es ist diese strategische Unschärfe, die Trump von den traditionellen Politikern unterscheidet. Bei ihm gibt es keine „message control. Möglicherweise ist er sogar kontrolliert unkontrolliert. Er liefert jedenfalls oft beides, die Behauptung und ihr Gegenteil, das Dementi und dann das Dementi des bereits Dementierten. Er blafft die Kanzlerin an – wie gestern im „Fox News”-Interview - und wird sie bald wieder umschmeicheln. Er wütet gegen Nordkorea und umarmt dann den Diktator. Er verhöhnt die republikanische Partei und versammelt sie. Seine Gegner können ihr Unglück kaum fassen. Wer eine gespaltene Persönlichkeit treffen will, muss zweimal zielen.
 
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Überraschung an der New Yorker Börse: Weil die Zuwächse im Abonnement-Geschäft von Netflix, dem Streamingdienst aus Kalifornien, derart durchwachsen ausfielen, bewegte sich der Nasdaq-Index heute Nacht nur mit gebremster Kraft nach oben, plus 0,6 Prozent. Die Netflix-Aktie sackte zeitweise um zehn Prozent nach unten.
 
 
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Beim DAX wartet man heute Morgen auf harte Unternehmenszahlen und vertreibt sich die Zeit bis dahin mit Spekulationen. Die heißeste handelt von der bevorstehenden Zerschlagung des ThyssenKrupp-Konzerns. Dagegen spricht, dass die Krupp-Stiftung für eine solche Radikalkur kein Mandat besitzt. Berthold Beitz hat sich bei Stiftungschefin Ursula Gather wahrscheinlich schon aus dem Industriellenhimmel gemeldet.
 
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Für die Zerschlagung allerdings spricht, dass sie den Wert der Firma womöglich steigern und die Jobs sicherer machen würde. Siemens-Chef Joe Kaeser traut sich kaum mehr durchzuschlafen, weil er wie ein guter Wachhund mit einem Auge von München in Richtung Ruhrgebiet blinzelt. Die profitable Aufzugssparte von ThyssenKrupp würde ihn sehr interessieren. Doch angesichts der Befürchtungen der Arbeitnehmer und der ständigen Alarmbereitschaft der NRW-Landespolitik ist strategische Geduld gefragt. Der gute Wachhund stellt sich schlafend.
 
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Die US-Notenbank wird bei ihrer Politik der graduellen, also gemäßigten Anhebung der Leitzinsen bleiben. Das sagte Fed-Chef Jerome Powell heute Nacht vor dem Senate Banking Committee. Die EZB hört die Botschaft und wird sie weiter ignorieren. Solange Südeuropa auf Pump lebt, muss der Stoff günstig sein, sagen die Experten. Nur kein kalter Entzug. Das sind übrigens dieselben Experten, die bei der nächsten Finanzkrise wieder sehr überrascht sein werden. Dabei gilt: Ab einem bestimmten Alter ist man auch für seine Überraschungen verantwortlich.
 
Die EU und Japan haben das größte bilaterale Handelsabkommen aller Zeiten geschlossen. Eine Zone des begünstigten Handels entsteht, die rund ein Drittel des weltweiten Sozialprodukts umschließt. Europäische Wein- und Käsehersteller werden günstiger denn je nach Japan exportieren können. Im Gegenzug verbilligen sich Toyota, Mitsubishi und Co. Wir lernen und freuen uns: Die Vernunft ist auch im Zeitalter der angekündigten Handelskriege nicht ausgestorben.
 
 
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Berlin ist nicht Weimar, aber womöglich doch ein Vorort. Mathias Döpfner hält die Stabilität unserer Demokratie nicht für garantiert. Im Interview mit dem Internet-Portal Meedia, das heute Morgen veröffentlicht wird, sagt der Journalist und Springer-Vorstandschef: „Die Bürger haben ein Gespür dafür, wenn Politiker Politik für sich selbst machen.” Die Wähler suchten nach einem anderen Typus: Wenn es gut gehe, seien dies Leute, die ohne nationalistisches oder populistisches Gedankengut auskommen. „Wenn es schlecht geht, wackelt die Demokratie.”

Den Berufsstand der Journalisten nimmt Döpfner von der gesellschaftlichen Sehnsucht nach Erneuerung nicht aus. Er spricht von der „unheiligen Nähe von Journalisten zur Politik”, von Kollegen, die ihren „Leitartikel als Politikberatung” verfassten und sieht die „Gesinnungspolizei” der political correctness am Werk, die auch in den Redaktionen ihre Patrouillen durchführt. Döpfners Schlussfolgerung: „Wir müssen neu denken. Wenn wir das nicht hinbekommen, werden es andere tun.” Prädikat Pflichtlektüre.

Noch glauben allerdings viele Journalisten, das Wort „Disruption” betreffe nur Parteien, Dieselmotoren und Einzelhändler. Dabei hat das Wort unsere Texte längst verlassen und sich auch zwischen Newsroom und Verlegerbüro eingenistet. Da hockt es und wartet auf schlechtere Zeiten. Wir werden nicht bedroht, nur belauert. Wir werden nicht zensiert, nur bezweifelt. Niemand wird den unabhängigen Journalismus hierzulande verbieten. Aber man wird ihn auf seine demokratische Standfestigkeit testen.
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Ich weiß aus Hunderten (oder sind es mittlerweile Tausende?) von Zuschriften, dass die Bezieher des Morning Briefing nicht nur lesefreudig, sondern auch wehrhaft sind. Sie wissen, dass Meinungsfreiheit kein Geschenk des Staates ist, sondern ein Muskel, den wir täglich trainieren müssen.

In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihre Freude am gedanklichen Frühsport, auch für Ihre Freude am Widerspruch, und wünsche Ihnen einen fröhlichen Tag.

Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor