Trump als Buffalo Bill | Inflation moderat | Internet bleibt Neuland

 

DAS MORNING BRIEFING
02.08.2018
 

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Guten Morgen,

Trump bleibt Trump, da helfen keine Pillen. Via Twitter fordert er jetzt den Justizminister der USA auf, die Ermittlungen gegen den russischen Geheimdienst wegen der Wahlbeeinflussung in den USA zu beenden:

„Das ist eine schreckliche Situation und unser Justizminister Jeff Sessions sollte diese Hexenjagd sofort stoppen.“

Wenn man Trump verteidigen wollte, könnte man sagen: Amerika ist mit dieser Ruchlosigkeit vom Siedlerparadies zur Weltmacht aufgestiegen. Der locker sitzende Colt und nicht der Rechtsstaat wiesen den Weg durch die Indianergebiete zur Westküste. Im Wilden Westen lag die Betonung eben nicht auf Westen. Donald Trump ist so gesehen nicht der Nachfolger von Roosevelt, Clinton und Obama, sondern von Buffalo Bill.

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Es gibt Meldungen, da hat man das Gefühl, sie vor vielen Jahren zum ersten Mal gehört zu haben. Dazu gehört diese: „Der Bund will mehrere Milliarden Euro in eine leistungsfähige digitale Infrastruktur in Schulen, Wohnzimmern und Unternehmen investieren. Die Anschubfinanzierung hat das Kabinett jetzt beschlossen“, meldete gestern die „Tagesschau“. Diese Nachricht hätte eher in die „heute-show“ gepasst. Diese Regierung ist so digital wie die Bahn pünktlich.

 

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Die gute Nachricht: Deutschlands Vorstandsvorsitzende nutzen die Sommerpause zur Innovation. Die schlechte Nachricht: Der Erfindergeist bei Daimler, Siemens und Volkswagen beschäftigt sich derzeit nicht mit neuen Produkten oder Dienstleistungen, sondern mit Organigrammen.

Auf den Vorstandsetagen werden Kompetenzkästchen, Verantwortungsbereiche und Berichtslinien derart liebevoll gemalt wie sonst nur beim Creative Painting Workshop in der Toskana.

 

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Bei VW, wo Herbert Diess gestern das beste Quartals-Ergebnis aller Zeiten vermeldete, will man das Firmenorganigramm in die Segmente „Volumen“, „Premium" und „Super Premium" zerlegen, um künftig „schneller und dezentraler Entscheidungen zu treffen“. Dabei war doch die Geschwindigkeit bei der Dieselaffäre nicht das Problem, im Gegenteil: Es beeindruckte, wie rasend schnell die illegale Abschaltvorrichtung in Audi, Škoda und Golf eingebaut war. Das Ganze lief in perfekter Dezentralität, was man schon allein daran erkennt, dass der ehemalige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn bis heute ahnungslos bleiben konnte. Autonomie ist, wenn jede Division auf eigene Rechnung fälscht.

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Was Herbert Diess kann, kann Dieter Zetsche schon lange. Daimler soll in die drei rechtlich selbständigen Einheiten namens „Mercedes-Benz“, „Daimler Truck“ und „Daimler Mobility“ aufgeteilt werden, wobei sich unter Mobility kein neues Superauto, sondern die alte Sparte Finanzdienstleistungen verbirgt.

Der Vorstandsvorsitzende will den Divisionen mehr Freiheit lassen. Er selbst symbolisiert schon seit längerem Leadership by Lässigkeit mit Sneakers und offenem Hemd. Beim letzten Besuch von BlackRock-Chef Larry Fink gab sich Zetsche derart leger, dass der Chef-Investor irritiert war. „Glaubt der Dieter etwa, er sei hier auf Urlaub“, fragte Fink, nachdem er die Chefetage verlassen hatte.

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Die Siemens AG unter Joe Kaeser will sich den Trend auf keinen Fall entgehen lassen. Erst durchlief Kaeser selbst die Metamorphose vom Schnauzbart-Spießer zum Start-Up-Evangelisten. Gestern brachte er seine „ Vision 2020+“ durch den Aufsichtsrat. Die altehrwürdige Siemens-Zentrale soll in eine Holding umbaut werden, die den Töchtern mehr Freiraum und höhere Profitziele zuweist. Auch hier war die Kunst der Ingenieure gefragt, in diesem Fall allerdings der Sprachingenieure. Hinter der Division „Smart Infrastructure“ verbirgt sich eine alte Bekannte, die „Siemens Gebäudetechnik“, oder noch einfacher: der Hausmeister mit Handy.

Einen schönen Nebeneffekt hat die neue Managementmode der lässigen Führung vor allem für die Vorstandsvorsitzenden selbst. Denn: Erfolge gehen weiter mit dem Chef-Chef nach Hause, derweil der Misserfolg künftig in den Divisionen wohnt. Getreu der Maxime von Winston Churchill: „Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance.“

 

 

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Mit dem Finger auf andere zeigen kommt nicht gut an. Zumindest nicht, wenn der Andere der eigene Chef ist. Deshalb hat Deutsche-Bank-Vorstand und DWS-Chef Nicolas Moreau heute Stress. Die Schuld für das ständige Absacken seiner DWS-Aktie und den Abfluss von Milliarden an Kundengeldern schob er diskret Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, seinem Vorgesetzten, in die Schuhe. Moreau beklagte, die schwierige Lage des Mutterkonzerns sei für seine Geschäfte „nicht hilfreich“.

Was für eine Ungeschicklichkeit. Jeder Deutsche-Bank-Lehrling weiß doch, dass am jämmerlichen Zustand des Geldhauses alle schuld sind, nur nicht der jeweilige Chef. Der Text des berühmten Volkslieds lautet zu Recht: „Die Gedanken sind frei. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, es bleibet dabei: die Gedanken sind frei.“ Aber was für die Gedanken gilt, gilt eben nicht für die Worte, schon gar nicht die eines einfachen Vorstandsmitglieds. Sewings Jäger haben bereits durchgeladen.

 

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Die gute Nachricht zum Schluss. Die Inflation steigt, aber sie steigt so moderat und so planmäßig, dass wir uns deshalb nicht sorgen müssen. Vieles schmilzt in diesem Saharasommer dahin, unsere Währung nicht: Der Euro bleibt hart.

Ich wünsche Ihnen einen unbeschwerten Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor