20200313_Aufmacher
Guten Morgen ,

an der Börse gibt es immer etwas zu feiern. In guten Zeiten veranstalten die Investoren mit Vorliebe das Festival von Gier und Größenwahn. In unsicheren Zeiten feiern sie den Weltuntergang.

Womit wir bei Corona wären. Obwohl die Todeszahlen  sich weiterhin mit Ausnahme von China (3176) und Italien (1016) moderat entwickeln – Frankreich (61), USA (40), Japan (19), Irak (7), Deutschland (6), Philippinen (2), Österreich (1), Ägypten (1), Polen (1), Thailand (1), Indonesien (1) –  rasen die Weltbörsen, ganz wie in Friedrich Dürrenmatts surrealer Erzählung „Der Tunnel“, dem Abgrund entgegen:

Mein Herr, ich habe Ihnen wenig zu sagen. Wie wir in diesen Tunnel geraten sind, weiß ich nicht, ich habe dafür keine Erklärung. Doch bitte ich Sie zu bedenken: Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muss also irgendwo hinführen. Nichts beweist, dass am Tunnel etwas nicht in Ordnung ist, außer natürlich, dass er nicht aufhört.“
Für die Rationalität der Fakten sind ausgerechnet diejenigen, die zuweilen ihre Excel-Tabellen mehr lieben als ihre Mitmenschen, in der Stunde der Raserei nicht zu haben. Die von vielen unterstellte Exponentialfunktion – also der raketenförmige Anstieg des Corona-Virus – trifft zwar auf die Zahl der Infizierten zu, aber nicht automatisch auf die der gemeldeten Toten.
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In China, wo das Zahlenmaterial aufgrund der dortigen Initialinfektionen reichhaltiger ist, erkennt man eine Entkoppelung. Die hohe Zahl der Infizierten führte bisher keineswegs zu einer vergleichbar hohen Todeszahl. Die übergroße Mehrheit der Infizierten – circa 62.000 von fast 81.000 – hat die Klinik wieder verlassen.
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In Italien sieht es anders aus. Aber wer ist dafür verantwortlich? Das Virus? Oder womöglich das marode Gesundheitssystem des Landes?

Auch die deutlichen Warnungen der Bundeskanzlerin – und die drastischen Einschränkungen, die der Bundesgesundheitsminister empfiehlt – sind keineswegs als Vorboten einer teuflischen Todesserie zu verstehen. Sie dienen – im Gegenteil – dem Zweck, die Infektionskurven abzuflachen und dadurch eine Überlastung der Krankenhaus-Infrastruktur zu verhindern. Nicht das Virus führt notgedrungen zum Tode, sondern die nicht adäquat erfolgte Behandlung der schweren Fälle.

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Geht die Strategie von Angela Merkel und Jens Spahn auf, kommt es über einen gestreckten Zeitraum dennoch zu hohen Infektionszahlen. Aber: Die wirklich schweren Fälle werden in diesem Szenario schneller und intensiver betreut. Auch dann wird es zu Todesfällen kommen. Aber: „Bei langsamer Verbreitung werden die Corona-Opfer in der normalen Todesrate verschwinden,“ sagt Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité.

Zur Erinnerung: Jedes Jahr sterben in Deutschland auch ohne Corona 850.000 Menschen. Dafür wiederum ist nicht die Große Koalition verantwortlich, sondern ein namentlich unbekannter Schöpfer, der uns alle mit Haltbarkeitsdatum versehen hat.

Die hohen Infektionsraten – Merkel sprach von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung – sind keineswegs die Sensation, die daraus gemacht wurde. Diese Zahl, sagt der Präsident der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen, „mag für den Laien schockierend wirken, ist aber nüchtern betrachtet nichts Bedrohliches: Es gibt Viren, die praktisch jeden mindestens einmal befallen. Zum Beispiel Herpes und Influenza“. China – das in gewisser Weise wie eine Preview für das Geschehen in Europa gesehen werden kann – zeigt zudem, das Corona beherrschbar ist. Die Zahl der Neuinfektionen geht zurück. Nach einer Schrecksekunde hat das dortige Gesundheitssystem generalstabsmäßig reagiert und die im Westen bis heute vertretene Logik – hohe Fallzahlen gleich hohen Todesraten – gebrochen.

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Die japanische Bank Nomura geht in ihrer jüngsten Analyse davon aus, dass Dreiviertel aller wirtschaftlichen Aktivitäten im Reich der Mitte wieder den Betrieb aufgenommen haben. Die China-Korrespondenten verschiedener Zeitungen melden die allmähliche Normalisierung des Straßenverkehrs und auch in den Restaurants kehrt das Leben zurück. Die Weltgesundheitsorganisation lobt:

Chinas kompromissloser und rigoroser Einsatz zur Eindämmung der Übertragung des Virus bietet wichtige Lektionen für die globale Reaktion.“
Für die schwerwiegenden ökonomischen Folgen zeichnet also nicht das Virus selbst verantwortlich, sondern das, was der Mensch daraus macht. Wahn und Wirklichkeit haben sich an den Weltbörsen entkoppelt. Wir sind Zeitzeugen einer Wertvernichtung, die durch das unkoordinierte, aber gleichgerichtete Handeln von Crash-Spekulanten mit den medialen Erregungsfabriken zu einer Wirklichkeit eigener Art geführt hat. Wie auch immer sich die Pandemie weiterentwickelt: Die Wohlstandsverluste sind garantiert. Die Rezession, die uns nun ins Haus steht, ist die Prophezeiung, die sich selbst erfüllt.

Ob er die Notbremse ziehen solle, fragte der junge Mann und wollte nach dem Haken der Bremse über seinem Kopf greifen, torkelte jedoch im selben Augenblick nach vorne, wo er an die Wand prallte. Ein Kinderwagen rollte auf ihn zu, und Koffer rutschten heran; seltsam schwankend kam auch der Zugführer mit vorgestreckten Händen durch den Packraum. Wir fahren abwärts, sagte der Zugführer.

► Die Wall Street unterbrach gestern zum zweiten Mal in dieser Woche den Handel, um den Kursverfall zu dämpfen. Trotzdem fiel der Dow Jones um zehn Prozent auf 21.200 Punkte. Der S&P 500 verlor 9,5 Prozent, der Technologie-Index Nasdaq 9,3 Prozent.

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► Auch der Dax stürzte gestern weiter ab und schloss mit einem Minus von über zwölf Prozent – am Ende des Tages zählte der Index nur noch 9161 Punkte.

Sie wird immer weiterrasen, antwortete der Vierundzwanzigjährige und wies auf den Geschwindigkeitsmesser. Hundertfünfzig. Ist die Maschine je Hundertfünfzig gefahren? Mein Gott, sagte der Zugführer, so schnell ist sie nie gefahren, höchstens Hundertfünf. Eben, sagte der junge Mann. Ihre Schnelligkeit nimmt zu. Jetzt zeigt der Messer Hundertachtundfünfzig. Wir fallen.“ 

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Die Europäische Zentralbank, die ohnehin nicht mehr vorhat, die Politik des billigen Geldes zu beenden, ist dankbar für die neue Notwendigkeit ihrer unkonventionellen Maßnahmen:

► Das Kaufprogramm für Staatsanleihen wird ausgeweitet – bis Jahresende will die EZB weitere 120 Milliarden Euro künstlich geschaffenes Notenbankgeld bereitstellen. Gewissermaßen als Nervennahrung für die Börsianer.

► Die Konditionen für Kredite sollen zugunsten der Vergabe an kleinere und mittlere Unternehmen gelockert werden. Dafür bietet die EZB den Banken langfristiges Zentralbankgeld günstiger an. Die Abhängigkeit des ohnehin süchtigen Finanzssektors wird mit weiteren Injektionen verstärkt.

► Der für dieses Jahr geplante Bankenstresstest wird verschoben. Die Ergebnisse könnten unliebsam sein. So genau will jetzt es jetzt keiner wissen. Längst ist der Virus von den Börsen auf die Realwirtschaft übergesprungen:

► In der Luftfahrtindustrie haben sich die Kurse der globalen Anbieter seit Jahresbeginn mindestens halbiert: Flugzeugbauer Boeing verlor bislang etwa 51 Prozent seines Börsenwertes, der europäische Konkurrent Airbus sogar 58 Prozent. Die Deutsche Lufthansa fiel ebenfalls um 47 Prozent und notierte gestern bei neun Euro.

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► Das Wertpapier des  Sportartikelherstellers Nike ging im selben Zeitraum um fast 27 Prozent zurück, Konkurrent Adidas stürzte um 40 Prozent ab.
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Der Kurs von Volkswagen ging um fast 38 Prozent zurück, die von Autobauer Daimler um 50 Prozent. Für Firmen ohne Ankeraktionär – wie Daimler – besteht ab jetzt akute Übernahmegefahr. Ein weiterer Kursrutsch macht Deutschlands einstige Edelmarke zum Schnäppchen.
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Bildunterschrift
► Der Finanzsektor reagiert trotz der EZB-Politik labil. Die Deutsche Bank fiel erstmals unter die Marke von fünf Euro pro Aktie – seit Januar verlor der Titel rund 34 Prozent, die Commerzbank 47 Prozent. Die Baisse nährt die Baisse.
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Obwohl das Virus sich entsprechend den Erwartungen der Mediziner entwickelt, tobt an den Weltbörsen der Wahnsinn. Robert Shiller, der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2013, fasst das surreale Geschehen wie folgt zusammen:

Was wir jetzt haben, sind zwei Epidemien. Wir haben eine Epidemie des Coronavirus, aber wir haben auch eine Epidemie der Angst, die auf einer Erzählung basiert, die nicht unbedingt mit der wissenschaftlichen Realität Schritt hält.“
Für die Angsterzählung zeichnen vor allem die Medien verantwortlich, die den Vormarsch des Virus wie den Einmarsch der Roten Armee behandeln. Eine Auswertung der Schweizer Analysefirma Media Tenor kommt zu dem Ergebnis, dass ARD und ZDF dem Coronavirus in ihren wichtigsten Nachrichtensendungen – Tagesschau, Tagesthemen, Heute und Heute Journal – bereits in den ersten Wochen der Pandemie mehr Sendezeit einräumten als der gesamten Berichterstattung über die Vogelgrippe, Ebola und die Terroranschlägen von 9/11. Media-Tenor-Gründer Roland Schatz: „Hier sind erkennbar die Proportionen verrutscht.“
Offenbar ist Dürrenmatts Weltuntergangserzählung dabei, die Artengrenze von der Belletristik zum Sachbuch zu überspringen:

Was sollen wir tun?, schrie der Zugführer durch das Tosen der ihnen entgegen schnellenden Tunnelwände hindurch dem Vierundzwanzigjährigen ins Ohr. Der ruhte mit seinem fetten Leib, der jetzt nutzlos war und nicht mehr schützte, unbeweglich auf der ihn vom Abgrund trennenden Scheibe. Was sollen wir nun tun? Nichts, antwortete der andere unbarmherzig, ohne sein Gesicht vom tödlichen Schauspiel abzuwenden, doch nicht ohne eine gespensterhafte Heiterkeit. Nichts. Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.“

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Im Morning Briefing Podcast  begrüßt Sie heute „Welt“-Vize Robin Alexander mit folgenden Themen: ► Er spricht mit SPD-Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach über dessen Selbstquarantäne und die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung des Coronavirus. ► Pakete, Briefe, Service: Die Post wird digital.

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► Mit Thierry Chervel, Gründer des Online-Kulturmagazins „Perlentaucher“, erörtert er die Proteste gegen die umstrittenen Woody-Allen-Memoiren. Halten Sie durch. Bleiben Sie heiter. Ich wünsche Ihnen einen guten Start in das Wochenende. Es grüßt Sie herzlichst Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor
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