Bayer-CEO liefert | ThyssenKrupp lädt zum Leichenschmaus
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Guten Morgen ,

was als medizinisches Ereignis im chinesischen Wuhan begann, hat sich in Peking, Washington und Berlin zum politischen Stresstest entwickelt. Nun gerät mit der Verbreitung des Coronavirus weltweit auch die Realwirtschaft unter Druck – mit spürbaren Auswirkungen auf Wohlstand und Arbeitsplätze

Der medizinische Befund übertrifft mittlerweile die schlimmsten Befürchtungen der Gesundheitsbehörden. In Kreisen von Infektionsexperten herrscht Alarmstufe Rot:

2858 Tote sind zu beklagen .

83.373 Menschen in 53 Ländern auf sechs Kontinenten haben sich infiziert.

► Allein in Europa sind über 800 Menschen infiziert, davon 655 in Italien

► 32 Fälle des Virus mit dem Namen Covid-19 sind in Deutschland bekannt. Von den 16 Fällen, die vor dem 25. Februar 2020 bekannt waren, sind 15 bereits wieder gesund und aus der Klinik entlassen. 

Gestern Abend wurden in Nordrhein-Westfalen weitere 14 Personen identifiziert, die an dem Coronavirus erkrankt sind. Vier weitere Fälle gibt es mittlerweile in Baden-Württemberg, einen in Rheinland-Pfalz, Bayern und Hessen. In Hamburg wurde ein Kinderarzt am Universitätsklinikum Eppendorf positiv getestet.

► Einer der infizierten Patienten aus NRW war auf einer Karnevalsveranstaltung mit 300 Personen. Die Gäste stehen unter Quarantäne. Insgesamt sind derzeit in NRW etwa 1000 Menschen isoliert.

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Die Volkswirtschaften, die sich in den vergangenen Wochen noch weitgehend immun wähnten, sind von Rezession bedroht:

► In einer aktuellen Umfrage der Außenhandelskammer China melden 64 Prozent der Befragten aus dem Automobilsektor sinkende Nachfrage aus China, 60 Prozent der Autofirmen bestätigen eine verzögerte Produktion durch fehlende Lieferungen. 

► Im Maschinenbau melden 71 Prozent der befragten Unternehmer Logistik-Störungen und eine verzögerte Produktion. Fast jeder zweite Befragte will die Geschäftsziele dieses Jahr nach unten korrigieren (siehe Grafik). 

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► Der Medizintechnik-Konzern Fresenius ist von der behördlich verhängten Quarantäne in weiten Teilen Chinas betroffen. Die Lieferketten zu den Kliniken sind unterbrochen

► Der weltgrößte Sportartikelhersteller Nike teilte mit, die Hälfte seiner Läden in China vorübergehend zu schließen

► Auch Adidas meldet Umsatzrückgänge seit dem chinesischen Neujahrsfest am 25. Januar von bis zu 85 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Adidas betreibt 500 eigene Geschäfte in China, dazu 11.000 Franchise-Filialen. 

► Der deutsche Leitindex Dax büßte am Donnerstag zwischenzeitlich 4,4 Prozent ein und fiel damit auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2019.

► Der S&P 500, der Index der 500 größten börsennotierten Unternehmen in den USA, hat seit dem 19. Februar mehr als zehn Prozent an Wert verloren. 

► Starökonom Nouriel Roubini sagt einen Rückgang der Aktienmärkte von 30-40 Prozent voraus.

Politische Folgen sind garantiert. Nur die Wucht, mit der sie in den verschiedenen Machtzentralen der Welt einschlagen werden, ist noch unklar. 

Japan hat als erstes Land der Welt alle Schulen bis März geschlossen, um ein mögliches Ausbreiten zu verhindern. Premierminister Shinzo Abe verkündete die Maßnahme persönlich am Donnerstag. Er will sich als starker Mann inszenieren und damit revitalisiert aus der Krise hervorgehen.

► In China ist das öffentliche Leben in den betroffenen Regionen zum Erliegen gekommen. 700 Millionen Menschen sind betroffen. Schulen sind geschlossen, Unternehmen haben ihre Betriebsstätten dichtgemacht. Staatspräsident Xi Jinping bezeichnet den Virus als „größte Gesundheitskrise seit Staatsgründung“. Maos Satz „Die Wahrheit kommt aus den Gewehrläufen“ stimmt in der Volksrepublik nicht mehr. Die Wahrheit sieht aus wie ein Virus.

► US-Präsident Donald Trump nimmt den Corona nach anfänglichem Desinteresse erstmals ernst. Er hat seinen Vizepräsidenten Mike Pence zum Corona-Beauftragten ernannt und ermahnte Reporter im Weißen Haus: „Wascht Eure Hände!“

Hongkong hat angekündigt, jedem Erwachsenen, der einen festen Wohnsitz in der Sonderverwaltungszone besitzt, einmalig 10.000 Hongkong-Dollar (umgerechnet 1165 Euro) zu überweisen. Das sogenannte „Helikoptergeld“ soll den demokratischen Aufruhr in der ehemaligen Kronkolonie verhindern.

► Gesundheitsminister Jens Spahn kämpft den Kampf seines Lebens. Sein Schlingerkurs, erst Abwiegelung („Wir bekommen auch einen Masern-Ausbruch mit deutlich milderen Maßnahmen in den Griff“, 27. Januar), nun die Konstatierung einer „deutlich verschärften Lage“, gepaart mit der Feststellung, dass das Land auf eine Pandemie nicht vorbereitet sei, sind seinem Macherimage nicht zuträglich. Was für den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber die Oder-Flut, ist für Spahn der Coronavirus: Zeit der Bewährung

► Der Krisenstab der Bundesregierung berät heute erneut über Not-Maßnahmen. Eine Absage der Internationale Tourismusmesse am 4. März in Berlin gilt als wahrscheinlich. Die Virenträger aller Nationen sollen zu Hause bleiben.

Fazit: Noch bleiben die Auswirkungen des Coronavirus weit hinter einer heftigen Wintergrippe mit über 20.000 Toten im Jahr 2013 in Deutschland zurück. Doch schneller als der Virus verbreitet sich aktuell eine neue, globale Angstkultur

Aus den Zutaten der Moderne, als da wären die Angst vor der Globalisierung, die cineastisch befeuerte Furcht vor Killerviren und das in multiplen Krisen gereifte Misstrauen in die Funktionsfähigkeit des Nationalstaates, mischen die apokalyptischen Reiter einen toxischen Cocktail. Wer auf sich hält, nippt daran. Der Gegenwartsnarr trinkt auf Ex.

 
Für den Morning Briefing-Podcast  hat „Welt“-Vize Robin Alexander mit dem Virologen Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin der Universität Hamburg über die Ausbreitung des Virus und die Gefahr in Deutschland gesprochen. Er sagt:
Wir werden in den nächsten Tagen an den Punkt kommen, an dem Großveranstaltungen abgesagt werden müssen.“

Die Politik sieht er beim Krisenmanagement in einem Dilemma: 

Das ist eine dynamische Lage, und das ist wirklich sehr schwer auch für die Politik, die wichtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt zu ergreifen. Da kann man ganz schnell zu früh oder zu spät dran sein. Bisher ist eigentlich alles so gelaufen, wie es laufen sollte. Das heißt; nicht zu panisch, aber es ist auch nichts Gravierendes versäumt worden.“

Dass die vielerorts ausverkauften Atemmasken sinnvoll sind, bezweifelt der Virologe indes:

Nein, das ist keine kluge Maßnahme, da sind wir uns alle einig. Atemmasken sind für Leute da, die krank sind. Da sind sie hilfreich, weil sie dann die Viren abfangen.“

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Die Reaktionen auf das Verfassungsgerichtsurteil zur Sterbehilfe bewegen die Republik. Einer, der sich intensiv mit dem Thema befasst hat, ist der frühere Grünen-Politiker Volker Beck. Der Mann war Bundestagsabgeordneter, religionspolitischer Sprecher seiner Partei und damals einer der Unterzeichner des Gesetzes zum Verbot von „geschäftsmäßiger“ Sterbehilfe. Nun hat das oberste Gericht dieses Gesetz aufgehoben. Wer todkranken Menschen beim Sterben hilft, muss nicht mehr mit Strafe rechnen.

Im Morning Briefing Podcast  kritisiert Volker Beck das Urteil:

Das ist ein positivistisch liberalistischer Freiheitsbegriff, der die soziale Bedingtheit des Willens bei einem Menschen völlig außer Acht lässt.“

Dass die Hilfe zur Selbsttötung nun in den Pflegekliniken des Landes eine Option wird, sei besorgniserregend:

Da müssen wir sehr aufpassen, dass Menschen, die das zwar sagen, aber eigentlich gar nicht wollen, sich dann für diesen Weg entscheiden, weil sie sich gesellschaftlich unerwünscht fühlen und denken, sie könnten damit die sozialen Erwartungen anderer befriedigen.“
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Der Konflikt zwischen der Türkei und Syrien spitzt sich dramatisch zu: Bei einem Luftangriff auf die türkische Armee in der nordsyrischen Provinz Idlib kamen mindestens 33 Soldaten ums Leben. Als Vergeltung griff die Türkei in der Nacht zu Freitag Stellungen der syrischen Regierungstruppen an - und rief die Nato um Beistand an.
 

Christian Lindner durchlebt schwierige Tage. Hinter seinem Rücken wird getuschelt, über Amsterdam und die Absage bei Anne Will, über die neue Liebe und den nach Ansicht mancher Beobachter nachlassenden politischen Elan. Allerdings: Schaut man auf das Barometer der Standfestigkeit, das präzise misst, wann welcher Parteifreund sich wie aus der Deckung wagt, muss Lindner nicht bange sein.

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Kein einziger halbwegs prominenter Liberaler hat bisher personelle Konsequenzen gefordert. Nur auf Twitter liefern sich die Lindner-Gegner ein Stelldichein der Schmähkritik. Unter #lindnerruecktritt heißt es „Politik ist was für Profis!“ Oder auch: „Bin mal gespannt wie lange Herr #Lindner zurücktritt!“

Fazit: Rustikal, aber ungefährlich.

 
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dpa
 

Was Bayer-Chef Werner Baumann bei der Vorstellung der Bilanzzahlen ein „schwieriges Marktumfeld“ im Agrarsektor nannte, sind 50.000 Kläger gegen das Düngemittel Glyphosat der US-Tochter Monsanto. Der Kauf des Saatgutherstellers beschäftigt weiter die Juristen des Leverkusener Konzerns.

Doch trotz dieser juristischen Turbulenzen hat Baumann das operative Geschäft im Griff:

► Der Konzernumsatz stieg 2019 um 18,5 Prozent auf 43,5 Milliarden Euro. Das schafft derzeit im Dax kein anderer Traditionskonzern.

► Den um Sondereffekte bereinigten Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) konnten die Leverkusener um 28 Prozent auf 11,5 Milliarden Euro steigern. Die Zuwächse gingen auch auf Monsanto zurück, dessen Geschäft erstmals in der Bilanz vollständig enthalten ist. 

Unterm Strich bleibt ein Gewinn von 4,09 Milliarden Euro – auch dank des Verkaufs von Unternehmensteilen ein Plus von 141 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Konkurrent BASF hatte seine Investoren unlängst mit einer Gewinnwarnung verschreckt. Baumann legt Wert auf den Unterschied: „Wir haben 2019 geliefert“

Fazit: Die vorgelegte Bilanz besänftigt nicht die Kritiker, aber beruhigt die Nerven der Investoren. Werner Baumann ist der Stehauf-Mann der Deutschland AG. Wer derart abliefert, wird vielleicht nicht geliebt, aber auf keinen Fall wird er über Nacht abgelöst. 

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ThyssenKrupp braucht dringend Geld. Jetzt wird der angezählte Konzern 17,2 Milliarden Euro bekommen. Für diese Summe hat das Management seine lukrative Aufzugssparte an ein Konsortium rund um die Finanzinvestoren Advent und Cinven verkauft.  

Die gute Nachricht: Mit Rolltreppen, Fahrsteigen und Aufzügen lässt sich bei wachsender Weltbevölkerung und dem Bauboom bei Wolkenkratzern gutes Geld verdienen. Die schlechte Nachricht: Der Rest-Konzern ThyssenKrupp wird an der Börse nicht mal mehr mit sechs Milliarden Euro bewertet, weniger als ein Drittel des Kaufpreises für die Aufzugssparte. So sehen Übernahmekandidaten aus. Das Management lädt zum Leichenschmaus.

 
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dpa
 

Für den Geschäftsmann Sir Richard Branson galt bisher: Höher, schneller, lauter. Der britische Milliardär etablierte mit „Virgin“ eine eigene Fluglinie, fertigte zwischenzeitlich U-Boote und mischte mit einem eigenen Rennstall in der Formel 1 mit. Der Griff nach den Sternen misslang. Mittlerweile greift der Raketenmann nach jedem Strohhalm.

Wie „Bloomberg“ berichtet, hat Bransons Raumfahrtunternehmen „Virgin Galactic Holding“ nach Analysten-Herabstufungen in knapp einer Woche mehr als eine Milliarde Dollar an Wert verloren. Die Firma wollte eigentlich noch dieses Jahr Tickets für Raumfahrt-Shuttles an Privatpersonen ausgeben. 

„Wenn deine Träume dich nicht erschrecken, sind sie zu klein“, hat Richard Branson einmal gesagt. Oder wie der polnische Aphoristiker Wieslaw Brudzinski zu sagen pflegte: „Aschehaufen haben es gern, wenn man sie für Vulkane hält.“
 

Ich wünsche Ihnen einen optimistischen Start in das Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor
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