Rossmann-Gründer im Interview | Merkels Kader
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
06.03.2019
…
dpa
Guten Morgen,
China verliere „seinen Wow-Faktor“, schreibt Asien-Experte Daniel Moss von „Bloomberg“. Aber das trifft nur auf Menschen zu, die sich das Staunen abgewöhnt haben. In Wahrheit erleben wir, dass sich das Märchen von Hans im Glück auch rückwärts erzählen lässt: Aus dem Schleifstein des Mao Zedong wurde ein Schwein, aus dem Schwein in der Zeit von Deng Xiaoping ein Pferd, bis die heutige chinesische Führung unter Xi Jinping schließlich einen Goldklumpen in den Händen hält.
…
 
Wir sind Zeitzeugen eines Aufstieges, der auch dann märchenhaft bleibt, wenn das chinesische Wachstum sich jetzt auf 6,5 Prozent verlangsamt. Richtig ist: Damit wächst Chinas Wirtschaft so langsam wie seit 1990 nicht mehr. Richtig ist aber auch: Deutschland hat Wachstumsraten dieser Höhe zuletzt unter Ludwig Erhard erlebt. Unser Wow-Effekt hieß damals Wirtschaftswunder.
…
 
Das wahre Ausmaß des chinesischen Höhenflugs wird erst dann sichtbar, wenn man die Wachstumszahlen ihrer Abstraktion entreißt und auf die Anzahl der Menschen bezieht. Der nur moderate Bevölkerungszuwachs der vergangenen Jahrzehnte, begünstigt durch die staatliche Ein-Kind Politik, katapultierte Millionen Menschen aus der Armutszone in Richtung Mittelschicht. Aus Bauern wurden Bürger. Pro Kopf stieg das chinesische Bruttoinlandsprodukt kaufkraftbereinigt 2000 bis 2020 um sagenhafte 362 Prozent, derweil die Inder nur um rund 188, die Deutschen um 27 und die Amerikaner um 24 Prozent zulegten.
…
 
Drei Dinge machen die chinesischen Wirtschafts- und Finanzpolitiker besser als die Amerikaner:

► Die USA brüskieren die Welt, China vernetzt sie: Seit 2008 sind die weltweiten chinesischen Direktinvestitionen um 834 Prozent auf 1,9 Billionen US-Dollar gestiegen. Das Projekt Seidenstraße ist attraktiv auch für den Westen. Heute Nacht erklärte Italien als erstes G7-Land, dass es sich an dieser Neubelebung eines tradierten Handelsraumes beteiligen will.

► Die chinesische Führung hat erkannt, dass der Kapitalismus am besten dann funktioniert, wenn er von einem starken Sozialstaat begleitet wird. Das Konzept der „Harmonischen Gesellschaft“ ist dem amerikanischen Konzept einer „The-winner-takes-it-all-Society“ überlegen.

► Amerika fährt seine Staatsverschuldung nach oben, der chinesische Staat ist nur mit 50 Prozent der Wirtschaftskraft verschuldet. Erst wenn man die Außenstände der Privathaushalte und der Firmen hinzurechnet, ergibt sich jenes Bild, das den westlichen Alarmismus erklärt.
…
 
Bei der Bekämpfung der Wirtschaftsflaute allerdings ergeben sich Parallelen. Um die Binnennachfrage zu stimulieren, will die KP (genauso wie Trump) die Angebotsbedingungen der Firmen verbessern. Unternehmen sollen um 263 Milliarden Euro entlastet werden, sagte Premierminister Li Keqiang auf der Jahrestagung des Volkskongresses, der gestern in Peking begonnen hat und noch bis zum 15. März dauert. Die Mehrwertsteuer auf Industriegüter wird von 16 auf 13 Prozent gesenkt. Kredite an kleinere Firmen sollen um 30 Prozent gesteigert werden.
…
 
Fazit: Die Warnungen des Westens vor einer chinesischen Vergreisung, vor einem Platzen der dortigen Immobilienblase und den Folgen einer zu hohen Verschuldung sind in Wahrheit westliche Hoffnungen, die sich als Furcht tarnen. Die neue Weltmacht geht trotz all dieser Herausforderungen seit Jahrzehnten ihren Weg und wird bis 2030 die mit Abstand bedeutendste Volkswirtschaft der Welt sein (siehe Grafik).

Die Funktionäre der Kommunistischen Partei debattieren auch auf diesem Volkskongress in einer Ernsthaftigkeit und Offenheit, wie man sie sich im Bundestag und auf Capitol Hill nur wünschen könnte. „Der Abwärtsdruck auf die chinesische Wirtschaft nimmt weiter zu“, sagte Premier Li in seiner Antrittsrede: „Deswegen sollten wir uns in ausreichendem Maße auf härtere Kämpfe gefasst machen.“ Bei den DAX-Konzernen nennt man das Erwartungsmanagement. Das wahre Motto des Volkskongresses müsste lauten: Vorsprung durch Panik.
 
…
dpa
 
Die Zahl der Aids-Toten ist erschreckend hoch: Seit Ausbruch der Epidemie in den Achtzigern sind 39 Millionen Menschen an Aids gestorben. Das sind mehr Menschen als in Dänemark, Österreich und den Niederlanden leben.

Erst einmal – und das war vor zwölf Jahren in Berlin – ist es gelungen, einen Aids-Kranken zu heilen. Gestern dann ein erneuter Durchbruch, diesmal in London: Wieder wurde mit einer Stammzellen-Transplantation das Virus im Blut vernichtet, jedenfalls ist es nicht mehr nachweisbar. Diese zweite Heilung ist besonders wichtig: Sie beweist, dass der „Berliner Patient“ nicht zufällig geheilt wurde. Jetzt erst wissen wir: Was damals geschah, war ein Wunder, aber ein Wunder mit Methode.
…
 
Der Mediziner, dem dieser Durchbruch zum ersten Mal gelungen ist, heißt Dr. Gero Hütter. Mit diesem Pionier der HIV-Bekämpfung habe ich für den Morning Briefing Podcast  gesprochen. Seine Arbeit wurde durch den Erfolg der Londoner Kollegen nachträglich geadelt. Er sagt:
Die Reproduzierbarkeit einer Therapie ist der Prüfstein, dem man sich stellen muss.
Erfreulich ist für Hütter auch, dass sich sein Patient von damals noch immer bester Gesundheit erfreut. Der Mann lebt seit zwölf Jahren ohne Medikamente.
 
Deutschland ist bekanntermaßen ein rohstoffarmes Land – kaum Öl, kein Gold und unsere Steinkohle will keiner mehr haben. Aber es gibt einen nachwachsenden Rohstoff: Und das sind die deutschen Familienunternehmer. Sie sorgen mit regionaler Verwurzelung und sozialer Gesinnung für gesellschaftliche Stabilität, derweil viele Großkonzerne ins Wanken geraten sind.
…
 
Für den Morning Briefing Podcast  habe ich mit einem Familienunternehmer gesprochen, der als lebende Legende gelten darf: Dirk Roßmann ist Gründer und Unternehmer der gleichnamigen DrogerieketteAus dem Nichts schuf er ein Imperium mit mittlerweile fast 4.000 Filialen, 56.000 Beschäftigten und einem Umsatz von 6,7 Milliarden Euro. Anders als sein Kollege Anton Schlecker wurde er nicht zum Pleitier.

Im Interview erzählt der Milliardär eine Geschichte, die von Minderwertigkeitskomplexen, geringer Schulbildung und einem beengten Elternhaus erzählt:
Auf der Mittelschule haben sie zu meiner Mutter gesagt: Bei meiner Intelligenz wäre es besser, sie würde mich da wieder runter nehmen. Ich habe an mir gezweifelt.
Diesen Selbstzweifel bekämpfte er mit einem beispiellosen Bildungsprogramm, das er sich selbst verordnete:
Bei uns zu Hause stand „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von Arthur Schopenhauer im Buchregal. Das habe ich mir als 14-jähriger genommen. Erst verstand ich nur Bahnhof, Bahnhof, Bahnhof. Und dann hab ich mir einen Duden geholt und vier Jahre lang diesen Schopenhauer studiert. Das war für mich existentiell.
Wir sprechen über die unveräußerlichen Tugenden, die ein erfolgreicher Unternehmer besitzen muss. Dazu zählen für ihn neben Fleiß und Ideenreichtum auch Schlitzohrigkeit. Als er publikumswirksam anbot, gebrauchte Zahnbürsten und Gebisse für eine D-Mark aufzukaufen, wenn die werte Kundschaft im Gegenzug eine neue Zahnbürste bei ihm erwirbt, hatte er kühl kalkuliert. Der Preis für die neue Zahnbürste war über Nacht nach oben geklettert. Schlitzohr Roßmann:
Ich war immer auch ein bisschen der brave Soldat Schwejk.
Aufgrund der geringen Margen im Drogeriemarkt, glaubt Roßmann, werde der Internethandel weder ihn noch den Lebensmittelhandel verletzen können. Wird es die Rossmann Märkte in Zukunft noch geben? Seine Antwort: Unbedingt.
 
…
Getty Images, picture-alliance
 
Bundestrainer Jogi Löw trennt sich von den Weltmeistern Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller. Die drei Nationalspieler werden bei der Qualifikation für die kommende WM nicht mehr dabei sein. Löw geht es um Erneuerung und mehr Spielraum für den fußballerischen Nachwuchs, wie er gestern offen zugab. Nostalgie ist kein Geschäftsmodell, so könnte man seine Entscheidung zusammenfassen.

Womit wir bei Angela Merkel wären. Die Erneuerung auch ihrer Mannschaft scheint überfällig:

► Der Jerome Boateng im Team Merkel heißt Heiko Maas: Immer adrett gekleidet, nur leider fehlt ihm der Drang zum Tor. Einmal konnte er das Publikum überraschen, das allerdings war am Spielfeldrand, als er die Schauspielerin und ehemalige Playboy-Titelheldin Natalia Wörner stolz als seine neue Freundin präsentierte. Dem politischen Spiel hingegen konnte er keine entscheidenden Impulse geben. Daher: bitte auswechseln.

► Der zweite Spieler, der de facto um Entbindung bittet, ist Entwicklungsminister Gerd Müller. Er kämpfte zwar nie in der Klasse von Mats Hummels, aber den Zenit hat er hinter sich, bevor er ihn erreicht hat. Er bekämpft nicht die Fluchtursachen in Afrika, sondern seine eigene politische Müdigkeit. Und wenn er nicht immer wieder mit der Regierungsmaschine irgendwo in Afrika stranden würde, wüsste man gar nicht, dass es ihn noch gibt.

► Horst Seehofer ist der Thomas Müller des Bundeskabinetts: ein verdienter Stammspieler, viele Tore, nur jetzt leider ausgebrannt. Seit langem schießt er nur noch Eigentore.

Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor