Interview mit Helmut Markwort | Kein Preis ohne Frieden
 
DAS MORNING BRIEFING
05.10.2018
 
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Guten Morgen,
die Nato rüstet auf. Die Militäretats in den USA und auch in Deutschland werden erhöht. Und da dieses Geld ausgegeben werden muss, startet in diesen Tagen das große Manöver „Trident Juncture“ (Dreizack-Knoten) mit 45.000 Soldaten, 10.000 Militärfahrzeugen, 150 Flugzeugen und 60 Kriegsschiffen in Norwegen nahe der russischen Grenze. Die Feinde der Freiheit, wo auch immer sie sich versteckt halten, sollten beeindruckt sein.
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Doch diese Feinde, darin liegt eine Respektlosigkeit der Gegenwart, zeigen sich unbeeindruckt. Sie kommen nicht mit Drohnen, Panzern und Amphibienfahrzeugen zu uns, sondern halten sich in unseren Computern versteckt. Wie einst die griechischen Soldaten, die in ein vor den Toren Trojas aufgestelltes Holzpferd kletterten und so in die Stadt gelangten, kommt der neuzeitliche Feind per Maus und Mikro-Chip in unsere Büros, um dort den Computerbesitzer auszuspionieren. Und noch ein Unterschied: Die Griechen unserer Tage sehen aus wie Chinesen.

Mit dieser Enthüllungsgeschichte schockte gestern „Bloomberg News“, die Nachrichtenorganisation des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg, die westliche Welt. Spionage-Chips von der Größe einer Bleistiftspitze seien in Computern und Handys versteckt, mit dem Ziel, große US-Technologiefirmen und Behörden zu infiltrieren – darunter Apple, Amazon, Google und das US-Verteidigungsministerium. Bloomberg beruft sich auf 17 anonyme Informanten aus Unternehmens- und US-Regierungskreisen.
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Gefunden wurden die Mikrochips auf Hauptplatinen von Servern, die das Unternehmen Super Micro Computer, Inc. lieferte und die in China zusammengebaut worden waren. Demnach sollen die chinesischen Militärs die Mitarbeiter der Werke bestochen haben, um die winzigen Teile in die Server einzubauen. Ziel der Aktion sei ein Zugang zu Firmen- und Regierungsnetzwerken, sowie Unternehmensgeheimnissen gewesen, sagte eine Quelle aus Regierungskreisen. Apple, Amazon und die chinesische Regierung dementieren.
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Für den Morning Briefing Podcast  habe ich mit Professor Hannes Federrath, Informatiker und Experte für Cyber-Security an der Universität Hamburg gesprochen, der die neue Bedrohung beschreibt und bewertet. Bevor der Bundestag auch nur einen einzigen neuen Panzer bewilligt, sollte er ihm genau zuhören. Der Experte für moderne Kriegsführung würde durchaus in die Abwehr investieren – aber eben nicht in Panzer, sondern in den Aufbau einer europäischen Chip-Industrie. Ursula von der Leyen und Peter Altmaier – bitte zuhören.
 
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Die Wahlergebnisse der CSU waren bislang immer einzigartig. In Bayern regierte sie als de facto Staatspartei mit absoluter Mehrheit. Doch damit dürfte es am 14. Oktober vorbei sein. Die jüngsten Meinungsumfragen sagen nur noch 33 Prozent der abgegebenen Stimmen voraus. Doch alles ist relativ: Die Berliner SPD würde bei einem derartigen Ergebnis vor Glück weinen. Die CSU des Markus Söder aber wetzt bereits die Messer. Parteichef Horst Seehofer sollte zu seinem persönlichen Schutz die Hells Angels heuern.
 
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Einer, der sich auf das Ende des CSU-Monopols freut, ist Helmut Markwort, der Gründer und langjährige Chefredakteur von „Focus“. Er kandidiert bei den Landtagswahlen für die FDP und besitzt das, was man einen sicheren Listenplatz nennt. Mit seinen 81 Jahren wäre er der Alterspräsident des Landtages und darf daher eine in ihrer Länge unbegrenzte Eröffnungsrede halten. Für den Morning Briefing Podcast  habe ich mit ihm gesprochen – über politische Erstarrung, die Lehren des Rudolf Augstein und seine Lust auf das Abenteuer Politik.
 
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Die Explosion der Mieten wird zum Politikum. Die Wohnungspreise steigen derzeit nirgendwo in Europa so stark wie in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt der „Wohnreport“ eines Immobiliendienstleisters. So kletterten die Preise hierzulande allein im vergangenen Jahr um 9,6 Prozent. Dabei unterscheidet sich der Kaufpreis innerhalb des Landes radikal – in München liegt er doppelt so hoch wie in Leipzig (Grafik oben). Das ist der Sprengstoff, aus dem politische Bomben sind.
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Kaufen oder Mieten? Dies beantwortet das „Risiko-Rendite-Ranking 2018“, das hierfür 111 deutsche Städte untersuchte (Grafik oben). In München, Berlin, Frankfurt am Main oder Düsseldorf ist die Kaufbelastung für finanzierte Immobilien so hoch, dass sich für den Bewohner finanziell eher ein Mietverhältnis lohnt. Der Immobilienkauf dagegen scheint vor allem in Dessau, Greifswald oder im Ruhrgebiet attraktiv. Trostlosigkeit als Kaufpreisvorteil.
 
 
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Geht es nach Michael Müller, Berlins Regierenden Bürgermeister, soll es in Berlin bald schon ein „solidarisches Grundeinkommen“ statt Hartz-IV geben. Der Senat hat sich darauf verständigt, in Berlin eintausend staatlich geförderte Arbeitsstellen mit geringerer Qualifikation zu schaffen, an denen diese Art eines „bedingungslosen Einkommens“ getestet werden soll.

Die Idee stammt vom Regierenden Bürgermeister. Das Geld stammt vom Bund. Der eine lädt ein, der andere zahlt. Diese Arbeitsteilung hat sich in Berlin bewährt.
 
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Böses Omen für die Deutsche Autoindustrie: Der kalifornische Elektropionier Tesla hängt in den USA erstmals die deutschen Premium-Hersteller ab. Das Model 3 gehörte in den vergangenen zehn Monaten zu den meistverkauften Automodellen der USA und hat damit BMW und Mercedes überholt. Allein 55.800 Fahrzeuge konnte Elon Musk in den vergangenen drei Monaten in Nordamerika verkaufen. Die C-Klasse von Mercedes brach um 24 Prozent ein. Das sind keine Verkaufsstatistiken. Das sind Warnleuchten, die bereits zu glühen beginnen.
 
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Heute wird wieder der Friedensnobelpreis vergeben – und das in einer Welt des vorsätzlichen Unfriedens. Der Nahe Osten ist ein Pulverfass. Amerika, Russland, China und Türkei, überall sind die Brandstifter unterwegs. Das Friedensnobelpreiskomitee täte der Welt den größten Gefallen, wenn es diesmal auf die Preisvergabe verzichten würde. Ohne Frieden kein Preis. Das Komitee muss diesmal mit den öffentlichen Erwartungen brechen, um seine Friedensmission erfüllen zu können. Vielleicht bedeutet in unseren Tagen ein Ja zum Frieden ein Nein zur Welt, wie sie ist.

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende der Gelassenheit. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor