Türkei in der Zinsfalle | Managergehälter in den USA
 
DAS MORNING BRIEFING
17.08.2018
 
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Guten Morgen,
das neue Erkennungszeichen von CDU und CSU ist, dass es kein Erkennungszeichen mehr gibt. Vor wenigen Wochen drohte man sich mit Koalitionsbruch, wenn den Flüchtlingen nicht endlich der Grenzübertritt verweigert würde. Jetzt legt Horst Seehofer ein Gesetz vor, das die Einwanderung für Fachkräfte erleichtert und die Bevorzugung deutscher Bewerber beseitigt. Der Schleswig-Holsteinische CDU-Ministerpräsident fordert unter dem Stichwort „Spurwechsel“ sogar abgelehnten Asylbewerbern den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. Wir staunen: Der Flüchtling, gestern noch eine Lästigkeit sondergleichen, wird plötzlich als VIP behandelt. Die Partei sucht erkennbar ihre Mitte. Das derzeitige Programm eines verwirrten deutschen Konservatismus trägt den Namen „Wischiwaschi“. Wähler der Union, die jetzt nicht irritiert sind, sind selber schuld.
 
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Die „Bild“-Zeitung, die sich anfangs an der Willkommenskultur der Kanzlerin beteiligt hatte, schlägt mittlerweile andere Töne an. In seinem heutigen Leitartikel auf Seite zwei der Zeitung plädiert Chefredakteur Julian Reichelt für Härte und Konsequenz gegenüber Gefährdern, die das Grundgesetz missachten und der deutschen Zivilbevölkerung nach dem Leben trachten. 767 Gefährder und 465 Menschen der Geheimdienstkategorie „relevante Personen“ leben in Deutschland, obwohl viele von ihnen keinen deutschen Pass haben und sich nachweislich geschworen haben, diesem Land zu schaden. Kein Staat der Welt mache es seinen schlimmsten Feinden so bequem wie Deutschland, schreibt Reichelt. Man wünschte, man könnte widersprechen. Doch die Radikalisierung geht in diesem Fall nicht von den Meinungen, sondern von den Tatsachen aus. Eine Boulevardzeitung, die das nicht bemerkt, schafft sich ab.
 
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Die türkische Zentralbank steckt in der Falle: Einerseits würde das Vertrauen der Anleger in die türkische Lira und in türkische Staatsanleihen durch eine kräftige Leitzinserhöhung gestärkt. Die Investoren warten auf eine Risikoprämie. Andererseits kann die Realwirtschaft nichts weniger gebrauchen als steigende Zinsen. Die industrielle Produktion ging im Juni um zwei Prozent gegenüber dem Vormonat zurück. Experten rechnen mit einer Rezession spätestens im vierten Quartal. Eine Zinsverteuerung würde den Motor abwürgen, der ohnehin schon stottert. So sehen moderne Tragödien aus: Die Notenbanker sind zum Nichtstun gezwungen. Die Herren schauen ihrem Land beim Scheitern zu.
 
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In den USA hat sich die Schere zwischen den Gehältern der Vorstandsvorsitzenden und dem durchschnittlichen Salär ihrer Arbeiter weiter geöffnet. Im Mittel verdienen die Chefs der Top-Firmen wie McDonalds, Walmart und Amazon mittlerweile das 312-fache des Durchschnittsgehalts ihrer einfachen Mitarbeiter. Das berichtet eine soeben vorgelegte Studie des Economic Policy Institutes aus Washington. Zum Vergleich: Im Jahr 1965 betrug das Verhältnis der Top-Gehälter zu den Arbeitsentgelten erst das Zwanzigfache.

Der Grund für die extreme Spreizung liegt vor allem daran, dass die Durchschnittslöhne der Arbeiter und Angestellten seit Jahren stagnieren, derweil die Vorstandsvergütungen im Jahr 2017 durchschnittlich um 17,6 Prozent stiegen. Es gibt eben auch eine Umverteilung von unten nach oben. Der „Guardian“ spricht in seiner heute erschienenen Analyse von einer „Gehalts-Bonanza“.
 
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In Europa haben sich die Vorstandsgehälter in den vergangenen Jahren ebenfalls sportlich entwickelt, aber nicht so krass wie in den USA. So verdiente der Spitzenverdiener der Schweizer Bank UBS, ihr CEO Sergio Ermotti, im Jahr 2017 „nur“ 273-mal so viel wie die UBS-Angestellten mit den tiefsten Löhnen. Überall da, wo der Staat Anteile besitzt – bei Bahn, Lufthansa und Commerzbank – fällt das Vorstandsgehalt und damit auch die Lohnspreizung deutlich geringer aus. Hier schaut man mit Tränen in den Augen nach Amerika. Alles ist eben relativ: Fünf Haare auf dem Kopf sind relativ wenig. Fünf Haare in der Suppe relativ viel.
 
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Der neue Star am Finanzhimmel der Bundesrepublik setzt seinen Aufstieg fort, wie die gestern vorgelegten Quartals und Halbjahreszahlen belegen. Der Umsatz von Wirecard stieg gegenüber dem ersten Halbjahr 2017 um knapp 46 Prozent auf 898 Millionen Euro, der operative Gewinn um 39 Prozent auf 245 Millionen Euro. Ein Drittel der Umsätze blieb als Gewinn in der Kasse. Wir lernen und staunen: Nur mit Waffenhandel und Prostitution erzielt man höhere Profite als im digitalen Geldgeschäft. Bei der deutschen Bank nimmt man mittlerweile Antidepressiva.
 
 
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Henkel-Chef Hans Van Bylen hat den Aktionären Quartalszahlen der durchwachsenen Sorte serviert: Würde das Unternehmen nicht Kosmetika, Waschmittel und Klebstoff herstellen, sondern Steaks verkaufen, wäre die Kategorisierung klar: Wenig Prime Rib, viel Entrecôte und zwischendurch jede Menge Bauchfleisch. Dass der Vorstandschef die Erwartungen für das Restjahr nach unten setzte, wirkt auf Aktionäre wie ein Appetitzügler.
 
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Die Deutsche Bahn kann alles, nur nicht pünktlich. Mehr als jeder vierte Fernzug der staatlichen Transportfirma ist im Juli zu spät gekommen. Die Quote pünktlicher ICE und Intercity rutschte auf 72,1 Prozent ab, meilenweit vom 82-Prozent-Ziel entfernt, das der Vorstand vorsichtshalber schon vor Wochen aufgegeben hat. Da man diesmal nicht Orkanböen, Glatteis oder Schneesturm für die Misere verantwortlich machen kann und das eigene Management per definitionem unschuldig ist, werden polizeiliche Streckensperrungen und die Sommerhitze als Begründung herangezogen. Wäre das Erfinden immer neuer Ausreden ein Geschäftsmodell, wäre die Bahnbilanz goldgerändert.

Ich wünsche Ihnen einen schwungvollen Start in das verdiente Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor