Zukunft des Exportweltmeisters | Saudis steigen bei Lucid Motors ein
 
DAS MORNING BRIEFING
21.08.2018
 
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Guten Morgen,
nichts ist alternativlos im Leben – nicht mal die altehrwürdigen Arbeitsgruppen in der CDU, die Senioren der CDU, die Junge Union und wie sie alle heißen. So gründen sich Gruppierungen, die sich „Werte-Union“ oder auch „Union der Mitte“ nennen: Sie sind vor allem Sammelbecken des Unbehagens gegenüber der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Deswegen ließ sie auch gestern im Präsidium beschließen, dass man keine weiteren Vereinigungen oder Gruppierungen offiziell anerkennen wolle. Das klang mehr nach DDR als nach liberaler Demokratie. Merkel sollte großzügiger sein. Die größte Splittergruppe kann sie ohnehin nicht mehr verbieten: Sie heißt CSU.
 
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Diese Information ist Gift für die deutsch-amerikanischen Beziehungen: Laut einer Prognose des ifo Instituts baut Deutschland seine Exportstärke weiter aus und wird zum dritten Mal in Folge den größten Leistungsbilanzüberschuss der Welt aufweisen. Die Prognostiker rechnen mit einem Plus von 299 Milliarden US-Dollar. Die USA dagegen werden dieser Vorhersage nach ein Leistungsbilanzdefizit in Höhe von knapp 420 Milliarden US-Dollar ausweisen – ebenso Weltrekord, nur von der anderen Seite. Donald Trump dürfte der Puls rasen, wenn er davon erfährt.

Allerdings dürfte er sich auch in seiner Zollpolitik bestätigt fühlen, denn in der Tat fehlt dem Weltmarkt derzeit eines: die Balance. Der amerikanische Konsument (mit seinem leichten Zugang zum Kreditmarkt) wird von den internationalen Firmen umschmeichelt, der amerikanische Arbeiter eher gemieden. Die Mischung aus relativ hohen Löhnen und relativ niedriger Bildung in der US-Arbeiterschaft wirkt toxisch. Auch der hohe Dollar, dem ein schwächerer Euro gegenüber steht, hilft den amerikanischen Exporteuren nicht. Die Dollarstärke schlägt für sie in eine Exportschwäche um.

Wenn Deutschland und seine Produkte so gefragt sind, warum flammt dann immer wieder die Standortdebatte auf, die ja auch an dieser Stelle so leidenschaftlich geführt wird? Grund 1: Deutschland verdankt seine Stärke vor allem den Produkten, die im 19. und 20. Jahrhundert erfunden und seither verbessert wurden. Schaut man auf die Dienstleistungsbilanz, wo die großen Digitalkonzerne das Spiel dominieren, kehren sich die Verhältnisse um: Amerika first.
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Grund 2: Dienstleistungs-, Handels- und Leistungsbilanz sind Momentaufnahmen der Gegenwart. Die Börse hingegen gewährt einen Blick in die Zukunftserwartungen jener Menschen, die Investitionskapital besitzen (siehe Grafik unten). Und spätestens hier zeigt sich, dass Deutschland für seine Vergangenheit gefeiert und in der Gegenwart respektiert wird. Aber die Zukunft sieht – ausweislich der Kapitalströme – nicht deutsch, sondern US-amerikanisch und asiatisch aus. Polemisch formuliert: Die haben Google und Alibaba, wir ThyssenKrupp. Die produzieren iPhone und Galaxy, wir VW-Diesel. An der Wall Street herrschen Goldman Sachs und JP Morgan, in Frankfurt leiden Commerzbank und Deutsche Bank.
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Dazu passt: Ein Memo von Deutsche-Bank-Finanzchef James von Moltke wurde der „Financial Times“ zugespielt. Darin bittet er die Angestellten „wirklich jede Gelegenheit zu nutzen, um die Reiseaktivitäten zu reduzieren.“ Der Dampfer Deutsche Bank verliert weiter an Fahrt. Auf der Titanic werden allmählich die Kohlen knapp.
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Die Politik feiert das Ende der griechischen Rettungsprogramme und damit vor allem sich selbst. Wie es dem Patienten nach dieser Therapie wirklich geht, beschreibt im „Handelsblatt“ der dienstälteste deutsche Athen-Korrespondent Gerd Höhler:

„Die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie zu Beginn des Programms, über eine Million Menschen verloren ihre Jobs. Löhne und Renten fielen seit 2010 im Durchschnitt um 30 Prozent. Die Wirtschaftskraft schrumpfte um ein Viertel. Dafür ist der Schuldenberg höher denn je: Die Schuldenquote stieg von 126 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Ende 2009 auf 187 Prozent im Juni 2018. Das Land ist ausgezehrt, die Menschen sind mutlos.“

Fazit: So rettet sich Europa zu Tode. Für den größtmöglichen Geldeinsatz wurde das denkbar magerste Ergebnis erzielt. Im Süden des Kontinents wächst eine Generation heran, für die Europa keine Sehnsucht, sondern eine Drohung ist. Die ursprüngliche Misere haben die Griechen selbst zu verantworten. Die misslungene Therapie geht auf unser Konto.
 
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Dafür, dass es beim nächsten Patienten anders läuft, kämpft derzeit Sigmar Gabriel. Der ehemalige Außenminister will verhindern, dass die Türkei weiter abdriftet, womöglich die NATO verlässt und eine atomare Bewaffnung anstrebt. Zum Interview für den heutigen Podcast kam Gabriel gestern Abend ins Morning-Briefing-Hauptstadt-Studio. Im Interview skizziert er eine neue Türkeipolitik, die Moral und Geopolitik zu verbinden versucht. Das ausführliche Gespräch, das sich auch dem Verhältnis zu den USA und „der neuen deutsche Frage“ zuwendet, gibt es als „Morning Briefing Weekend Special“. Gabriel: „Im Grunde geht die Nachkriegszeit eben erst zu Ende.“
 
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In Saudi-Arabien hat man offenbar den Glauben ans Öl verloren und setzt mit hohen Beträgen auf die Elektromobilität. Nach dem Kauf eines Fünf-Prozent-Anteils an Tesla steigt der saudi-arabische Public Investment Fund nun bei einem Tesla-Wettbewerber ein, der weithin unbekannten Firma Lucid Motors Corporation. Für eine Milliarde US-Dollar kann man bereits die Mehrheit der Firma übernehmen. Das Elektroauto, darauf deuten neue Studien (siehe Grafik oben) hin, ist das iPhone der Mobilitätsgesellschaft. An die Probleme der neuen Zeit haben wir uns ohnehin gewöhnt: Dauernd ist der Akku leer.
 
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Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Start in den neuen Tag. Wenn Sie mögen, hören wir uns gleich bei der zweiten Folge von „Steingarts Morning Briefing – Der Podcast“. Wir berichten über die CDU, die sich gern spalten würde, schalten an die Wall Street zur Börsenreporterin Sophie Schimansky und sprechen – wie schon erwähnt – mit Sigmar Gabriel. Bis gleich!

Gut gelaunt grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor