Wackelkandidat Ulrich Lehner / Dampfplauderer Steinmeier
 
DAS MORNING BRIEFING
09.07.2018
 
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Guten Morgen,
mit dem vorzeitigen Abgang von Vorstandschef Heinrich Hiesinger und der Verzichtserklärung von Aufsichtsrat René Obermann gerät auch ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Ulrich Lehner, 72, ins Fadenkreuz der Anteilseigner. Der Mann aus dem Old Boys Network von Rhein und Ruhr war lange Zeit Hiesingers Schutzpatron. Das gemütliche Tempo des Konzernumbaus entspricht auch Lehners rheinischem Temperament. Er ist Moderator, nicht Macher. Gute Stimmung hält er bereits für ein Geschäftsmodell. Einen Ersatz für Hiesinger hat er nicht zu bieten, weshalb er die Arbeit nun auf die übrigen Vorstände verteilen will. Da verwechselt einer Taktik mit Strategie.

Schon als Vorstandschef von Henkel (2000 bis 2008) lieferte Lehner Jahresergebnisse – absolut und in Relation zum Umsatz – die von seinem Nachfolger Rorsted eindrucksvoll überboten wurden. Als Interimspräsident des Verwaltungsrats von Novartis genehmigte Lehner eine 58-Millionen-Abfindung für seinen Vorgänger Vasella, auf die der Begünstigte nach Protesten verzichten musste. Fazit: Lehner ist nicht der Supermann, für den er sich hält, und geht großzügig mit Geld um, das ihm nicht gehört. Sein momentaner Status bei ThyssenKrupp: oberster Wackelkandidat.
 
 
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Die Charmeoffensive von Frankreichs Präsident Macron zahlt sich aus. Der Vermögensverwalter BlackRock will seine Aktivitäten in Paris angesichts des Abschieds der Briten aus der EU intensivieren. BlackRock wird eine neue Division „Alternative Investments“ aufbauen, um Märkte in Europa und Asien von Paris aus zu bedienen. Die Entscheidung fiel, nachdem Macron und BlackRock-Chef Larry Fink sich im Élysée-Palast getroffen hatten. Die deutsche Ansiedlungsbilanz dagegen fällt neun Monate vor dem Brexit mager aus. Vielleicht liegt es daran: Merkel trifft Seehofer, Macron trifft Big Business.
 
Apropos Brexit: Heute Nacht ist der britische Brexit-Minister David Davis mit lautem Getöse zurückgetreten. Der Mann ist ein Hardliner und die eher weiche Brexit-Strategie seiner Premierministerin ist ihm zu lasch. Der Fall zeigt: Die britischen Konservativen werden die Geister, die David Cameron einst rief, nicht mehr los. In London spukt es.
 
 
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Wenn die aggressive Handelspolitik von Donald Trump einen Vorteil hat, dann diesen: Das mit US-Schutzzöllen belegte China wendet sich den Europäern zu. Auf dem chinesisch-europäischen Gipfel, der für den 16. und 17. Juli in Peking geplant ist, will man Jean-Claude Juncker Zollpräferenzen und erleichterte Investitionsbedingungen anbieten, meldet heute die „Financial Times“. Merkel werde darüber beim heutigen Arbeitsbesuch der Chinesen im Kanzleramt informiert. Damit kommt endlich Fahrt in die 2013 begonnenen Verhandlungen zum chinesisch-europäischen Investitionsabkommen. Wenn es im Leben fair zuginge, müsste Merkel ein Telegramm ins Weiße Haus schicken: Danke, Donald!
 
 
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Die Säuberungswelle in der Türkei läuft weiter. Nach den rund 160.000 Entlassungen im Zusammenhang mit der Ausrufung des nationalen Notstands durch Erdogan sind nun erneut 18.632 Staatsdiener ihres Jobs enthoben worden. Kein Wunder: Wenn ein Autokrat vom Wähler die Mehrheit und von der EU Milliarden bekommt, wird er das als Belohnung interpretieren. So gesehen hat Erdogan aus der Geschichte gelernt, wenn auch das falsche.
 
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Gier trifft Unfähigkeit: Die beiden größten Pensionsfonds des US-Bundesstaates Pennsylvania zahlten Milliarden an Wall-Street-Manager und erzielten nur armselige Ergebnisse. Das fand jetzt der Finanzchef des Bundesstaates Joseph Torsella heraus. Über zehn Jahre hätte der Fonds des Pennsylvania Public School Employees’ Retirement System 3,9 Milliarden Dollar an Management-Gebühren sparen können, wenn er auf ein aktives Management der Gelder verzichtet und stattdessen Index-Zertifikate gezeichnet hätte. Der kleinere Pennsylvania State Employees’ Retirement Fund hätte mit einer passiven Strategie rund 1,6 Milliarden Dollar gespart. Milliarden als Mindestlohn für Minderleister.

Warum wir das hier erwähnen? Auch die Fonds der europäischen Banken kassieren hohe Gebühren für Ergebnisse, die zum Teil deutlich unter der Performance von Dax und MDax liegen. Vielleicht sollte Finanzminister Olaf Scholz bei seinem Staatssekretär Jörg Kukies eine ähnliche Untersuchung in Auftrag geben. Der Mann kommt von Goldman Sachs und kennt die schlechten Angewohnheiten seiner Branche. Er weiß: Pennsylvania ist überall.
 
 
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Das politische System der Bundesrepublik weist Züge der Autoaggressivität auf. Unter dem Druck sinkender Mitgliederzahlen, schrumpfender Stammwählerdepots und einer anhaltenden Respektverweigerung durch die ökonomische und geistige Elite gehen die Parteikader aufeinander los. Das rief gestern im ZDF unseren Bundespräsidenten auf den Plan, der ein Feuerwerk der Allgemeinplätze zündete. „Wir müssen zurück zur Vernunft“, sagte Steinmeier. Donnerwetter! Das war weniger ein Debattenbeitrag als ein Lebenszeichen. Steinmeier hält das Stimmen des Instruments schon für die Musik.
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Offizieller Anlass der Wortmeldung waren die jüngsten Meinungsumfragen. Nach wochenlanger Selbstverletzung von CDU und CSU fehlt der Großen Koalition laut den Umfragen von Forsa eine parlamentarische Mehrheit. Deutschlands jüngste Partei, die AfD, liegt erstmals gleichauf mit Deutschlands ältester Partei, der SPD. Und die Berliner Akteure? Denken nicht an Selbstbesinnung, sondern an Revanche. Im neuen „Spiegel“ droht Horst Seehofer der Kanzlerin mit einer Neuauflage des Streits. So schaufeln CDU und CSU das Grab, in das die SPD später hineinfällt.

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in die neue Woche. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor