Buffett investiert | May in Brexit-Falle
 
DAS MORNING BRIEFING
16.11.2018
 
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dpa
Guten Morgen,
Theresa May ist derzeit die einsamste Frau Europas. Der Brexit, den sie nie wollte, will und kann ihr nicht gelingen. Ihre Partei und das Land sind gespalten: Allein gestern verlor sie vier ihrer Kabinettsmitglieder. Vorher waren ihr schon der Außen- und der erste „Brexit“-Minister von der Fahne gegangen.

Letztlich fliehen die Beteiligten aber nicht vor ihr, sondern vor der Verantwortung. Sie alle wissen: Die Trennung Großbritanniens von der Europäischen Union kommt einer Selbstamputation ohne Betäubung gleich. Und dafür will, um im Sprachbild zu bleiben, niemand den Kopf hinhalten.
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Der jetzt vorgelegte Brexit-Plan sieht eine Übergangsphase bis 2020 vor, in der Großbritannien am EU-Binnenmarkt teilnimmt und damit auch der Zollunion angehört. In der Handelspolitik bleibt damit alles beim Alten, ohne dass Großbritannien – und hier kommt das Bild von der Amputation wieder ins Spiel – politisch mitbestimmen darf. Das bedeutet: In Brüssel und Straßburg besitzt 10 Downing Street künftig nicht mehr Rechte als ein herkömmlicher Tourist.

Was für ein Niedergang: Großbritannien wollte wieder großartig sein und endet nun als Königreich der kleinen Brötchen. Theresa May und ihr Team bilden ein Wachsfigurenkabinett ohne Wachs. Das Land wäre besser dran, wenn es seine Fehlentscheidung korrigiert. Das Volk muss dem Volk die Wahrheit sagen. Europa wartet auf dieses britische Selbstgespräch.
 
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Bei der ersten CDU-Regionalkonferenz hatte Jens Spahn einen schweren Stand. Er forderte die Abschaffung des Soli, eine internationale Mission zur Bekämpfung des maritimen Plastikmülls und versprach artig eine gute Zusammenarbeit mit Kanzlerin Angela Merkel. Doch Wirkungstreffer konnte er bei den Anwesenden, die Werbeindustrie würde sie als „Best Ager” charakterisieren, nicht erzielen. Man traut ihm mehr zu, aber nicht den CDU-Vorsitz.
 
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Friedrich Merz machte eine tiefe Verbeugung vor der Partei. Dem politischen Nahkampf wich er aus. Er tänzelte, aber er langte nicht zu. Er zeigte seinen ökonomischen Kompetenzmuskel, aber dann verschwand er in der Deckung. Den einzigen Volltreffer erzielte er mit seiner deutlichen Kritik an der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, die dem Schröder-Diktum folgte: großes Herz, kein Plan. Er bestand auf der christlich-jüdischen Tradition des Abendlandes. Multi-Kulti erteilte er eine Absage und versprach in Deutschland keine Parallelgesellschaft zu dulden. Das Publikum badete ihn in Applaus.
 
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Annegret Kramp-Karrenbauer allerdings zeigte die größte Raffinesse. Sie zielte nicht auf Merz oder Spahn, sondern auf die Seele der Partei. Sie umarmte, streichelte und kuschelte mit den Mitgliedern. Einbringen. Zuhören. Respektvoll sein. Wenn es denn eine Margot-Käßmann-Ehrenmedaille gäbe, AKK hätte sie gestern Abend verdient.
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Die zum Teil schwierige Lage der Deutschland AG spielte nur am Rande eine Rolle. Dabei sind Globalisierung, Digitalisierung und der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz die großen Themen unserer Zeit. Die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze, sagen mehrere Studien, wird sich deutlich verändern oder sogar verschwinden. Grund genug für ein Gespräch mit McKinsey-Chef Cornelius Baur im gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast . Selbst er ist von der Wucht der Ereignisse überrascht: „Wir haben selten Zeiten erlebt, wo so viele Veränderungen gleichzeitig kommen.“
 
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Warren Buffett ist bei Amerikas größter Bank eingestiegen. Der Chef der Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway ließ JPMorgen-Chase-Aktien im Wert von vier Milliarden US-Dollar kaufen (Grafik oben). Auch Oracle-Aktien im Wert von zwei Milliarden US-Dollar legte er sich zu (Grafik unten). Die Papiere des Soft- und Hardwareherstellers stiegen nachbörslich um bis zu 3,6 Prozent.
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Buffett, der früher die Ansicht vertrat, man soll nur Aktien kaufen von Firmen, deren Produkte man sehen, fühlen und schmecken kann, investiert nun auch in die virtuellen Welten von Softwareindustrie und Investmentbanking. Der Milliardär hat das neue Buch von Christoph Keese sicher nicht gelesen, aber er lebt es: Disrupt Yourself.
 
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Die Kernidee von Hartz IV basiert auf Strafe. Wer nicht arbeitet, obwohl er arbeiten könnte, muss mit einer empfindlichen Verschlechterung seiner wirtschaftlichen Lage rechnen. So war es bisher.

Nun kommen die Grünen mit der Idee, es künftig mit Motivation zu probieren. Parteichef Robert Habeck sagt: Es ginge darum, „keinen Druck, keinen Zwang, keine Bestrafung, keine Würdelosigkeit zu produzieren, sondern Anreize zu schaffen und so den Menschen Mut zu geben.“ Das klingt angesichts eines ständig wachsenden Sozialbudgets unbezahlbar und damit verrückt.

Andererseits: Die gesellschaftliche Diskriminierung und Degradierung von Millionen Menschen am unteren Ende der Einkommensskala hat weder dem Sozialbudget noch der Demokratie gutgetan. Auch als Befürworter der Agenda 2010 muss man der unbequemen Wahrheit ins Auge sehen: Hartz IV züchtet Staatsfeinde. Die Eingriffe in das Vermögen der kleinen Leute waren Eingriffe auch in deren Würde. Es liegt nahe, jetzt den Paradigmenwechsel zu versuchen. Oder um es mit dem irischen Schriftsteller George Bernard Shaw zu sagen: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.“
 
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Die gute Nachricht zum Wochenende: Die Deutsche Bahn will rund 5.000 Mitarbeiter mehr einstellen als geplant, um ihre Servicequalität zu verbessern. „Jeder, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird eingestellt“, zitierte das „Handelsblatt“ den unter Druck geratenen Konzernchef Richard Lutz. Die Züge sind dann zwar weiter unpünktlich, aber im Bordbistro glüht die Mikrowelle und aus dem Zapfhahn spritzt das Pilsener. Als Schutzpatron der Wohlfühl-Bahn empfiehlt sich Woody Allen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er einen Drink.“

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor