Der Niedergang der SPD | Amazon durchbrich 1-Billionen-Marke
 
DAS MORNING BRIEFING
05.09.2018
 
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Guten Morgen,
die SPD hat zwischen der ersten Wahl von Gerhard Schröder zum Bundeskanzler und der Nicht-Wahl von Martin Schulz rund zehn Millionen Wählerinnen und Wähler verloren. Die Bundestagswahl vom September 2017 markierte keineswegs einen Tiefpunkt – wie damals viele glaubten – sondern nur einen Zwischenstopp auf der Reise in die Bedeutungslosigkeit. Die SPD wird, so wie die Dinge liegen, niemals mehr einen Bundeskanzler stellen können: Brandt. Schmidt. Schröder. Schluss.
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Deutschlands jüngste Partei, die sich „Alternative für Deutschland“ nennt, hat Deutschlands ältester Partei, der SPD, in den Meinungsumfragen bereits zum zweiten Mal den Rang abgelaufen. 17,5 Prozent für die AfD, 17 für die SPD wurden bundesweit gemessen (siehe Grafik oben). In Bayern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt sieht es noch finsterer für die Sozialdemokraten aus. Bald gibt es in Ostdeutschland mehr frei lebende Wölfe als SPD-Mitglieder.
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Die AfD, das zeigen Milieustudien und die Erkenntnisse zur Wählerwanderung (siehe Grafik oben), ist die neue deutsche Arbeiterpartei. Bei der NRW-Wahl und bei der Bundestagswahl gab es für die SPD die größten Abflüsse in Richtung der Rechtspopulisten. Der Angstgegner der Sozialdemokratie heisst nicht Merkel, sondern Gauland. Das untere Drittel der Einkommenspyramide, da wo früher Dosenbier getrunken, „Bild“ gelesen und SPD gewählt wurde, hat sich nach rechts abgemeldet. Dosenbier und „Bild“ sind geblieben. Die Rest-SPD hat sich im Lehrerzimmer verschanzt.
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Wenn man die Wahlergebnisse der vergangenen fünf Jahre geradlinig fortschreibt, erkennt man die grausame Dynamik der Prozesse. Bereits im Jahr 2021 wäre die AfD die stärkste Partei im Lande, gefolgt von Union, dem großen Nichts und dann erst der SPD. Das vorsätzliche Nichtverstehen der eigenen Klientel – der SPD-Stammwähler sagt dauernd Flüchtling, die SPD versteht unentwegt Rente – zahlt sich für die Partei nicht aus.
 
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Im heutigen Morning Briefing Podcast kommt dazu der Soziologie-Professor Andreas Reckwitz zu Wort, der das Ende von Industriezeitalter, Massenkultur und politischem Kollektivismus prophezeit. Und Julius van de Laar (siehe Bild unten) war im Studio, der als einziger Deutscher in Obamas Wahlkampf-Team gearbeitet hat. Er rät der SPD zu weniger Bürokratismus und mehr Vision: „Martin Luther King hat gesagt: “I have a dream.” Er hat nicht gesagt: Ich habe einen 5-Punkte-Plan.”
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Am Montag wird das neue Buch des Watergate-Enthüllers Bob Woodward in den USA veröffentlicht: „Fear. Trump in the White House.“ Es enthüllt das, was wir längst wissen: die wirren Zustände im Weißen Haus. Der eigene Stabschef nennt den Präsidenten einen Idioten. Der Verteidigungsminister wird mit den Worten zitiert, der Präsident habe die Aufnahmefähigkeit eines Fünftklässlers. Kurzerhand gaben die Meinungsumfragen nach (siehe Grafik unten). Und Trump? Rief bei Woodward an. Im Podcast können Sie Ausschnitte aus dem Gespräch hören.
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Der Online-Marktplatz Amazon hat gestern, wie zuvor Apple, die Schallmauer von 1 Billion US-Dollar an Börsenwert durchbrochen. Davon könnte man 43 Mal die Deutsche Bank kaufen oder 15 Mal BMW (siehe Grafik unten). Tendenz steigend: Der Wert von Amazon hat sich allein in den vergangenen drei Jahren verdreifacht. Das Unternehmen beschäftigt heute 575.000 Menschen und soll 2018 über 200 Milliarden US-Dollar umsetzen. Jeff Bezos ist der Rockefeller unserer Zeit.
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Getreu der Devise des Silicon-Valley-Investors Peter Thiel, “competition is for losers”, hat Firmengründer Bezos nicht auf die Optimierung des traditionellen Handels gesetzt, sondern eröffnete einen Online-Marktplatz. Ein Segment, auf dem damals noch kein Unternehmen aktiv war. Er wollte die Kaufhäuser nicht optimieren, sondern disruptieren. Das eben unterscheidet die Manager der Industrie 4.0 vom Pionier. Sie beschneiden den Baum. Er pflanzt neu.
 
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In Wiesbaden tagt heute das Verwaltungsgericht, um über den Luftreinhalteplan der Stadt Frankfurt zu befinden. Die Deutsche Umwelthilfe hat geklagt, weil Frankfurt die gesetzlichen Umweltwerte nicht einhält. Die Stadt des großen Geldes ist zugleich auch die Stadt der großen Stickoxide. Geld stinkt nicht, die vielen Diesel-Autos schon.

Ich wünsche Ihnen einen beschwingten Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor