McKinsey und die Bahn | Lira stürzt ab
 
DAS MORNING BRIEFING
14.09.2018
 
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Guten Morgen,
natürlich gibt es Hetzjagden auch in Deutschland. Eine davon veranstaltet gerade die SPD. Wie eine hungrige Meute stellt sie dem Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen nach, den sie mit Billigung der Kanzlerin in Kürze zur Strecke bringen will.

Was ist geschehen? Der Mann hatte nach den Chemnitzer Ereignissen eine unbotmäßige Gelassenheit an den Tag gelegt, derweil die SPD gerade mit Feuereifer den Faschismus bekämpft. Und dann hatte sich Maaßen seit seinem Amtsantritt im August 2012 auch noch 237 mal mit Bundes- und Landespolitikern getroffen. 121 Gespräche führte er mit der Union, 69 mit SPD-Politikern, 23 mit den Grünen, 14 mit der Linken – und fünf mit Politikern der AfD. Das waren exakt fünf zu viel, sagt die SPD. Routiniert empört man sich.

Das ist nicht fair, aber das ist Politik – und zwar Kopf-Ab-Politik im Land der Empörten. Die Sozialdemokratie will jetzt nicht vernünftig sein. Sie will sich spüren, sie hat das Jagdgewehr in der Hand.
 
 
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Olaf Scholz muss allerdings aufpassen, dass er sich nicht selbst verletzt. Gestern sagte der starke Mann der SPD: „Jeder, der Verantwortung für einen der großen Sicherheitsdienste in unserem Land trägt, muss über jeden Zweifel erhaben sein – und sich auch immer wieder selbst hinterfragen.“ Scholz zeigt mit einem Finger auf Maaßen, doch vier Fingern weisen auf ihn zurück. Beim G-20-Gipfel in Hamburg, als Teile der Stadt brannten und der Schwarze Block mit Gehwegplatten auf Polizisten warf, saß der damalige Erste Bürgermeister Scholz in der Elbphilharmonie. Sein Einsatz für die Sicherheit der Stadt war vieles, aber bestimmt nicht über jeden Zweifel erhaben. Und nicht vergessen: Jeder muss sich immer wieder selbst hinterfragen.
 
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Angesichts der aufgewühlten politischen Situation stellt sich die Frage: Wer profitiert von der Polarisierung? Wie viele wirkliche Merkelhasser gibt es? Und nehmen die Bürger an dem Gegenwarts-Spektakel überhaupt teil oder haben sie sich angewidert abgewandt? Dieses und noch mehr habe ich mit dem Gründer und Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, besprochen.

Das Tröstliche dieses Gesprächs: Er diagnostiziert in der Wählerschaft den Wunsch nach Erneuerung des Parteiensystems, aber keinen Rechtsruck. Das Potenzial für eine Reformbewegung der Mitte nach dem Vorbild von Macron taxiert Güllner auf die sechsfache Größe des Wählerpotenzials der AfD. Aber wer ist der deutsche Macron: Friedrich Merz? Christian Lindner? Oder Margot Käßmann? Güllners Antwort ab 7:15 im Podcast.
 
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Die Deutsche Bahn gibt zu viel Geld für externe Beratung aus. Laut den Geschäftsberichten stiegen die Ausgaben für McKinsey und andere Berater seit 2012 von 190 Millionen auf 325 Millionen Euro. Jetzt kommt noch ein neues Beratungsmandat hinzu, denn der Vorstand weiß angesichts sinkender Umsätze, schrumpfender Gewinne und permanenter Unpünktlichkeit des rollenden Materials nicht mehr ein noch aus. McKinsey weiß zumindest, wie man Verzweiflung in Geld verwandelt.
 
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Unser Rechtsstaat wird nicht nur am Hindukusch, sondern auch im Hambacher Forst bei Köln verteidigt. Die Räumung der Baumhäuser und Bretterbuden, die Protestierer errichtet haben, geht mit großer Härte weiter. Ökologisch gesinnte Menschen wollen die Natur gegen die Gefräßigkeit des Braunkohletagebaus verteidigen. 3000 Hektar Wald sollen weichen. Die Protestierenden haben vielleicht nicht das Gesetz, aber dafür die ökologische Klugheit auf ihrer Seite. Die Polizei sollte im Rahmen ihres Auftrages nachsichtig sein: Die Zerstörung des 300 Jahre alten Baumbestandes ist womöglich rechtmäßig, aber legitim ist sie deshalb nicht. Prinzipien kann man nicht einatmen.
 
 
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Die Europäische Zentralbank stellt sich gegen die Forderungen italienischer Politiker, das Land weiter durch Anleihekäufe zu unterstützen. Mario Draghi sagte gestern: „Unser Mandat deckt nicht ab, die Tragfähigkeit von Staatsschulden unter allen Umständen zu garantieren.“ Die EZB kündigte an, für die letzten drei Monate dieses Jahres die geplanten Nettozukäufe von Wertpapieren auf je 15 Milliarden Euro zu halbieren. Für die italienischen Schulden-Politiker bedeutet das den kalten Entzug. Wenn Draghi seine Ankündigung wahrmacht, bekommt die Regierung in Rom einen Schüttelfrost.
 
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Die türkische Lira verlor in den vergangenen Monaten dramatisch an Wert. Die Inflation kletterte allein im August um 18 Prozent. Gestern reagierte die türkische Notenbank und erhöhte den Leitzins von 17 auf 24 Prozent. Kurz vorher hatte Staatschef Erdogan Zinsen noch als „Instrument der Ausbeutung“ gegeißelt. Doch auf den Finanzmärkten endet die Macht der Religion. Die Weisheiten des Koran sind hier unverkäuflich.
 
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Der chinesische Leitindex „Shanghai Composite Index“ saust ungebremst nach unten. Die in Shenzhen und Shanghai gelisteten chinesischen Firmen haben die schlechten Sitten der Wall Street für sich entdeckt und kauften alleine im Jahr 2018 bis gestern Aktien im Wert von 3,5 Milliarden Dollar zurück. Damit versuchen die Unternehmen den Index zu stützen, der seit Januar ein Viertel seines Werts verlor. Doch Aktienrückkäufe wirken ähnlich temporär wie Viagra. Die Festigkeit der Kurse wird künstlich herbeigeführt. Endet der Aufkauf, brechen die Kurse erschlafft zusammen.

Ich wünsche Ihnen einen beherzten Start in den neuen Tag. Herzlich grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor