Transatlantisches Wettlauern | Kosten der Migration | Lucy Hawking mit Interview
 
DAS MORNING BRIEFING
06.12.2018
 
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dpa
Guten Morgen,
„Ihre Enttäuschung ist unsere Enttäuschung“, rief Bayer-Chef Werner Baumann den Analysten und Fondsmanagern gestern in London zu. So klingen Kapitulationserklärungen in der Welt der Wirtschaft.

Die Enttäuschung begann mit der Selbsttäuschung des Werner Baumann, der sich mit der Monsanto-Übernahme verhoben hat, so wie Daimler-Chef Jürgen Schrempp einst mit dem Zukauf von Chrysler. Der Kaufpreis für den US-amerikanischen Saatgut- und Düngemittelhersteller war zu hoch, die Synergien sind zu gering und die Netto-Finanzverschuldung des Konzerns stieg durch den Kauf auf astronomische 35,6 Milliarden Euro.

Baumann hat, das kommt strafverschärfend hinzu, die toxische Gleichzeitigkeit von Reputations- und Haftungsrisiko durch den Miterwerb des Pflanzenschutzmittels Glyphosat unterschätzt, vielleicht sogar ignoriert. Er wollte nicht vernünftig, er wollte kühn sein. Was aussah wie eine Investition, war in Wahrheit eine Spekulation.
 
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Sein Vorgänger Marijn Dekkers, unter dessen Führung Bayer zum wertvollsten Unternehmen im Dax aufgestiegen war, ließ den Deal ebenfalls prüfen. Und entschied sich dagegen, was bis heute nur Insidern bekannt ist. Sein Urteil – zu riskant – entsprach dem des Rivalen BASF, der die Monsanto-Übernahme kurz zuvor ebenfalls vertraulich geprüft – und verworfen hatte.
 
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Baumann aber, obwohl als Finanz- und Strategievorstand unter Dekkers mit allen Gründen der Ablehnung vertraut, setzte nach dem Abgang des Chefs voll auf Risiko. Im Zimmer des neuen Vorstandsvorsitzenden galt plötzlich das Motto: Im Leben begegnen einem immer zwei Flaschen – der Vorgänger und der Nachfolger.

Gestern versprach Baumann den Investoren: „Wir werden alles tun, um den wahren Wert des Unternehmens zurück in die Aktie zu bringen.“ Damit unterstellte er: Ich sehe was, was ihr nicht seht.
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In Wahrheit will er die Anleger nicht überzeugen, sondern täuschen. Der Abbau von 12.000 Stellen und der Verkauf von rentablen Firmenteilen dienen nicht der Zukunftsfähigkeit, sondern dem Storytelling gegenüber der Börse. Vom Aufsichtsrat will sich Baumann ein Budget bewilligen lassen, um mit dem Geld aus den gesparten Stellen und den Verkaufserlösen Aktienrückkäufe zu tätigen. Bayer AG kauft Bayer AG. „Wir prüfen die Option, einen erheblichen Teil der Erlöse für Aktienrückkäufe einzusetzen", sagte der Finanzvorstand Wolfgang Nickl den Investoren in London. Aktienrückkäufe sind eine heute übliche Form der Kursmanipulation, die auch dann eine Manipulation bleibt, wenn sie der Gesetzgeber toleriert. Wie lange eigentlich noch?
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Die Bayer-Aktie hat seit dem Sommer rund ein Drittel ihres Werts verloren. Die Botschaft der Investoren ist deshalb unmissverständlich: Die Bayer AG benötigt an der Spitze wieder einen Unternehmer, keinen Spieler. Zumal der glücklose Amtsinhaber mittlerweile ohne Jetons an seinem Schreibtisch sitzt. Der Aufsichtsrat muss nur noch die erlösende Schlussformel sprechen: Rien ne va plus – nichts geht mehr.
 
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Die erste Euphorie nach der Reise der deutschen Autobosse in die USA ist schon im Landeanflug verflogen. „Vielleicht“ bauen VW und BMW neue Werke in den USA. „Möglicherweise“ lässt man in den Fabriken von Ford gemeinsam Autos bauen. Auch Trump, sagen die Unterhändler, ließ sich schließlich nicht in die Karten schauen. Die Zolldrohung von 25 Prozent auf alle europäischen Autoimporte hat er nicht widerrufen. Das transatlantische Wettlauern geht weiter.
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Die deutsche Autoindustrie muss sich ohnehin fragen, ob jene Expansionspläne, die man Trump in Aussicht stellte, noch in das Umfeld einer konjunkturellen Abkühlung passen. Kaum zurück aus Washington, sah sich VW-Konzernchef Herbert Diess genötigt, ein „massives Sparprogramm“ und höhere Autopreise anzukündigen. Volkswagen ist nicht länger eine deutsche Erfolgsgeschichte, sondern – wieder einmal – der Wackelkandidat aus Wolfsburg.
 
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Die Kosten der Migration belasten die deutschen Haushalte. Insgesamt rechnen die Länder für die Jahre 2018 bis 2025 mit Ausgaben für die ihnen anvertrauten Flüchtlinge in Höhe von 50,7 Milliarden Euro. Pro Jahr wären das rund 7 Milliarden Euro. Diese Summe entspricht ungefähr der Hälfte der Einnahmen aus dem Solidaritätszuschlag. Da der Bund den Ländern im gleichen Zeitraum aber nur 18,6 von 50,7 Milliarden Euro erstatten will, muss vor Ort gespart oder in Berlin gepokert werden. Vielleicht wäre ein deutscher Migrationspakt, der sich um Verteilungs- und Integrationsfragen kümmert, der richtige Weg. Dafür muss man dann auch nicht nach Marrakesch, sondern nur nach Marxloh fahren.
 
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Kennen Sie zufällig Lucy Hawking aus Cambridge? Wahrscheinlich nicht. Gerne würde ich Ihnen diese kluge und starke Frau mit ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte heute im Morning Briefing Podcast  vorstellen. Sie ist die Tochter des Physikers Stephen Hawking, hat mit ihm gelebt und gelitten bevor er im März diesen Jahres verstarb.
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Aber vor allem hat sie dieses Genie unserer Zeit verstanden: Seine Theorie der schwarzen Löcher. Seine Vision von der Besiedlung des Weltalls. Seine Überzeugung, dass die Welt nicht von Gott, sondern durch sich selbst erschaffen wurde. Eine kleine Enthüllung hatte sie bei unserem Treffen gestern in Berlin auch noch zu bieten: Ihr Vater war nicht nur Optimist, er war auch Sozialist. Was ihn, den Todgeweihten, wirklich schmerzte, sagt sie, war die Ungleichheit der Welt.

Ich wünsche Ihnen einen lebensfrohen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor