Bayer übernimmt sich | Amerika fürchtet Huawei
DAS MORNING BRIEFING
30.11.2018
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dpa
Guten Morgen,
die Deutsche Bank kommt nicht zur Ruhe. 170 Beamte der Staatsanwaltschaft Frankfurt, des Bundeskriminalamts, der Steuerfahndung und der Bundespolizei haben gestern die Konzernzentrale und fünf weitere Gebäude der Bank durchsucht. Heute soll, so ist aus Ermittlerkreisen zu hören, eine weitere Razzia folgen. Es geht um den Verdacht, die Bank habe im großen Stil vermögende Privatkunden bei Geldwäsche und Steuerhinterziehung unterstützt. Eine zum Konzern gehörende Gesellschaft mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln soll allein im Jahr 2016 mehr als 900 Kunden mit einem Geschäftsvolumen von 311 Millionen Euro betreut haben. Es galt das Motto: Reisen bildet – zum Beispiel Kapital.
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Deutsche Bank
Die Ermittlungen betreffen nicht nur die Gespenster der Vergangenheit, sondern – und hier wird es interessant – reichen bis zu den Akteuren der Gegenwart. Sie „beziehen sich auf einen Zeitraum von 2013 bis 2018“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Auch das Vorstandsbüro von Sylvie Matherat, zuständig für Regulierung und Compliance, wurde auf den Kopf gestellt.
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Deutsche Bank
Damit gerät auch Vorstandschef Christian Sewing in die Schusslinie. Für die Vergangenheit kann er nichts, aber alle Missstände der Gegenwart sind automatisch auch seine Missstände. Unwissenheit schützt ihn nicht, sondern wirkt als Selbstbezichtigung auf den Unwissenden zurück. Eine XXL-Bezahlung und die höchstmögliche Stufe der Verantwortung sind untrennbar miteinander verbunden, nicht nur bei der Deutschen Bank. Vorstandschefs sind auch für das verantwortlich, was sie nicht wissen.
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imago
Gestern schrieben wir an dieser Stelle mit Blick auf die Bayer AG: Die Großen haben nur gepokert, die Kleinen sind krepiert. Mittlerweile hat Vorstandschef Werner Baumann, der für 56 Milliarden Euro Monsanto kaufte und sich damit verhob, die Opferzahlen nachgeliefert. 12.000 Stellen vornehmlich im Inland werden gestrichen.
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Von den geplanten Synergien der größten Übernahme der deutschen Geschichte – Baumann hatte das Volumen einst auf jährlich 1,3 Milliarden Euro geschätzt – ist im Moment keine Rede mehr. Das den Investoren versprochene Geld soll jetzt durch Kahlschlag in allen drei Bayer-Divisionen reingeholt werden. Der Konzern prophezeit durch diese Maßnahmen mittelfristig Erträge von 2,6 Milliarden Euro pro Jahr. Nur Gläubige glauben fest daran. Doch die betroffenen Menschen verschwinden nicht. Sie werden nur umgebucht: Von der Bayer-Bilanz auf die deutsche Gesellschaft. Werner Baumann, so könnte man den Sachverhalt auch zusammenfassen, hat das Geschäftsmodell seiner Firma erfolgreich ins Politische expandiert: In den USA züchtet er Gen-Tomaten, in Deutschland Wutbürger.
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dpa
Gestern hat der Bundestag mehrheitlich den UN-Migrationspakt angenommen. Der gemeinsame Entwurf der Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD bekam 372 Ja-Stimmen, mit Nein votierten 153 Abgeordnete. 141 Parlamentarier enthielten sich.
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dpa
Außenminister Heiko Maas lobte einen Pakt, dessen größter Vorzug offenbar darin besteht, dass die Inhalte ungefährlich und rechtlich unwirksam sind. Er enthalte „keine einklagbaren Rechte und Pflichten“ und würde somit „keinerlei rechtsändernde oder rechtssetzende Wirkung“ bedeuten, so der Außenminister. Bleibt nur eine Frage: Warum um Gottes Willen verschreibt uns die Regierung eine Medizin, von der sie beteuert, sie werde weder wehtun noch wirken?
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dpa
Konkurrenz belebt das Geschäft, heißt es immer. Doch wenn die Konkurrenz aus China kommt, schlottern Deutschen und Amerikanern mittlerweile die Knie. Das chinesische Unternehmen Huawei, weltweit größter Telekommunikationsausrüster, möchte in Deutschland am milliardenschweren Ausbau des Mobilfunknetzes 5G teilnehmen. Schnelles Internet für alle. Doch die US-Geheimdienste bitten die Bundesregierung inständig, die Telekommunikationsnetze geschlossen zu halten. Ihr Stichwort heißt nicht mehr Marktwirtschaft, sondern Protektion. Der Kapitalismus frisst seine Kinder.
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imago
Chinas Regierung allerdings wird sich durch die verweigerte Kooperation nicht aufhalten lassen. Bereits vergangene Woche ließ Peking zwei weitere BeiDou-Satelliten in den Orbit schießen. Sie komplettieren den Aufbau eines eigenen Navigationssystems, ein Konkurrenzangebot zum amerikanischen GPS. Geschätzte neun Milliarden US-Dollar lässt sich die chinesische Regierung diese Aufholjagd kosten. Der Westen steht strategisch ratlos vor den Folgen seiner Globalisierungseuphorie. Der kapitalistische Geist ist aus der chinesischen Flasche entwischt – und wir waren der Korkenzieher.
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dpa
Korrektur: Die SPD in Niedersachsen legt wert auf die Feststellung, dass man die Cebit-Pleite gemeinsam mit der CDU zu verantworten habe. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Messe AG, Bernd Althusmann, sei kein Sozialdemokrat, wie von mir behauptet, sondern diene der CDU als ihr Niedersachsen-Chef. In der Sache selbst bringt diese Richtigstellung allerdings keine Entlastung. Das Staatsversagen von Hannover wird durch die gemeinsame Urheberschaft eher vergrößert. Beide Parteien sind sich offenbar so ähnlich, dass sie selbst ihre Ideenlosigkeit im Aufsichtsrat vergemeinschaftet haben. Der eine schließt die Augen, damit der andere schon mit dem Schnarchen beginnen kann.
Die Europäische Zentralbank hat gestern ihren Bericht zur Finanzstabilität vorgestellt. Darin kommt sie zu dem Ergebnis, dass die Abwärtsrisiken für das weltweite Wachstum spürbar gestiegen seien. „Angesichts hoher Bewertungen und geringer Risikoprämien wird das Finanzsystem verwundbarer“, heißt es.
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Phoenix
Diese Meinung vertritt Marc Friedrich mit Vehemenz und nicht erst seit gestern. Der Wirtschaftsexperte und Bestsellerautor („Der Crash ist die Lösung“ und „Kapitalfehler“) sieht Deutschland auf ein Schild zurasen, auf dem steht: Bis hier und nicht weiter. Im Interview für den Morning Briefing Podcast  sagt er: „Die Zentralbanken haben 2008 die Geldschleusen geöffnet und damit die Krise nicht gelöst, sondern in die Zukunft verschoben.“ Man habe eine neue Finanzmarktblase kreiert, um die vorherige abzulösen. Der Crash wurde also dadurch verhindert, dass man den nächstgrößeren vorbereitet.
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Pexels
In den Firmen hat ein Dammbruch stattgefunden, der sich mit der Harmlosigkeit der Gewohnheit tarnt. Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem arbeitet nicht länger, wie Karl Marx es beschrieben hatte, mit Entfremdung und Selbst-Entwirklichung, sondern mit Nähe und Intimität. Der Melker mit den kalten Händen, das haben uns schon die Großeltern gelehrt, macht die Kuh nur widerspenstig, nicht gefügig, weshalb der moderne Chef mit vorgewärmter Hand nach uns greift. Empathie ist kein Mitgefühl mehr, sondern eine Effizienz steigernde Disziplin der Betriebswirtschaft. Niemand will mehr Vorgesetzter sein, alle sind unser Freund und Partner, weshalb der betriebliche Kommunikationslärm via Handy auch in jenen abendlichen Stunden angeliefert wird, die früher Feierabend hießen. Das Berufliche wird privat, damit das Private dienstlich werden kann.
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Sprenger
Die Firma ist nicht mehr der andere Stern, sondern eine Raumkapsel, die in unserem Vorgarten gelandet ist. Abstandslosigkeit verdrängt Nähe, sagt der Philosoph Byung-Chul Han. Über dieses Thema habe ich mit dem Unternehmensstrategen und Management-Coach Reinhard K. Sprenger gesprochen. „Die Unternehmen haben eine Übergriffigkeit und Distanzlosigkeit kultiviert, die ich ablehne“, sagt er. Seine Empfehlung: Anstand durch Abstand. Ich wünsche Ihnen ein Wochenende in heiterer Gelassenheit. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor